Kritik

Stranger than Paradise

„Stranger Than Paradise“ // Deutschland-Start: 25. Juli 1984 (Kino) // 11. September 2014 (DVD)

Willie (John Lurie) ist nicht unbedingt der Mann der großen Ambitionen. Er hat es sich gemütlich gemacht in New York, verbringt seine Zeit entweder beim Pferderennen oder daheim vorm Fernseher mit Fertigessen. Manchmal kommt sein Kumpel Eddie (Richard Edson) vorbei, was aber nicht viel an seinem Tagesablauf ändert. Erst als seine Cousine Eva (Eszter Balint) aus seiner alten Heimat Ungarn hereinschneit, kommt ein wenig Leben in die Bude, schließlich kann die seinem Lebensstil eher weniger abgewinnen. Aber es ist ja nur für eine Weile, ist sie doch nur zum Zwischenstopp da auf dem Weg nach Cleveland, wo sie ihre Tante besuchen will …

Unterschiedlicher hätte die Resonanz auf die ersten beiden Filme von Jim Jarmusch wohl kaum sein können. Während sein Debüt, der Abschlussfilm Permanent Vacation, daheim auf so wenig Gegenliebe stieß, dass seine Premiere beim Indie-Filmfestival Mannheim-Heidelberg stattfinden musste, schaffte es Nummer zwei bereits nach Cannes, wo er auch ausgezeichnet wurde. Danach standen ebenfalls umjubelte Auftritte in Locarno und Sundance an. Dabei war Stranger Than Paradise nur zum Teil neu. Das erste von drei Kapiteln hatte Jarmusch bereits zwei Jahre zuvor unter demselben Titel als Kurzfilm präsentiert, damals noch beim Filmfestival Rotterdam. Dem fügte er später die weiteren Kapitel hinzu und veröffentlichte das alles einfach noch mal neu.

Stillstand vor dem Fernseher
Wirklich groß anders als das geschmähte Debüt ist Stranger Than Paradise gar nicht. Zumindest ist es nicht wirklich griffiger geworden. Beide Filme erzählen keine wirkliche Geschichte, verzichten auf eine herkömmliche Handlung. Genauer passiert hier sogar noch weniger als vier Jahre zuvor. Wo der Protagonist in Permanent Vacation immerhin noch durch die Stadt wanderte und damit neue Einsichten gewährte, ist im Paradies Stillstand angesagt. Tatsächlich besteht der Humor des Films maßgeblich darin, dass eben nichts vorangeht. Dass da ein paar junge Menschen derart phlegmatisch vor sich hinvegetieren, als gäbe es die Außenwelt gar nicht.

Das erinnert dann schon an die späteren Slacker-Komödien rund um kiffende Jugendliche. Drogen spielen in Stranger Than Paradise jedoch keine Rolle. Es gibt auch keine dümmlichen Lachanfälle oder Visionen, Unterhaltung findet hier ebenso wie das Essen in Konserven statt. Anfangs spielt Jarmusch dabei noch mit Culture-Clash-Elementen, wenn sich etwa Willie und Eva über die US-Kultur des TV Dinners unterhalten. Der American Way of Life wird dabei genüsslich demontiert, er ist hier nicht mehr träge Konformität. Dass Willie später von sich behauptet, trotz seiner ungarischen Wurzeln so amerikanisch zu sein, wie es nur eben geht, darf durchaus als ein kleiner Seitenhieb verstanden werden, wie der Filmemacher seine Landsleute so sieht.

Liebevoller Spott
Dabei ist Stranger Than Paradise keine Satire, auch wenn sich das Thema anbieten würde. Und auch wenn Jarmusch seine Figuren schon humorvoll darstellt, er begegnet ihnen gleichzeitig mit Wärme. Als Helden oder Vorbilder taugen sie kaum, sie sind aber so nah dran an Leben, dass man das Gefühl hat, direkt neben ihnen auf der Couch zu sitzen. Das liegt auch an der Kameraarbeit: Tom DiCillo verwendet sehr lange Einstellungen, ohne Bewegung, die Kamera ist ebenso träge wie die Figuren, was dem Film eine dokumentarische Stimmung verleiht. Erst gegen Ende hin wird dieser ziemlich absurd, ansonsten könnte man meinen, dass es Willie, Eddie und Eva tatsächlich gibt.

Das wird nicht jedem gefallen: Stranger Than Paradise wurde zwar gefeiert und gilt als absoluter Kult, der das US-Indiekino maßgeblich beeinflusst hat. Doch die Ereignislosigkeit in Verbindung mit einem Humor, der stärker die Situation als solche betrifft anstatt mit einzelnen Gags zu arbeiten, das ist schon sehr eigen. Man muss sich auf diese minimalistische Erzählweise einlassen können, ansonsten droht schnell Langeweile und Unverständnis. Aber es hat eben auch seinen eigenwilligen Charme, wie sich hier Leute durchs Leben treiben lassen und selbst im Paradies eine Eintönigkeit entdecken, die gleichzeitig befremdlich und doch sehr vertraut ist.

Credits

OT: „Stranger Than Paradise“
Land: USA, Deutschland
Jahr: 1984
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Musik: John Lurie
Kamera: Tom DiCillo
Besetzung: John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 1984
Locarno 1984
Toronto International Film Festival 1984
Sundance Film Festival 1985
International Film Festival Rotterdam 1985
Locarno 2020

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Stranger Than Paradise
4.16 (83.16%) 19 Artikel bewerten

Stranger Than Paradise
Mit „Stranger Than Paradise“ schuf Jim Jarmusch einen absoluten Kultfilm und Meilenstein des US-Indiekinos, obwohl bzw. weil hier eigentlich gar nichts geschieht. Die Komödie über ein paar phlegmatische Figuren fordert Geduld, belohnt aber mit einem eigenwilligen Charme und dokumentarischer Absurdität.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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