Kritik

Lost in London

„Lost in London“ // Deutschland-Start: 4. Juni 2020 (DVD/Blu-ray)

Das ist keine gute Nacht für Woody Harrelson. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sein Stern ganz offensichtlich am Sinken ist und die Leute sich immer weniger für den Schauspieler interessieren, kriselt es auch privat ganz schön. So hat seine Frau Laura (Eleanor Matsuura) dank der Klatschpresse England mitbekommen, wie er mit verschiedenen anderen Frauen unterwegs gewesen sein soll – wenn nicht noch mehr! Während er nun durch London taumelt, beim vergeblichen Versuch, irgendwo in Ruhe noch was trinken zu gehen, kommt es zu einem sehr unschönen Zwischenfall in einem Taxi, der für ihn mit einer Nacht im Knast landet …

Schauspieler, die es irgendwann auf den Regiestuhl zieht, klar, von denen gibt es jede Menge. Oft steht hier der Wunsch dahinter, sich künstlerisch komplett entfalten zu können, eine eigene Vision zu verfolgen, sich dabei auch vielleicht die Rolle zu geben, von der man schon immer geträumt hat. Dabei kann alles Mögliche herauskommen, in den letzten Jahren durften wir etwa an den Regiedebüts von Bradley Cooper (A Star Is Born) und Brie Larson (Unicorn Store) teilhaben, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Gemeinsam ist ihnen nur, dass etablierte Schauspielstars vor und hinter der Kamera stehen, sich meistens auch andere befreundete Größen dazugesellen, um ein bisschen Schützenhilfe zu geben.

Viele Stars mit Selbstironie
Im Fall von Lost in London ist das auch so … und doch ganz anders. An bekannten Gesichtern mangelt es hier nicht, neben Owen Wilson und Daniel Radcliffe taucht auch Willie Nelson auf, Bono ist irgendwann einmal am Telefon zu hören. Im Unterschied zu den obigen Beispielen spielen sie sich hier aber alle selbst, ebenso Woody Harrelson, der nach Hits wie Natural Born Killers oder Zombieland das erste Mal die Seiten wechselte. Das geschieht jedoch nicht aus Verlegenheit oder weil der Schauspieler sich keine Rollen ausdenken konnte. Vielmehr war sein Film eine bewusste Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

So basiert die Geschichte auf einem tatsächlichen Vorfall im Jahr 2002, als Harrelson in Folge einer unschönen Taxi-Begegnung eine Nacht in Knast verbringen musste. Mit der Selbstbeweihräucherung, die solche Schauspieler-werden-Regisseure-Filme zuweilen mit sich bringen, hat Lost in London deshalb nichts am Hut. Im Gegenteil: Harrelson nutzt die Gelegenheit für sehr viel Selbstironie, zieht sowohl sich und den Vorfall wie auch die allgemeine Starkultur kräftig durch den Kakao. Wenn er und Wilson sich beispielsweise an den Kopf werfen, in welchen furchtbaren Filmen sie jeweils mitgespielt haben – die auch tatsächlich beim Titel genannt werden –, dann ist das auf eine erfrischende Weise uneitel, ebenso die Verweise auf das verschwindende Haar des Künstlers oder darauf, dass seine besten Zeiten lange zurückliegen. Ein sehr schöner Insider-Gag auch: Martin McCann, der in Killing Bono noch Bono gespielt hat, spricht mit dem echten Bono.

Ein Live-Experiment ohne doppelten Boden
Aber auch das Drumherum war ganz anders, als man es von einem derartigen Regiedebüt erwarten könnte. So wurde Lost in London in nur einem Take gedreht, vergleichbar zu den deutschen Thrillern Victoria und Limbo. Das bedeutet, dass die komplette Geschichte am Stück gedreht wurde, ohne Pause, ohne Schnitt. Das ist ohnehin immer ein großes Wagnis, da du vermasselte Szenen nicht einfach neu machen kann. Da gibt es nur alles oder nichts. Während die hiesigen Kollegen aber wenigstens mehrere Anläufe machen konnten, wurde Harrelsons Film zeitgleich live in Hunderten von Kinos ausgestrahlt. Wäre nun beim Dreh etwas schief gegangen, etwa weil jemand seinen Text nicht mehr weiß, sämtliche Besucher und Besucherinnen wären Zeuge geworden. Der Film ist damit ein Experiment, dessen Mut mindestens Respekt abnötigt, unabhängig vom Resultat.

Wobei der Film auch losgelöst von dem Kontext seine Qualitäten hat. Natürlich darf man von einem solchen Werk keinen Feinschliff erwarten, weder bei der technischen Umsetzung oder dem Humor. Beim Anblick der ständig wackelnden Handkamera werden beispielsweise üble Erinnerungen an die Found-Footage-Welle wach, die vor wenigen Jahren noch die Filmindustrie terrorisierte. Aber Lost in London ist ausgesprochen sympathisch, teilweise auch tatsächlich witzig, wenn sich Harrelson oder andere um Kopf und Kragen reden, genüsslich mit dem eigenen Image gespielt wird. Ob an ihm nun ein großer Filmemacher verlorengegangen ist, darüber kann man sich streiten, ein zweites Regiewerk kam bislang nicht nach. Aber die selbstreferenzielle Spielerei kann sich zumindest sehen lassen, hat deutlich mehr Charakter als viele konturlose Wechselversuche der Kollegen.

Credits

OT: „Lost in London“
Land: USA, UK
Jahr: 2017
Regie: Woody Harrelson
Drehbuch: Woody Harrelson
Musik: Antony Genn, Martin Slattery
Kamera: Nigel Willoughby
Besetzung: Woody Harrelson, Owen Wilson, Eleanor Matsuura, Martin McCann, Louisa Harland

Bilder

Trailer

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Lost in London
In „Lost in London“ erzählt Woody Harrelson einen tatsächlichen, wenig schmeichelhaften Vorfall nach und zeigt dabei ziemlich viel Mut. Die Komödie um einen nächtlichen Taxi-Zwischenfall beeindruckt als live übertragenes One-Take-Experiment, das mit viel Selbstironie die eigene Figur, aber auch die Starkultur durch den Kakao zieht. Das klappt naturgemäß nicht alles, ist dafür ungemein sympathisch und teilweise überraschend amüsant.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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