Kritik

Bruno bei den Woelfen

„Bruno bei den Wölfen“ // Deutschland-Start: 20. Mai 2020 (DVD)

Für den neunjährigen Bruno (Pepijn van der Sman) gibt es eigentlich nur eines in seinem Leben, das wirklich wichtig ist: sein Computer. An dem verbringt er jede freie Minute, um mit seinen Online-Freunden in fremden Welten unterwegs zu sein und Monster zu besiegen. Die reale Welt interessiert ihn hingegen weniger, weshalb seine Begeisterung sich auch zurückhält, als sein Vater (Tibor Lukács) und seine Mutter (Jennifer Hoffman) ihn und die kleine Schwester (Linde van der Storm) ins Auto packen. Urlaub in Schweden? Warum das denn? Da gibt es doch nichts. Es dauert dann auch nicht lange, bis die Stimmung unterwegs auf dem Tiefpunkt ist, immer wieder kommt es zu Streitereien. Als es seinem Vater genug wird und er Bruno für ein paar Minuten auf der Landstraße aussetzen will, dreht der den Spieß einfach um und versteckt sich – und ist auf einmal auf sich allein gestellt …

So richtig viel bekommt man rein filmisch gesehen hierzulande ja nicht von den Niederlanden mit. Während die anderen Nachbarn entweder von sich aus eine stärkere Präsenz haben wie etwa Frankreich oder zumindest dank diverser Filmfeste gut vertreten sind – siehe etwa Polen oder die Tschechische Republik –, da ist es recht schwer, auf dem Laufenden zu bleiben, was im Nordwesten von Europa eigentlich so gedreht wird. Auffallend ist jedoch, dass zumindest der Kinderfilm offensichtlich eine stärkere Lobby oder hiesige Fans hat. Ob nun die Serie Der Brief für den König oder Filme wie Romys Salon und Mein Freund, die Giraffe, das jüngere Zielpublikum wird vergleichsweise oft bedient, meistens mit durchaus soliden Titeln.

Mein Freund, der Wolf
Das trifft nun auch auf Bruno bei den Wölfen zu. Eigentlich handelt es sich hier um eine niederländische Produktion, die aber überwiegend in Schweden spielt – weshalb der Film auch bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2019 im Programm lief. Dass ausgerechnet das skandinavische Land zum Schauplatz erkoren wurde, ist ein bisschen willkürlich. Inhaltlich hätte es jedes europäische Land getan, in dem es noch große, undurchsichtige Wälder gibt. Und Wölfe natürlich, der Film trägt seinen Titel ja nicht ohne Grund. Genauer ist es ein Wolf, der zum besten Freund eines Jungen wird, der eigentlich keine Freunde hat, nicht im klassischen Sinn. Überhaupt ist es die Natur, die ihn zu einem neuen, besseren, ausgeglicheneren Menschen macht.

Der Weg dorthin ist aber natürlich lang und steinig, zudem mit einigen Nerven verbunden – für ihn, sein Umfeld und auch das Publikum. Eingeführt wird er als einer der typischen Computerkids, die ihr Leben völlig in die Virtualität verlegt haben und die keinen Bezug, kein Interesse haben, mit dem Rest der Welt etwas zu tun zu haben. Bruno bei den Wölfen verzichtet jedoch darauf, dass zu einem Problemdrama zu machen. Stattdessen wird dies in erster Linie genutzt, um einen großen Kontrast und Konflikt einzubauen. Es dauert nicht lange, da hat man als Zuschauer großes Mitleid mit den Eltern, die sich mit dem bockigen Jungen herumplagen müssen, zumal das nicht der einzige Streitpunkt während der Autofahrt ist. Gleichzeitig gibt der Film einen kleinen Einblick in seine Gefühlslage, fühlt sich Bruno doch von allen anderen missverstanden und ungerecht behandelt, gerade von seinen überforderten Eltern.

Eine Familie mit viel Nachholbedarf
Am stärksten ist Bruno bei den Wölfen dann auch tatsächlich, als die Familie noch zusammen ist und der Film die Dynamik der vier aufzeigt. Da dauert es nicht lange, bis die Nerven blank sind und man sich wegen alles und jedem in den Haaren hat – darunter der Klassiker, dass keiner wirklich weiß, wo man lang muss. Nun soll das hier aber eben nur zum Teil eine Familiengeschichte sein, sondern zugleich ein Abenteuer. Und in der Hinsicht hat das leider so seine Schwächen. Die Naturaufnahmen sind zwar schon schön, der zugrundeliegende ökologische Appell an die Jugend, wieder mehr draußen unterwegs zu sein, der ist sicherlich sympathisch. Zum Schluss haben sie sowieso alle dazugelernt, die Erwachsenen wie die Jungen, haben wieder erkannt, was sie aneinander haben. Gleichzeitig ist es irritierend, wie schnell der Lernprozess bei Bruno ausfällt. Ausgerechnet der Junge, der völlig in der Virtualität gefangen ist, schafft es so ganz ohne Probleme, allein im Wald zu überleben und freundet sich dabei noch mit einem Wolf an?

Dass Kinder- bzw. Familienfilme nicht unbedingt den größten Wert auf Realismus legen bzw. legen müssen, das stimmt natürlich. Man hätte aber wenigstens versuchen können, den Aufenthalt im Wald wie einen Reifeprozess ablaufen zu lassen, der sich in irgendeiner Form erarbeitet wird, anstatt einfach nur einen Schalter umzulegen: Mission accomplished! Und auch zu Bruno selbst hätte sicher noch ein bisschen mehr gesagt werden können. Wird er am Anfang darauf reduziert, eben nur noch zu daddeln, bleibt nach der Streichung nicht mehr viel übrig, was das Finale nicht sehr befriedigend macht. Besser ist da schon der parallel stattfindende Suche, in der die anderen drei in den Mittelpunkt rücken und es stärker um die Figuren geht. Aufgrund dieses Ungleichgewichts kann es Bruno bei den Wölfen nicht so ganz mit anderen Kinderfilmen aus den Niederlanden aufnehmen, da fehlt ein bisschen der Feinschliff. Aber es reicht doch für einen soliden Titel, der das Publikum daran erinnert, worauf es wirklich im Leben ankommt.

Credits

OT: „Taiki“
Land: Niederlande
Jahr: 2019
Regie: Mirjam de With
Drehbuch: Karin van der Meer
Musik: Helge Slikker
Kamera: Goert Giltay
Besetzung: Pepijn van der Sman, Jennifer Hoffman, Tibor Lukács, Linde van der Storm

Bilder

Trailer

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Bruno bei den Wölfen
In „Bruno bei den Wölfen“ geht ein bockiges Computer Kid im Wald verloren und lernt dabei die Natur neu kennen. Am stärksten sind bei dem niederländischen Film die Familienszenen, auch der Appell für eine stärkere Nähe zur Welt da draußen ist sympathisch. Die Naturszenen sind hingegen nur teilweise gelungen: Während die Aufnahmen schön sind, geht die Entwicklung viel zu schnell, um das Ende zu rechtfertigen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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