Kritik

Fahrstuhl zum Schafott Ascenseur pour l'échafaud

„Fahrstuhl zum Schafott“ // Deutschland-Start: 29. August 1958 (Kino)

Der Plan war todsicher, nichts konnte schief gehen – davon zumindest war Julien Tavernier (Maurice Ronet) überzeugt. Und so schleicht er sich in das Büro des Großindustriellen Simon Carala (Jean Wall), um diesen kaltblütig zu ermorden und anschließend mit dessen Frau Florence (Jeanne Moreau) ein neues Leben beginnen zu können. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Als Tavernier noch einmal zurück zum Tatort muss, bleibt er im Fahrstuhl stecken. Währenddessen schnappen sich der Kleinkriminelle Louis (Georges Poujouly) und dessen Freundin Véronique (Yori Bertin) das Auto des Mörders und machen damit einen Wochenendausflug – ohne zu ahnen, was sie damit anrichten werden …

Manchmal dauert es ein wenig länger, bis ein Werk oder der dahinterstehende Künstler die Anerkennung erhält, die er verdient. Und so ist es fast schon amüsant, dass das Regiedebüt von Louis Malle 1958 in Les Cahiers du cinéma gar nicht gut wegkam. Dabei handelt es sich nicht nur um eines der ältesten und renommiertesten Filmmagazine Europas. Die Nouvelle Vague, eine spezielle französische Filmrichtung der 50er und 60er, nahm dort maßgeblich ihren Anfang, legendäre Regisseure wie Jean-Luc Godard und François Truffaut schrieben dort Filmkritiken, bevor sie sich mit eigenen Werken einen Namen machten. Malle selbst war nie Teil dieses Zirkels, wurde später dennoch zu der Nouvelle Vague gezählt, Fahrstuhl zum Schafott einer der ersten Filme dieser Bewegung.

Zwischen Tradition und Moderne
Tatsächlich ist Fahrstuhl zum Schafott eine Art Zwischenform. Malle, der zuvor als Kameramann und Regieassistent gearbeitet hatte, greift einerseits klar auf Elemente des Film Noir zurück. Das Motiv der Femme Fatale, die nächtlichen Aufnahmen, die pessimistische Weltsicht – der gesamte Film dreht sich um gierige, unmoralische und skrupellose Menschen, die sich unwissentlich gegenseitig das Leben schwer machen. Gleichzeitig brach der Krimi aber auch mit Konventionen. Berühmt ist er beispielsweise dafür, dass Jeanne Moreau ungeschminkt und ohne schmeichelnde Beleuchtung durch die Stadt torkelt, auf der Suche nach ihrem Liebhaber. Die Schauspielerin, die später durch Filme wie Jules und Jim zu einem der großen Stars des französischen Kinos wurde, sie ist hier ein Wrack am Rande des Wahnsinns und wird im Laufe der Ereignisse für eine Prostituierte gehalten – und das als Frau eines reichen Industriellen.

Fahrstuhl zum Schafott hält an diesen Stellen gnadenlos drauf, macht das Publikum daheim zu einem wissenden Komplizen, zu einem Voyeur. Gleichzeitig bleibt die Kamera von Henri Decaë oft auf Distanz, die Figuren bleiben Fremde. Vereinzelt erfahren wir zwar schon, was sie antreibt. So beginnt der Film mit einer leidenschaftlichen Liebeserklärung von Florence. Doch nicht ganz zufällig findet die am Telefon statt, die Charaktere sind zwar alle aneinander gebunden, ohne das immer zu wissen, sie bilden aber keine Einheit. Als Charakterstudie ist das natürlich zu wenig, Malle zeigt und Menschen, die sich durchs Leben kämpfen, alle auf die eine oder andere Weise gierig, am Ende aber nichts haben, niemand sind, selbst verloren sind.

Ich weiß, was du getan hast!
Auch als Krimi ist Fahrstuhl zum Schafott eher weniger beglückend. Die Adaption eines Romans von Noël Calef handelt zwangsläufig kaum von der Suche nach einem Mörder: Wer die Täter sind, das wissen wir als Zuschauer und Zuschauerinnen immer. Wenn überhaupt ist die Frage, ob die Figuren geschnappt und bestraft werden. Und wenn ja: für welches Verbrechen. Dass das perfekte Verbrechen von Julien ausgerechnet durch ein anderes Verbrechen in Gefahr gerät, das ist schon ungewöhnlich, fast schon komisch. Dennoch ist der Film keiner, der durch eine herkömmliche Spannungskurve um sein Publikum kämpft, die gemächliche Erzählweise war es auch, weswegen die Kritikerkollegen seinerzeit wenig für Mallets Debüt übrig hatten.

Spannend ist der Film dabei durchaus. Gerade die aufregende Kameraarbeit, welche Paris als eine anonyme und zugleich unwirkliche Hölle zeigt, kann sich mehr als sechzig Jahre später noch immer sehen lassen. Die Szenen, in denen Florence durch die Stadt streift, auf der Suche nach Liebe und Halt, bringen die Geschichte an sich zwar nicht voran, waren in dem Buch so auch gar nicht vorgesehen. Aber sie sind essentieller Bestandteils eines Films, in dem eben nichts mehr Bestand hat, die Welt zu ihrem eigenen surrealen Abbild geworden ist, in dem selbst Identitäten verzerrt, vertauscht, zerstört werden. Eine Welt, die abwechselnd durch eine klaustrophobische Enge und eine entmenschlichte Weite verbildlicht wird.

Credits

OT: „Ascenseur pour l’échafaud“
Land: Frankreich
Jahr: 1958
Regie: Louis Malle
Drehbuch: Louis Malle, Roger Nimier
Vorlage: Noël Calef
Musik: Miles Davis
Kamera: Henri Decaë
Besetzung: Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Georges Poujouly, Yori Bertin

Bilder

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Fahrstuhl zum Schafott
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Fahrstuhl zum Schafott
In „Fahrstuhl zum Schafott“ begeht ein Mann ein scheinbar perfektes Verbrechen, gerät dann aber durch unglückliche Umstände und ein zweites Verbrechen in Not. Der Kriminalfall ist ungewöhnlich, jedoch nur Teil des gemächlich ablaufenden Geschehens. Stattdessen ist der zwischen Voyeurismus und Distanz schwankende Film das Abbild einer Welt, in der nichts mehr Bestand hat, weder die Menschen, noch Moral.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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