Kritik

Suicide Tourist

„Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen“ // Deutschland-Start: 2. Juli 2020 (Kino)

Der Schock ist groß bei Max (Nikolaj Coster-Waldau), als er die Diagnose des Arztes hört: Hirntumor. Eine Heilung ist nicht möglich, ihm steht ein sicherer Tod bevor. Mehr noch, seine Persönlichkeit wird sich im Laufe der Krankheit verändern, wenn er zunehmend die Kontrolle über sich und seine Wahrnehmung verliert. Obwohl er eigentlich glücklich mit Lærke (Tuva Novotny) liiert ist, versucht er deshalb mehrere Male sich sein Leben zu nehmen, um dem Schlimmsten zu entkommen – jedoch erfolglos. Da stößt der Versicherungsmakler auf ein in den Bergen gelegenes Luxus-Hotel, das seinen Gästen einen Tod nach Wunsch ermöglicht. Doch was sich nach der Lösung für all sein Probleme anhört, stellt sich als Albtraum heraus …

Darf ein Mensch sich selbst das Leben nehmen? Und darf man diesem dabei helfen, wenn er es selbst nicht schafft? Das sind keine leichten Fragen, von angenehm ganz zu schweigen. Denn wer will schon entscheiden, ob eine Selbstentfaltung auch eine Selbstzerstörung beinhaltet, ob das Recht auf Leben auch eine Pflicht zum Leben bedeutet. In Deutschland ist Sterbehilfe nach wie vor ein Tabu, weshalb Todkranke, die nicht einfach ihr unwürdiges Ende abwarten wollen, ins Ausland fahren und den Dienst spezieller Einrichtungen in Anspruch nehmen. Das wurde auch schon mehrfach in hiesigen Filmen thematisiert, Und morgen Mittag bin ich tot und Hin und weg handelten jeweils von einer solchen letzten Reise.

Zwischen Liebe und Todeswunsch
Zunächst scheint es, dass Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen in eine ganz ähnliche Richtung denkt. Auch hier gibt es einen todkranken Menschen, auch hier gibt es eine Einrichtung, welche beim Selbstmord hilft. Damit einher gehen die üblichen Fragen zur Legitimität und Moral, zur Verantwortung auch. Schließlich lässt man durch seinen Tod praktisch immer jemandem zurück. Das ist sicher der große Knackpunkt für Max, der zwischen beidem abwägen muss: die Liebe zu seiner Frau und der Wunsch, dem eigenen Leid aus dem Weg zu gehen. Vieles von dem, was in dem Film geschieht, ist durch diesen Konflikt geprägt, von den Gewissensbissen auch, dass Max sich nicht von Lærke verabschieden konnte.

Anders jedoch als die obigen deutschen Beispiele, wurde das Selbstmorddrama mit einem Mystery-Thriller verknüpft. Auf Realismus wird verzichtet, von Anfang an herrscht hier eine ganz eigenartige Stimmung. Zunächst ist die eher komisch-makaber, wenn die ersten Minuten von fehlgeschlagenen Selbstmordversuchen geprägt sind. Später verwischen die Grenzen jedoch zunehmend, wenn die Bedrohung durch den Ort und die Bedrohung durch einen selbst ineinander übergehen. Der deutsche Untertitel „Es gibt kein Entkommen“ verrät bereits etwas reißerisch vorweg, dass die Sache mit dem freiwilligen Selbstmord nicht ganz so freiwillig ist. Oder um es mit den Eagles zu sagen: „You can check out any time you like, but you can never leave.“

Bekannt und doch surreal
Dabei schlägt sich Suicide Tourist nie vollständig auf die Genreseite. Zwar nimmt der Film bekannte Versatzstücke wie etwa die wundervoll unheimliche Musik, die düsteren Bilder und versteckte Orte, an denen ganz bestimmt etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Doch diese bleiben weiterhin mit der tragischen Geschichte verknüpft. Das ist nicht ganz überraschen: Regisseur Jonas Alexander Arnby und Drehbuchautor Rasmus Birch hatten vor Jahren in When Animals Dream bereits Drama mit Genre verbunden. Wurde dort jedoch der Horror genommen, um den Schrecken des Erwachsenwerdens zu verdeutlichen, findet die Entfremdung hier zum Ende des Lebens statt, eingehüllt in einen Mystery-Thriller, der die Unsicherheit von Max mit Surrealem verdeutlicht.

Wer einen reinen Thriller erwartet, für den wird das eher zu wenig sein. Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen baut eher selten tatsächlich brisante Szenen ein. Der Film ist insgesamt ziemlich ruhig. Und natürlich sind einige der Einfälle hier nicht sonderlich originell, mehr das Standardprogramm eines Mystery-Thrillers, was durch die recht nichtssagende Hauptfigur noch deutlicher wird. In der Summe ist das aber durchaus sehenswert, nicht zuletzt wegen der audiovisuellen Ausgestaltung, die das Luxuriöse mit dem Skurrilen verbindet, die Schönheit mit dem Abgrund. Eine wirkliche Antwort auf die vielen Fragen, die das Thema provoziert, findet man hier nicht, dafür aber einiges, was noch nachhallt, lange nachdem die Credits über die Leinwand gelaufen sind.

Credits

OT: „Selvmordsturisten“
Land: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Norwegen
Jahr: 2019
Regie: Jonas Alexander Arnby
Drehbuch: Rasmus Birch
Musik: Mikkel Hess
Kamera: Niels Thastum
Besetzung: Nikolaj Coster-Waldau, Tuva Novotny, Robert Aramayo, Jan Bijvoet, Solbjørg Højfeldt

Bilder

Trailer

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Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen
4 (80%) 10 Artikel bewerten

Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen
Ein todkranker Mann checkt in ein spezielles Hotel ein, das maßgeschneiderte Selbstmorde anbietet. „Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen“ beginnt kurios, wandelt sich später in einen Mystery-Thriller, ist dabei jedoch in erster Linie ein Drama, das viele Fragen stellt. Die werden nicht alle beantwortet, einiges ist auch recht konventionell. Dafür überzeugt der teils surreale Genremix atmosphärisch und audiovisuell.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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