Kritik

„Picasso“ // Deutschland-Start: 24. Januar 1957 (Kino)

Der künstlerische Prozess, wenn ein Maler ein Bild anfertigt, ein Musiker ein Lied oder ein Autor ein neues Kapitel, mag schon oft geschildert worden sein, ist aber nach wie vor ein großes, ungeklärtes Geheimnis. Fasziniert bestaunt und beobachtet man beispielsweise in zahlreichen Künstlerporträts, wie ein Gemälde entsteht, aber nur wenige können bis in den eigentlichen Prozess vordringen, welcher nicht zuletzt von den Künstlern selbst mit Schweigen bedacht wird. Alleine in der Kunstgeschichte finden sich Denkrichtungen, nach denen Kunst erlernbar ist und ein Ergebnis jahrelanger, minutiöser Übung, während beispielsweise in Epochen wie dem Sturm und Drang das Genieprinzip vertreten wurde, nach dem Talent und Können den Künstler von der Gesellschaft abhebe. Egal, welcher Richtung man nun folgt, entziehen kann man sich der Faszination des künstlerischen Schaffens nicht und vielleicht ist es auch gut so, dass man diesen Prozess niemals ganz erfassen kann.

Von daher sollte es nicht verwundern, wenn der große Pablo Picasso auf den Vorschlag seines Freundes Henri-Georges Clouzot, einen Film über seinen Arbeitsprozess zu machen, eher skeptisch reagierte. Nach seinen Erfolgen mit Die Diabolischen und Lohn der Angst befand sich Clouzot auf der Höhe seines Könnens und hatte es sich schon lange in den Kopf gesetzt den, wie er sagt, „geheimen Prozess, welcher den Künstler durch sein gefährliches Abenteuer leitet“ zu erforschen. Schließlich willigte Picasso dennoch ein, was der Beginn einer einmaligen Kollaboration war, an deren Ende mit Picasso ein eigenwilliges, aber durchaus sehr erhellendes Künstlerporträt entstand, welches den künstlerischen Schaffensprozess in den Fokus rückt.

Von Skizzen und dem schöpferischen Gestus
In den 78 Minuten Laufzeit, die nur von wenigen eingesprochenen Texten Clouzots wie auch einigen kurzen Unterhaltungen zwischen ihm und Picasso unterbrochen werden, sieht man Picasso beim Malen von insgesamt 20 Gemälden. Die Leinwand ist durchsichtig, sodass sie Kamera und damit der Zuschauer die Entstehung eines jeden Werkes beobachten kann. Als Farben dienen Picasso spezielle Stifte, mit deren Farben und Textur er wiederholt experimentiert, wobei er immer wieder zwischen einer realistischen zu einer eher surrealen Darstellung wechselt, manchmal sogar mitten in der Arbeit den Ton eines Bildes verändert.

Gerade in den Momenten des Zweifels oder der Unzufriedenheit zeigt sich der Charme der Versuchsanordnung Clouzots. Nach einem prüfenden Blick attestiert Picasso, er sei unzufrieden mit dem Ergebnis, vor allem, da er nun wirklich wisse „was er wolle“. Die Szene ist eine Impression einer Menge am Strand, eine Darstellung, die ein wenig an einen Film Jacques Tatis erinnert und die sich durch die Veränderungen Picassos mehr und mehr zu einem eher abstrakten Werk entwickelt. Auch wenn der Künstler wenig über die Veränderungen an seinem Werk kommuniziert, so sieht man erstaunt dabei zu, wie sich die Szene, der Ton und die Figuren auf dem Bild ändern, angetrieben von einem künstlerischen Geiste, der einem schöpferischen Gedanken folgend die richtige Form versucht „herauszukristallisieren“.

Insgesamt sind die während des Films entstehenden Bilder keinesfalls auf der Höhe von Picassos Meisterwerken. Interessant ist aber der Prozess der Dekonstruktion und des erneuten Arrangierens einer Form sowie eines Motiv, was, wie Clouzot an einer Stelle bemerkt, auch einmal bis zu fünf Stunden gedauert hat und im Film in einer fünfminütigen Sequenz zusammengerafft wird.

Credits

OT: „La mystère Picasso“
Land: Frankreich
Jahr: 1956
Regie: Henri-Georges Clouzot
Drehbuch: Henri-Georges Clouzot
Musik: Georges Auric
Kamera: Claude Renoir

Filmfeste

Cannes 1956

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Picasso
„Picasso“ ist eine interessante Dokumentation über den Prozess des Kunstschaffens. Clouzot gelingt ein Film über die Beziehung von Künstler und Werk, über die Harmonien dieser Beziehung, aber auch über die Zeit und die Mühen, welche das Zustandekommen dieses Zustands erfordert.
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