Kritik

My Favorite War

„My Favorite War“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Letztes Jahr war anlässlich des Mauerfalls das deutsche Kino voll von Filmen, die sich mit der Wende oder dem Leben in der DDR auseinandersetzten. Filme, die an das erlittene Unrecht erinnerten, an das viele Leid und eben die Erleichterung, als endlich alles vorbei war und man sich wieder in die Arme fallen konnte. Filme über andere Länder der Sowjetunion, die sich aus dem Bund befreien konnten, die bekommt man hierzulande jedoch selten zu sehen, selbst über das Schicksal unserer engsten Nachbarn erfahren wir vergleichsweise wenig. Umso schöner ist es, dass mit My Favorite War ein solcher Film nun zu sehen ist, zumindest online, als Teil des diesjährigen Annecy Festivals.

Über das Leben im sowjetischen Lettland
Genauer nimmt uns Ilze B. Jacobsen mit in ihre Heimat Lettland, das zusammen mit den beiden anderen baltischen Staaten Estland und Litauen als erstes die Unabhängigkeit vom Staatenbund erklärte. Bis dorthin ist es jedoch im Film noch ein weiter Weg. My Favorite War beginnt mit der Kindheit, als Jacobsen vieles noch nicht wirklich bewusst war, was in ihrem Land vor sich ging. Dass dort etwas nicht stimmte, das merkte sie durchaus, gerade durch den Umgang mit dem Großvater, der als Feind der Sowjetunion galt. Auch das schwierige Verhältnis der Mutter zur kommunistischen Partei beeinflusste den Alltag. Es gelingt dem Film jedoch, vergleichbar zu Fritzi – Eine Wendewundergeschichte, eine kindliche Perspektive einzunehmen, die erst nach und nach realisiert, was geschieht.

Der Dokumentarfilm ist dabei zwangsläufig persönlich, erzählt etwa, wie sehr Ilze als Mädchen der Vater fehlte, der früh starb, wie schwierig es auch war, die von Trauer erfüllte Mutter zu trösten. Und auch der Wunsch, eines Tages Journalistin zu werden, nimmt einen größeren Platz in der Geschichte ein. Gleichzeitig ist My Favorite War aber ein Werk, das einen sehr authentischen Einblick darin gibt, was es heißt, in einem solchen System aufzuwachsen. Die Regisseurin und Autorin versucht dabei nicht, sich als Rebellin oder Heldin darzustellen. Zwar hinterfragte sie hin und wieder etwas, beispielsweise als sie mit anderen Schülerinnen beschließt, keinen Schusswaffenunterricht nehmen zu wollen. Aber sie ist doch eher Beobachterin als Akteurin.

Eine bewegende Geschichte
Das Ergebnis ist dennoch spannend, mal düster, dann wieder kurios – und oft eben bewegend. Gerade weil Jacobsen nicht versucht, aus dem Leben ihrer Familie etwas Besonderes zu machen, gehen die Versuche zu Herzen, sich irgendwo in diesem System selbst zu finden. Im Grunde ist My Favorite War damit eine typische Coming-of-Age-Geschichte, die viele universelle Themen anbringt, dies jedoch in einem besonderen historischen Kontext. Vieles wird einem deshalb bekannt vorkommen, anderes hingegen neu sein – eine in sich stimmige Mischung, die einen bis zum Schluss dran bleiben lässt.

Sehenswert ist der Film auch aufgrund seiner Bilder. Da Jacobsen keine Aufnahmen zur Verfügung standen, welche ihr Leben wiedergeben konnten, schuf sie diese einfach selbst. Der lettisch-norwegische Animationsfilm mit kurzen Realfilmszenen orientiert sich dabei am klassischen Scherenschnitt, setzt aber den Computer ein, ein bisschen wie South Park. Das ist eine Mischung aus realistischen und stilisierten Darstellungen, in Verbindung mit schlichten, oft düsteren Hintergründen. Die dadurch erzeugte Atmosphäre wird jedoch durch den jugendlichen Entdeckergeist der Protagonistin aufgelockert, die zwar des Öfteren nachdenklich, aber nicht wehleidig ist. Vielmehr ist My Favorite War ein reflektierter Rückblick auf prägende Jahre, der selbst in jahrelanger mühevoller Kleinstarbeit entstanden und unbedingt sehenswert ist.

Credits

OT: „My Favorite War“
Land: Lettland, Norwegen
Jahr: 2020
Regie: Ilze B. Jacobsen
Drehbuch: Ilze B. Jacobsen
Musik: Kārlis Auzāns

Bilder

Trailer

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My Favorite War
In „My Favorite War“ blickt die lettische Filmemacherin Ilze B. Jacobsen auf ihre Kindheit und Jugend zurück und schildert, was es heißt, in einem sowjetischen System aufzuwachsen. Der im Scherenschnitt-Stil angelegte Animationsfilm hält dabei die Mischung aus persönlich und universell, ist gleichzeitig düster und von einem neugierigen, refelktierten Geist geprägt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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