Kritik

The Painter and the Thief

„The Painter and the Thief“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Vom Stockholm-Syndrom dürften die meisten schon einmal gehört haben: Basierend auf einem wahren Vorfall wird damit beschrieben, wie Entführungsopfer anfangen, sich mit dem Täter zu identifizieren, sich auf seine Seite schlagen oder auch Gefühle entwickeln. Von einer anderen irgendwie vergleichbaren und ebenso verblüffenden Täter-Opfer-Beziehung erzählt The Painter and the Thief. Wie der Titel bereits verrät, handelt es sich hierbei um einen Film über einen Maler und einen Dieb. Genauer ist es eine Malerin, die nach Norwegen ausgewanderte Tschechin Barbora Kysilkova, deren Werke aus einer Galerie in Oslo gestohlen werden. Die Täter sind bald geschnappt. Anstatt auf die Verbrecher loszugehen, ist Barbora aber bei der Anhörung so gerührt von Bertil Nordland, dass sie den Beschluss fasst ihn zu malen.

Das klingt ausgesprochen absurd und ist doch eine wahre Geschichte. Barbora selbst weiß nicht so recht, ob das nicht furchtbar unangemessen ist, sich dem Dieb zu nähern, dessen Begründung für die Tat so einfach wie rührend ist: Er fand die Bilder schön. Mit einem kriminellen Mastermind, wie man sie aus Heist Movies kennt, hat Bertil dann auch wenig gemeinsam, wenngleich er viel Erfahrung mit der Kriminalität hat. Immerhin acht Jahre war er im Knast, Drogen bestimmen seinen Weg, der ganze Körper ist mit Tätowierungen versehen. Eine davon: „Snitchers Are A Dying Breed“. Die Wahrscheinlichkeit, dass er viel über sein Verbrechen und den Mittäter zu sagen hat, war also von vornherein eher gering.

Das Geheimnis eines Verschwindens
Tatsächlich schweigt sich The Painter and the Thief über diesen Aspekt fast völlig aus. Dass es einen zweiten Täter gibt, das wissen wir beispielsweise aus den Überwachungsvideos. Aber wer er ist, in welchem Verhältnis er zu Bertil steht und welches Motiv er verfolgt hat – wir wissen es nicht. Regisseur Benjamin Ree interessiert sich viel mehr für das Verhältnis zwischen Bertil und Barbora. Nicht allein, dass sie eben nicht die Antagonisten sind, wie man es angesichts der Situation erwarten würde. Sie werden füreinander zu wahren Bezugspersonen, verbringen viel Zeit miteinander, auch losgelöst vom Malen, erzählen sich persönliche Geschichten.

Der Dokumentarfilm, der auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, ist dann nicht minder persönlich. Nach und nach erfahren wir über beide Figuren mehr, über Bertils schwierige Kindheit und seine kriminelle Laufbahn, über Barboras selbstzerstörerische Tendenzen, die sich auch in einer früheren Beziehung manifestierten, in der sie kontinuierlich misshandelt wurde. Beide sind sie, trotz ihrer jeweiligen Partnerschaften, Außenseiter, gezeichnet vom Leben und kontinuierlich dem Abgrund nahe. Wenn Bertil ihre düsteren Bilder schön fand, dann überrascht das ebenso wenig wie Barboras Faszination für ihn – auch wenn man die Kombination vielleicht nicht als gesund empfindet.

Ein komplexes Verhältnis aus mehreren Perspektiven
Spannend ist dabei nicht allein das komplexe Verhältnis der zwei, das sich über viele Jahre aufbaut, über mehrere Krisen hinweg. Auch die Art und Weise der Präsentation ist ungewöhnlich. Ree hält sich nur zum Teil an die Chronologie der Entwicklung. Vielmehr gibt es irgendwann einen Cut: War der erste Teil aus der Sicht von Barbora, die von ihrer ersten Begegnung mit ihrem Dieb erzählt, darf nun Bertil etwas über sie sagen und seine eigenen Schlussfolgerungen teilen. Das hat ein bisschen was von den Filmen, die eine Situation aus mehreren Perspektiven wiedergeben – etwa Rashomon oder Das Verschwinden der Eleanor Rigby. Vergleichbar komplex wird es hier nicht, weil das reale Leben nun einmal nicht in der Form plan- und formbar ist wie bei einem Spielfilm. Umso erstaunlicher ist, dass das Experiment in The Painter and the Thief dennoch geglückt ist, wenn wir hier nach und nach mehr erfahren.

Natürlich bleiben zum Ende hin viele Fragen offen, auch über die besagten zum Kriminalfall hinaus. Man muss nicht immer verstehen, warum hier wer was macht, viele erklärende Szenen fehlen. Aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. The Painter and the Thief zeigt anhand dieser ungewöhnlichen Freundschaft, wie komplex Menschen eben sein können, wie wenig plausibel. Ein bisschen hat diese Doku etwas von diesen inspirierenden Schuld-und-Vergebung-Dramen, wenn ein Mensch durch die Abgründe kriecht, um am Ende doch noch die Kurve zu kriegen. Und es geht tatsächlich zu Herzen, wie die beiden im anderen etwas finden, dass sie vielleicht selbst nicht wussten, sich gegenseitig Halt geben und eine Schönheit entdecken, die nicht allein auf die großen Bilder beschränkt ist, die an der Wand hängen – oder eben auch nicht.

Credits

OT: „The Painter and the Thief“
Land: Norwegen
Jahr: 2020
Regie: Benjamin Ree
Musik: Uno Helmersson
Kamera: Benjamin Ree, Kristoffer Kumar

Trailer

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The Painter and the Thief
Die Geschichte klingt komisch, ist aber wahr: Der Dokumentarfilm „The Painter and the Thief“ hält fest, wie eine Malerin, deren Werke gestohlen wurden, sich für den Dieb interessiert und nun ihn malen will. Aber auch die Umsetzung ist ungewöhnlich, wenn mehrere Perspektiven sich ergänzen und zwei komplexe Menschen aufzeigen, verloren und doch gefunden.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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