Kritik

Mystery Train

„Mystery Train“ // Deutschland-Start: 30. November 1989 (Kino) // 11. September 2014 (DVD)

Endlich Memphis! Mitsuko (Yûki Kudô) und Jun (Masatoshi Nagase) haben sich die ganze Zeit schon darauf gefreut, in die USA zu reisen, genauer in jene Stadt, die durch Elvis und andere große Künstler zu einem Mekka für Musikfans aus aller Welt geworden ist. Ein bisschen ernüchternd ist der erste Tag aber schon, nicht zuletzt, weil sich das japanische Paar immer wieder in die Wolle kriegt. Für Luisa (Nicoletta Braschi) ist der Aufenthalt in der amerikanischen Stadt ohnehin nur mit Schmerzen verbunden, muss sie doch die Leiche ihres Mannes zurück nach Italien bringen, wird mehrfach von den Menschen vor Ort übers Ohr gehauen und muss nun in einem heruntergekommenen Hotel das Zimmer mit Dee Dee (Elizabeth Bracco) teilen. Zeitgleich haben auch die drei Freunde Johnny (Joe Strummer), Will Robinson (Rick Aviles) und Charlie (Steve Buscemi) ziemlichen Ärger, woran eine gewisse Pistole nicht ganz unschuldig ist …

1989 war der US-Regisseur Jim Jarmusch nach einen eher schwierigen Start zu einem umjubelten Star geworden, zumindest innerhalb der Arthouse- und Independentkreise. Und das merkte man seinem nunmehr vierten Film Mystery Train an, der zwar durchaus typische Merkmale der vorangegangenen Werke wieder aufgriff, teilweise aber auch Neuland betrat. So experimentierte Jarmusch beispielsweise nach drei Schwarzweißfilmen erstmals mit Farben. Richtig naturalistisch ist das Ergebnis dennoch nicht, der Filmemacher achtete schon sehr auf die Verwendung der „richtigen“ Farben – und ließ die anderen einfach weg. So gibt es zwar einige hervorstechende Farben, allen voran Rot. Der Rest verschwimmt jedoch oft ein wenig.

Drei Geschichten einer Stadt
Neu ist auch, dass Mystery Train keine Protagonisten und Protagonistinnen mehr hat. Während es in Jarmuschs Debüt Permanent Vacation eine Hauptfigur gab, den ziellos umherstreifenden Jugendlichen, waren es in Stranger Than Paradise und Down by Law jeweils drei. Bei seinem vierten Langfilm verwendet der Regisseur und Drehbuchautor jedoch eine episodenhafte Struktur, erzählt nacheinander drei Geschichten, die zwar miteinander verbunden sind, grundsätzlich aber unabhängig voneinander funktionieren. In gewisser Weise stellt das hier dann auch das Bindeglied zwischen den frühen Werken und Night On Earth dar, Spielfilm Nummer fünf, der ebenfalls eine solche Struktur verwendete. Doch die fünf Erzählungen rund um Taxifahrten auf aller Welt lösten sich komplett von solchen Querverbindungen.

Der Wechsel zu Einzelgeschichten ist dabei eine durchaus logische Konsequenz aus der Erzählweise Jarmuschs. Schon zuvor hatte er darauf verzichtet, eine durchgehende Geschichte erzählen zu wollen und mit einer klassischen Handlung zu arbeiten. Ob seine Figuren nun durch Städte streifen, in Hotelzimmern herumsitzen oder vor dem Gesetz fliehen – das war für den US-Amerikaner immer nur ein Anlass, um etwas über die Charaktere zu sagen und sie in ganz alltäglichen Situationen zu zeigen. Das ist in Mystery Train prinzipiell ähnlich, wenn über Beziehungen gestritten wird, man sich über Musik austauscht oder über verlorene Jobs wütet. Jarmusch zeigt Figuren mit Makeln und Eigenheiten, teilweise komisch überhöht, die dabei doch authentisch wirken.

Der Humor des Fremden
Die weitestgehend alltäglichen Situationen und die begrenzten Schauplätze bedeuten jedoch nicht, dass Mystery Train langweilig ist. Wer schon bei den vorangegangenen Werken von Jarmusch über den beiläufigen, lakonischen Humor lachen konnte, der wird das auch hier tun. Der Film ist sogar zugänglicher geworden. Dabei stehen hier erneut Menschen im Vordergrund, die irgendwie fremd sind, aus anderen Ländern kommen, sich nicht mehr in Beziehungen wiederfinden oder rastlos durch die Stadt tigern, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Die oftmals auch mit den Versuchen kämpfen, sich mit anderen austauschen zu können, mit ihnen wirklich auf Augenhöhe zu kommunizieren. Die vielleicht auch Verluste erleben mussten und noch mit diesen hadern.

Das kann mal komisch sein, gerade in den diversen absurderen Momenten, oder auch trauriger, wenn hinter der coolen Fassade die Sehnsucht hervorscheint, einen Platz zu finden. Zwischendurch befasst sich Jarmusch sogar mit dem Thema Rassismus, wenn er sich bei seiner Rundreise durch die USA alles anschaut, was die Straßen so hergeben, das Banale und das Groteske, das Schöne und das Hässliche. Er sucht dabei das Verbindende, nimmt Orte, Musik oder Geschichten, um auf diese Weise einen Schmelztiegel zu errichten, der einer Stadt wie Memphis ebenbürtig ist, wo schon immer die unterschiedlichsten Einflüsse zusammenkamen.

Credits

OT: „Mystery Train“
Land: USA, Japan
Jahr: 1989
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Musik: John Lurie
Kamera: Robby Müller
Besetzung: Yûki Kudô, Masatoshi Nagase, Screamin‘ Jay Hawkins, Cinqué Lee, Nicoletta Braschi, Elizabeth Bracco, Rick Aviles, Joe Strummer, Steve Buscemi

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 1989 Goldene Palme Nominierung
Film Independent Spirit Awards 1990 Bester Film Nominierung
Beste Regie Jim Jarmusch Nominierung
Bestes Drehbuch Jim Jarmusch Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Yûki Kudô Nominierung
Bester Nebendarsteller Screamin‘ Jay Hawkin Nominierung
Bester Nebendarsteller Steve Buscemi Nominierung
Beste Kamera Robby Müller Nominierung

Filmfeste

Cannes 1989
Locarno Film Festival 1989
Toronto International Film Festival 1989

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Mystery Train
3.7 (74%) 10 Artikel bewerten

Mystery Train
In „Mystery Train“ verwendete Jim Jarmusch erstmals Farbe, verzichtete zudem auf Hauptfiguren, um stattdessen in drei Episoden von Menschen in Memphis zu erzählen. Trotz der Änderungen ist der Film die konsequente Fortsetzung seiner Markenzeichen, schwankt zwischen lakonischem Humor und nachdenklicheren Momenten, ist mal völlig absurd und doch aus einem irgendwie ereignislosen Alltag gegriffen.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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