Kritik

Normalerweise ist es ein recht schönes Ereignis, von den Verwandten einen Brief zu bekommen. Wer schreibt die heute schließlich noch? Bei Margaret Kamango dürfte sich die Freude jedoch in Grenzen gehalten haben, als sie diesen öffnete und las. Anstatt ihr zum Geburtstag zu gratulieren oder der alten Dame viele gesunde weitere Jahre zu wünschen, steht darin mehr oder weniger das Gegenteil. Sie solle möglichst bald das Zeitliche segnen. Der Grund: Die Kenianerin ist eine Hexe, zumindest lautet so der Vorwurf, den man ihr macht, böse und durchtrieben, sorge beispielsweise dafür, dass Frauen unfruchtbar sind.

Eine Verfolgung mit System
Das kann man lustig finden, kurios und lächerlich. Oder auch beängstigend. Karisa, einer der vielen Enkel der alten Dame, macht es Sorge, als er in den sozialen Netzwerken von diesem Vorwurf liest und reist deshalb in das Dorf, um dort nach dem Rechten zu sehen. Begleitet wird er dabei von Maia Lekow und Christopher King, die aus diesem etwas anderen Familienstreit einen Film gemacht haben. Dabei ist The Letter nicht unbedingt ein Einzelfall. Neben Margaret werden noch andere Senioren und Seniorinnen der unglaublichsten Verbrechen beschuldigt, böse Zauber sollen sie ausgesprochen haben.

Vor einigen Jahren hatte schon der Spielfilm I Am Not A Witch von Aberglauben in Afrika erzählt, von Hexencamps, in denen Mädchen und Frauen eingesperrt werden. In The Letter gibt es solche Camps zwar nicht, statt Sambia sind wir zudem in Kenia unterwegs. Aber auch dort scheinen sich alte Überzeugungen gehalten zu haben, wonach es Menschen mit besonderen Gaben gibt – oder eben fürchterlichen Gaben. Der Dokumentarfilm macht sich aber nicht über die Leute und ihren Glauben lustig, auch wenn das naheliegen würde. Vielmehr versucht er einen Einblick zu geben in eine Gegend und eine Schicht, bei der so manches im Argen liegt.

Ein Land im Umbruch
Vor allem ist The Letter ein Film über Konflikte. Es ist ein Konflikt zwischen Menschen in den Städten, welche die alten Überzeugungen abgelegt haben, und solchen auf dem Land, welche diese nach wie vor haben. Es ist ein Konflikt zwischen Männern und Frauen – es sind die Söhne von Margaret, welche die Vorwürfe der Hexerei erheben, die Töchter wiederum verteidigen sie. Und es ist ein Konflikt zwischen den Alten und den Jungen. Wenn die Alten vertrieben werden soll, vielleicht sogar getötet, dann mag das einerseits Teil der früheren Religion gewesen sein. Es ist aber auch Ausdruck einer jüngeren Generation, die ihren Platz nicht findet und sich deshalb einen mit Gewalt nehmen will.

Am interessantesten ist der Beitrag vom DOK.fest München 2020 daher als das Porträt eines Landes und einer Gesellschaft im Umbruch. Solche gibt es natürlich überall, ebenso Menschen, die für den Status Quo von früher kämpfen – siehe die Situation in den USA oder der Zulauf, den rechte Parteien in Europa erhalten haben, die ihnen genau das versprechen. Nur geht dies hier eben mit dem Aspekt des Aberglaubens einher, was den bekannten Kämpfen noch einmal eine neue Nuance abgewinnt. Aber auch Margaret selbst, die deutlich rationaler ist als ihre Söhne, ist spannend und damit für sich schon ein Grund, sich diese persönliche und eigenwillige Dokumentation einmal anschauen zu wollen.

Credits

OT: „The Letter“
Land: Kenia
Jahr: 2019
Regie: Maia Lekow, Christopher King
Musik: Maia Lekow, Ken Myhr
Kamera: Luke Lorentzen

Bilder

Trailer



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The Letter
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The Letter
„The Letter“ nimmt uns mit nach Kenia, wo eine ältere Frau der Hexerei beschuldigt wird – von den eigenen Söhnen. Der Dokumentarfilm gibt einen spannenden Einblick in ein Land und eine Gesellschaft, die von Umbrüchen und Konflikten geprägt ist, zwischen alt und jung, Mann und Frau, Stadt und Land.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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