Kritik

The Seagull

„The Seagull – Eine unerhörte Liebe“ // Deutschland-Start: 18. Oktober 2018 (DVD)

Als die alternde Schauspielerin Irina Arkadina (Annette Bening) ihren Bruder Pjotr Nikolayevich Sorin (Brian Dennehy) besucht, um dort den Sommer zu genießen, ahnt sie nicht, was sie damit anrichten wird. Nicht allein, dass sie mit ihrem Sohn Konstantin (Billy Howle) aneinandergerät, weil der angehende Stückeschreiber eine ganz andere Auffassung von Kunst hat an sie. Sie muss auch noch mitansehen, wie sich die junge Nina (Saoirse Ronan), die ebenfalls als Schauspielerin Karriere machen will, in den Schriftsteller Boris Trigorin (Corey Stoll) verliebt – ihren Liebhaber. Dabei hat Nina bereits das Herz von Konstantin erobert. Der wiederum wird von Masha (Elisabeth Moss) begehrt, ohne dass er diese Gefühle erwidern könnte …

Auch wenn Anton Chekhov (Winterschlaf) vor allem für seine Kurzgeschichten gerühmt wird, so hat der russische Autor doch auch eine Reihe von Theaterstücken geschrieben. Eines der bekanntesten ist sicher The Seagull. Dessen Uraufführung 1896 war zwar ein absolutes Desaster, auch weil die Hauptdarstellerin derart von dem wenig geneigten Publikum eingeschüchtert wurde, dass sie keinen Ton mehr herausbrachte. Zwei Jahre später war dem Stück aber ein deutlich größerer Erfolg vergönnt. Und das war nur der Anfang: Die Geschichte um komplizierte Gefühle und konkurrierende Kunstauffassungen wurde viele Male aufgeführt und verfilmt.

Große Namen, wenig Resonanz
Nun gibt es mal wieder einen neuen Anlauf, mit dem Klassiker beim Kinopublikum zu punkten. Wobei The Seagull – Eine unerhörte Liebe zumindest bei uns keine Auswertung in den Lichtspielhäusern vergönnt war. Das überraschte durchaus, war das Ensemble doch so bekannt und hochkarätig, dass man allein deswegen schon von einem regulären Kinostart hätte ausgehen können. Vermutlich waren die bescheidenen Einspielergebnisse in den USA und auch die eher zurückhaltende Reaktion von Seiten der Kritiker nicht ganz unschuldig daran, dass der zuvor hoch gehandelte Titel so sang und klanglos wieder verschwand. Die meisten dürften nicht einmal mitbekommen haben, dass es ihn gibt.

So richtig viel verpasst hat man angesichts dieser Wissenslücke aber auch nicht. Die Besetzung ist natürlich erstklassig und auch das beste Argument, weshalb man sich eine Sichtung zumindest mal durch den Kopf gehen lassen sollte. Vor allem Annette Bening, die wie zuvor in Film Stars Don’t Die in Liverpool eine Schauspielerin spielt, die mit ihrem zunehmenden Alter und der damit einhergehenden Bedeutungslosigkeit hadert, begeistert, schafft die Balance aus tragischer Gestalt und bösartigem Drachen. Aber auch die anderen Figuren haben ihre Schattierungen, sind nie ganz gut oder böse, bewegen sich auf einem Kontinuum, das bei aller Kunstverliebtheit sehr menschlich wirkt.

Liebe kann schon verrückt sein
Gnadenlos übertrieben ist dafür die Figurenkonstellation, laut der praktisch jeder in jemanden verliebt ist, der die eigenen Gefühle nicht erwidert. Das erinnert dann schon mal die diversen Kostümkomödien, wie es sie im 19. Jahrhundert häufig gab. Tatsächlich wurde Chekhovs Stück zunächst auch vor allem als Komödie verkauft, bevor spätere Interpretationen stärker die tragischen Aspekte für sich entdeckten. Im Fall von The Seagull – Eine unerhörte Liebe ist es nicht ganz einfach, eine geeignete Schublade zu finden. Das kann manchmal eine Stärke sein, hier ist es eher ein Zeichen dafür, dass nichts so richtig Eindruck hinterlässt. Für eine wirkliche Komödie ist das nicht komisch genug, als Drama geht es einem aber nicht genug zu Herzen.

Auch bei den Auseinandersetzungen der verschiedenen Kunstauffassungen fehlt es etwas an Prägnanz. Dabei ist der Kampf zwischen naturalistischen Darstellungen und solcher einer abstrakteren Natur durchaus interessant, der Wettstreit zwischen Tradition und Moderne selbst ein Klassiker. Aber es reicht hier dann doch nur zu einem gediegenen, gefälligen Historienfilm, der mit schönen Landschaften und einzelnen schauspielerischen Glanzpunkten punktet, sich dabei mit der Oberfläche zufriedengibt. Das mag nicht viel sein, zumindest nicht genug, für derart viele große Namen. Das Drama, welches auf dem Tribeca Film Festival 2018 Premiere feierte, ist aber immerhin solide genug, um sich ein bisschen zurückzulehnen und die Aussicht zu genießen.

Credits

OT: „The Seagull“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Michael Mayer
Drehbuch: Stephen Karam
Vorlage: Anton Chekhov
Musik: Nico Muhly, Anton Sanko
Kamera: Matthew J. Lloyd
Besetzung: Annette Bening, Saoirse Ronan, Corey Stoll, Elisabeth Moss, Mare Winningham, Billy Howle, Brian Dennehy

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tribeca Film Festival 2018

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The Seagull – Eine unerhörte Liebe
4.5 (90%) 16 Artikel bewerten

The Seagull – Eine unerhörte Liebe
„The Seagull – Eine unerhörte Liebe“ verfilmt den Theaterklassiker neu und setzt dabei auf schöne Bilder und eine erstklassige Besetzung. Das kann man sich dann auch ganz gut ansehen, bleibt aber irgendwie zu beliebig. Der Film will sich nie wirklich entscheiden, was er sein soll und lässt sich bei allen Turbulenzen gemütlich treiben.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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