Kritik

Der falsche Pass für Tibo

„Der falsche Pass für Tibo“ // Deutschland-Start: 23. September 1980 (TV) 12. Juni 2020 (DVD)

Eigentlich wird sein Name Thibaut geschrieben, aber für seine Nachbarn wie auch seine Freunde und den anderen Münchnern, denen er tagtäglich begegnet, ist er schlicht und einfach „Tibo“ (Hansi Kraus). Nicht nur der Makel des „Ausländers“ oder „Belgiers“ begleitet ihn sein Leben lang, auch die Tatsache, dass sein Vater, nachdem er ihn mit seiner Mutter (Johanna Baumann) gezeugt hatte, wieder zurück nach Belgien ging, ist ein beständiges Thema für Tratsch und Gerüchte. Bereits in der Schule muss sich Thibaut immer wieder Hänseleien gefallen lassen, Belehrungen seines Lehrers sowie eher mittelmäßige Noten. Jedoch wird es richtig unerfreulich, als er sich aufmacht, eine Ausbildungsstelle zu suchen, denn wegen seiner Herkunft will ihm das Amt keine Arbeitserlaubnis geben und die Betriebe keine Stelle. Auch die deutsche Staatsangehörigkeit will man ihm nicht geben und versucht ihn nach Belgien abzuschieben, trotz der Tatsache, dass Thibaut nur Deutsch spricht und dort wegen „Vagabundierens“ direkt verhaftet wird. Da er keine Alternative sieht und zudem seiner Freundin Monika (Michaela May) ein anständiges Leben bieten will, nimmt er immer wieder Schwarzarbeit und sogar illegale Geschäfte an, was ihn mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt bringt. Doch wirklich aus seiner Lage herauskommen kann er nicht und so beschließt er auf Ansinnen Monikas, ein gefährliches Unternehmen zu wagen, das ihre Sorgen ein für alle Mal beseitigen könnte.

Die Urteile der Anderen
In diesem bereits 1979 produzierten und ein Jahr später im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlten Fernsehfilm behandelt Regisseur Stephan Rinser Themen wie Ausländerfeindlichkeit und Vorurteile. Hierbei entsteht das Bild eines Menschen, der gegen ein System sowie dessen allzu schnelle Urteile ankämpft und dabei versucht das Stigma des „Belgiers“ abzulegen. Es ist gerade dieser gesellschaftliche Konflikt wie auch die persönliche Entwicklung, die einen Film wie Der falsche Pass für Tibo noch heute auszeichnet, auch wenn man über die Entwicklungen im letzten Drittel des Films geteilter Meinung sein darf.

Innerhalb des Drehbuchs aus der Feder Harry Rosendorfers durchläuft Thibaut mehrere Stationen, von diversen, stets unbefriedigenden Behördengängen bis hin zu den zwielichtigen Geschäften, auf die er sich schließlich einlässt. Eine Konstante in dieser Geschichte ist das Bild des Treppenhauses in der Etagenwohnung der Familie, in dem sich scheinbar ständig zwei Putzfrauen aufhalten und den Mund fusselig reden über den „Belgier“, seine arme „Frau Mama“ und die „armen Kinder“. Als Thibaut das erste Mal von der Polizei aufgegriffen wird, sieht man das gesamte Treppenhaus, die Bewohner aller Etagen, am Geländer stehen, ihre Augen immer auf dem Jugendlichen. Mit einem Achselzucken und einem „Das war ja klar“ wird die Gelegenheit abgestempelt, bestätigt sich das Urteil – eines von vielen –, das man über Thibaut und seine Familie bereits hatte. Rosendorfers Drehbuch und die Inszenierung Rinsers entwerfen ein Bild der Gesellschaft im Kleinformat, sodass die Repressalien, denen sich der Protagonist außerhalb der eigenen vier Wände ausgesetzt sieht, wie logische Folgen aus diesem Mikrokosmos wirken.

„Scheiß auf die Heimat.“
Als erwachsener Thibaut gibt der aus Die Lümmel von der ersten Bank bekannte Hansi Kraus eine sehr interessante Darstellung eines Mannes, der eben diesen Vorbehalten zu entkommen versucht. Stets verführt diese Vorverurteilungen anzunehmen und sich diesen zu beugen, eben jenen Weg ins Illegale endgültig zu gehen, zeigt das Dilemma dieses Mannes, der für sich keinen anderen Weg mehr sieht. Anstatt der etwas deplatzierten Räuberpistole am Schluss, hätte man der Inszenierung gewünscht, etwas mehr über das Seelenleben dieses Menschen zu erfahren oder andere Aspekte zu erforschen, was den Film, auch aus heutiger Sicht, zu einem packenden Sozialdrama gemacht hätte. So bleibt es bei guten Ansätzen und Andeutungen, die immer noch interessant sind, aber leider auch nicht mehr.

Besonders erwähnenswert ist gerade der Konflikt Thibauts, wenn es um Aspekte wie Heimat oder Zugehörigkeit geht. Trotzig „Scheiß auf die Heimat“ schreiend kapituliert er vor dem Tratsch der anderen und den labyrinthischen Behördengängen, die ihn stets nur als „Belgier“ sehen, immer nur aus „Tibo“.

Credits

OT: „Der falsche Pass für Tibo“
Land: Deutschland
Jahr: 1980
Regie: Stephan Rinser
Drehbuch: Harry Rosendorfer
Musik: Birger Heymann
Kamera: Kai Borsche, Adi Gürtner
Besetzung: Hansi Kraus, Michaela May, Johanna Baumann, Josef Moosholzer, Wilfried Klaus, Franz-Xaver Kroetz

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Der falsche Pass für Tibo
5 (100%) 2 Artikel bewerten

Der falsche Pass für Tibo
„Der falsche Pass für Tibo“ ist ein Film mit vielen, sehr interessanten Elementen des Sozialdramas. Durch die Darstellung Hansi Kraus sowie einiger guter Einfälle im Drehbuch zeigt der Film, wie schnell eine Gesellschaft Urteile fällt, die letztlich zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden und mit welchem Genuss man sich ansieht, wie sich diese bewahrheitet. Einzig das letzte Drittel des Films ist wenig überzeugend, gibt es diese Aspekte auf für eine leidlich erheiternde Schlusspointe.
6von 10

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