Kritik

1492 – Die Eroberung des Paradieses

„1492 – Die Eroberung des Paradieses“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 1992 (Kino) // 8. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

Schon seit vielen Jahren ist Christoph Kolumbus (Gérard Depardieu) angetrieben von der Idee, einen alternativen Seeweg nach Indien zu erkunden, jedoch findet er bei der spanischen Krone und der Kirche keine Unterstützung für sein Vorhaben. Nach einem weiteren erfolglosen Vorsprechen bei der Universität Salamanca macht er die Bekanntschaft von Pinzón (Tchéky Karyo), einem einflussreichen Seefahrer, der ihm schließlich eine Audienz bei Königin Isabella (Sigourney Weaver) verschafft. Mit der Unterstützung ihres Schatzmeisters Sánchez (Armand Assante), der schließlich sogar den immensen Forderungen Kolumbus’ zustimmt, wird nun alles in die Wege geleitet, dass Kolumbus wenige Monate später mit einer Mannschaft, genügend Proviant und drei Schiffen auf die Reise gehen kann. Nach einer langen, beschwerlichen Reise, welche innerhalb der Mannschaft beinahe eine Meuterei ausgelöst hätte, landen sie auf einer Insel, die Kolumbus später San Salvador taufen wird. Durch hartes Durchgreifen erwirkt Kolumbus, dass seine Männer den dort lebenden Indios offen begegnen und so erkunden er und seine Mannschaft die Sprache und die Kultur der Ureinwohner, ohne aber auf das erhoffte Gold zu stoßen, was sie sich von der Reise versprochen hatten. Bei seiner Rückkehr nach Spanien wird Kolumbus als Held gefeiert und der Stand seiner Familie ändert sich beträchtlich. Nun will er zurück in die von ihm entdeckten Inseln, die dortigen Kolonien weiter führen und das Land erschließen, jedoch haben mittlerweile auch andere, sehr einflussreiche Adlige Interesse an der „neuen Welt“, vor allem an den potenziellen Rohstoffen, die sie liefern könnte.

Der Kampf gegen ein System
Bereits 1987 begann Drehbuchautorin Roselyne Bosch, anlässlich des nahenden 500-jährigen Jubiläum der Entdeckung der beiden Amerikas, mit ihrer Recherche und ging dabei der Theorie nach, dass Kolumbus für eine Zeit ein Rebell war, der es wagte, sich gegen ein repressives System aufzulehnen. Mit ihrer Vision konnte sie auch Ridley Scott begeistern, der letztlich einwilligte, die Regie bei dem Projekt zu übernehmen und das Resultat ihrer Bemühungen schaffte es pünktlich im Jahre 1992 noch in die Kinos. Erzählt wird in 1492 – Die Entdeckung des Paradieses die Geschichte eines Abenteurers und Visionärs, aber auch die durch Korruption eben jenes Paradieses, eine Vorausschau auf das Wüten des Handels, des Kapitalismus und in gewisser Weise auch der Globalisierung.

Der von Gérard Depardieu mit großer Hingabe gespielte Kolumbus ist innerhalb der Welt, die Scott inszeniert, ein Außenseiter durch einen Glauben an Vernunft und an eine Vision von einer neuen, anderen Welt. Er ist ein Mann von großer Leidenschaft, der andere mit seiner Überzeugung, wie es an einer Stelle heißt, anstecken kann, was letztlich sehr gefährlich für ein System ist, welches über Jahrhunderte etabliert wurde und an Veränderung kein Interesse hat. Diese Sicht auf Kolumbus mag nicht unbedingt historisch korrekt sein, doch über die zweieinhalbstündige Laufzeit des Films funktioniert sie, nimmt vor allem den Zuschauer für diesen Mann ein, der nicht nur um das tatsächliche Paradies, das er entdeckt hat, fürchtet, sondern auch um jenes in seinen Gedanken. Dennoch ist die Pathos-lastige Inszenierung, visuell betont durch Adrian Briddles Kamera, bisweilen schon sehr dick aufgetragen und hinterlässt durch die Heroisierung Kolumbus’ einen faden Beigeschmack beim Zuschauer.

Die Korruption des Paradieses
Interessant wird Scotts Film und damit auch Boschs Drehbuch, wenn es den Prozess der Korrumpierung des „Paradieses“ beschreibt durch die Eroberer. Die Etablierung von Strukturen, visuell eindrucksvoll in Szene gesetzt durch das Installierung einer mächtigen Glocke in der ersten Kirche auf der Insel, leitet jenen Prozess der Veränderung ein, in welcher sich die alte Welt in dieser neuen etablieren will, diesem neuen Land seinen Willen aufzwingen will. Dies ist dann mehr die Zeit von Machtmenschen, wie dem von Michael Wincott mit gewohnter Hinterlist und Bösartigkeit gespielten Moxica, der schon nach kurzer Zeit die Ordnung Kolumbus, nach der auch Adlige arbeiten sollen, in der neuen Welt, infrage stellt.

So verändert sich der Film vor allem in der zweiten Hälfte zu dem Kampf eines Visionärs und Träumers, den nun die Erschließung des Landes, das Kartografieren antreibt, gegen das alte System, das nun seine Fühler ausstreckt nach dieser neuen Welt. Dies ist bisweilen inszenatorisch etwas altbacken umgesetzt, aber dennoch spannend erzählt, wozu die schöne Musik von Vangelis ihren Beitrag zu leistet.

Credits

OT: „1492: The Conquest of Paradise“
Land: Frankreich, Spanien
Jahr: 1992
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Roselyne Bosch
Musik: Vangelis
Kamera: Adrian Biddle
Besetzung: Gérard Depardieu, Sigourney Weaver, Armand Assante, Michael Wincott

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1492 – Die Eroberung des Paradieses
„1492 – Die Eroberung des Paradieses“ ist die Geschichte eines Träumers und Abenteurers, die von der Korrumpierung eben dieser Vision und damit der „neuen Welt“ erzählt. Historisch nicht immer akkurat und mit viel Pathos, aber dafür schauspielerisch überzeugend, ist Ridley Scott ein wuchtiger Historienfilm gelungen, der von seinen Bildern lebt.
6von 10

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