Kritik

„Nachspiel“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Angelegt auf mehreren Zeitebenen porträtiert der Dokumentarfilm Nachspiel drei ehemalige Fußballspieler aus der Jugend des Spitzenteams Borussia Dortmund mit jeweils sehr unterschiedlichen sportlichen und privaten Werdegängen: Florian Kringe wurde gutbezahlter Profi, braucht aber mit 34 ein neues Hüftgelenk. Heiko Hesse arbeitet für die EU und den IWF und Mohammed Abdulai ist heute Busfahrer. Was alle drei eint? Sie würden es wieder tun.

„Der Sport ist eine gute Schule fürs Leben.“
Die drei Protagonisten beginnen ihre jeweilige Laufbahn Ende der 1990er Jahre in der Jugend des BVB. Mittelfeldspieler Florian Kringe wird damals als großes Talent gehandelt. Er hat bis dato eine absolute Musterlaufbahn hingelegt und sämtliche Junioren-Nationalteams des DFB durchlaufen. Jedoch wird er, das ist die Konstante seiner gesamten Profikarriere, immer wieder von Verletzungen geplagt und zurückgeworfen. Nun, nach seiner aktiven Zeit, benötigt er mit 34 Jahren ein künstliches Hüftgelenk.

Diese Zerbrechlichkeit des eigenen Körpers und damit des Traums vom Profifußball ist vielleicht das zentrale Thema des Films und betrifft alle drei Protagonisten. Dennoch, betont Kringe, sei es ein absolutes Privileg, Berufsfußballer sein zu können, weshalb er es immer wieder tun würde. Ob er es in Zukunft noch wird tun können, wenn auch nur mit dem Sohn im eigenen Garten, ist fraglich. Der Arzt empfiehlt, nach der OP nicht mehr Fußball zu spielen. Im Wechsel mit den zwei anderen Protagonisten und durch geschickte Rückblenden in Form von Archivmaterial zeigt Nachspiel Kringe bei der mühsamen Reha und bei seinem Versuch, nach der aktiven Karriere als Berater und Spielervermittler dem Fußball(-Geschäft) verbunden zu bleiben.

„Aufzuhören war eine Befreiung“
Die vielleicht emotionalste Sequenz des Films zeigt die Begegnung zwischen Kringe und dessen ehemaligem Mitspieler Lars Ricken – dem Spieler, der die Fußball-Achterbahn von Auf und Ab wie vielleicht kein zweiter personifiziert: Mit 19 Jahren schoss Ricken das entscheidende Siegtor im Finale der Champions League, konnte dieses Niveau aber im Anschluss nicht halten. Ricken und Kringe identifizieren Mentalität, Entschlossenheit und die Bereitschaft zu Entbehrungen als die wichtigsten Eigenschaften, um Profifußballer zu werden. Doch sie sprechen auch über chronische (körperliche) Schmerzen sowie die extreme psychische Belastung des Profidaseins, insbesondere während und nach verletzungsbedingten Zwangspausen: „Im Kopf willst du immer noch so wie früher, aber es geht halt alles viel, viel langsamer. Das ist so frustrierend teilweise“, konstatiert Kringe, gibt aber auch zu, dass er das Karriereende schließlich als „eine Befreiung“ empfunden habe. Tragischerweise war der größter Erfolg in Kringes Karriere zugleich auch seine bitterste Stunde: Er wurde 2011 mit Dortmund Deutscher Meister, konnte aber aufgrund eines Kreuzbandrisses – der schlimmsten Fußballer-Verletzung überhaupt – kein einziges Spiel bestreiten.

„Mein Potenzial nicht ganz ausgreizt“
Während man von Florian Kringe als Fußball-Interessierte/r eventuell schon einmal gehört hat, ist Heiko Hesse wohl nur den allergrößten Insidern (lies: Nerds) ein Begriff. Der Grund dafür wird schnell klar: Hesse schafft es seinerzeit nur mit Mühe überhaupt in die zweite Mannschaft des BVB, für die Profikarriere aber reicht das Talent trotz aller Disziplin nicht. Sehr zu empfehlen ist an dieser Stelle – und überhaupt – Fever Pitch von Nick Hornby, mit Sicherheit das Fußball-Buch überhaupt, worin genau dieser Aspekt des vermeintlichen Scheiterns im englischen Profifußball auf humorvolle und zugleich einfühlsame Art behandelt wird.

Apropos England: Hesse hakt die Profikarriere recht schnell ab und beginnt stattdessen ein Studium der Ökonomie in den USA und in Oxford, welches er sich mit semi-professionellem Fußballspielen finanziert. Heute arbeitet der äußerst reflektierte Hesse sehr erfolgreich für den IWF und die Finanzdirektion der Europäischen Kommission in Brüssel und wird als engagierter Familienvater und zugleich bodenständiger Typ gezeigt. Obgleich Hesse also insgesamt mit seinem Fußball-Hintergrund ausgesöhnt zu sein scheint, gibt es auch immer wieder kurze Momente des wehmütigen Zurückblickens sowie die grundsätzliche, schmerzhafte Überzeugung, das eigene fußballerische Potenzial nicht ganz ausgereizt zu haben.

„Das Leben geht weiter.“
Der Dritte im Bunde ist der aus Ghana stammende Mohammed Abdulai. Er beschritt fußballerisch gewissermaßen den Mittelweg zwischen Kringe und Hesse. Auch bei Abdulai reichte das Talent nicht für die große Profikarriere. Überhaupt sei Talent allein nicht genug, es bedürfe zusätzlich und zu gleichen Teilen eines inneren Antriebs sowie der konstanten Unterstützung von außen. Insbesondere aber, da sind sich Kringe, Hesse und Abdulai einig, ist Fußball Kopfsache: Entscheidend ist der unbedingte Wille, die Motivation. Als Abdulai als 17-Jähriger allein aus Ghana nach Deutschland und in die Jugendabteilung des BVB kommt, steht ihm scheinbar ein steiler Werdegang bevor. Doch seine sportliche Entwicklung stagniert bald – die harten Worte des ehemaligen Jugendtrainers im Archivmaterial sind erbarmungslos und zeugen vom humorlosen Alltag im Profigeschäft.

Dramatisch wird die Situation dadurch, dass Abdulais Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland auch an einen Lizenzspielervertrag geknüpft ist. Er wechselt vom BVB in die viertklassige Regionalliga, erleidet aber bald – wie Florian Kringe – einen Kreuzbandriss. Es folgt eine Odyssee durch unterklassige Ligen in Belgien, Bulgarien und Bangladesch. Bereits 2006 wurde er eingebürgert („Aber ich bin immer noch Ausländer. Wegen der Farbe.“), doch die Familie ist in Ghana. Heute ist Abdulai Busfahrer in Bochum, eine Ausbildung hat er nicht gemacht. Interessanterweise beleuchtet der Film so ein Problem, das im Grunde alle Profifußballer, mit Ausnahme der absoluten Spitzenverdiener, nach der aktiven Karriere betrifft. Für seinen eigenen Sohn wünscht Abdulai sich daher auch einen anderen beruflichen Werdegang. Auf jeden Fall studieren soll er, wie sonst alle in Abdulais Familie. Er selbst habe sich geopfert, überweist monatlich Geld in die Heimat. Doch unzufrieden ist er – genau wie Kringe und Hesse – dennoch nicht. Und so zitiert er die berühmte Lebensweisheit von Trainerlegende Dragoslav Stepanović: „Das Leben geht weiter.“

Credits

OT: „Nachspiel“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Christoph Hübner, Gabriele Voss
Drehbuch: Christoph Hübner, Gabriele Voss
Musik: Jörg Follert
Kamera: Christoph Hübner
Besetzung: Mohammed Abdulai, Heiko Hesse, Florian Kringe

Bilder

Trailer



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Nachspiel
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Nachspiel
„Nachspiel“ zeigt die unterschiedlichen Lebenswege dreier ehemaliger Juniorenfußballer, von denen nur einer den Spung zu den Profis schafft. „Gescheitert“, das macht der formal konventionell gehaltene Dokumentarfilm dabei deutlich, ist jedoch keiner von ihnen. Der leicht melancholische und sehr sehenswerte Film profitiert von den charismatisch-reflektierten und eloquenten Protagonisten und liefert so Erkenntnisse, die weit über den Spielfeldrand hinausweisen.
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