Kritik

Midnight Family

„Midnight Family“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Wie wertvoll ein funktionierendes Gesundheitssystem ist, das wird in der derzeitigen Corona-Pandemie eindrucksvoll vorgeführt: Die Herausforderungen durch das Virus sind weltweit prinzipiell dieselben, die Art und Weise, wie die jeweiligen Länder mit dieser Ausnahmesituation zurechtkommen, unterscheidet sich jedoch stark. Midnight Family wurde schon vorher gedreht und zeigt, dass in Mexiko die Ausnahmesituation Alltag ist. Der Dokumentarfilm nimmt uns mit in die Hauptstadt, in der immerhin neun Millionen Menschen leben. Doch für diese große Bevölkerungszahl stehen lediglich 45 staatliche Rettungswägen zur Verfügung – was natürlich nicht annähernd genug ist, um den Bedarf zu decken. Und so treten eine Reihe von privat geführten Wägen auf, welche in der Stadt Verletzte aufsammeln und in die Krankenhäuser bringen.

Einer dieser Rettungswägen wird von Familie Ocho betrieben. Es ist ein hartes Geschäft, in mehrfacher Hinsicht. Nicht allein dass es natürlich mit einem hohen psychischen Druck einhergeht, Menschen retten zu wollen, es oft auf Sekunden ankommt und man Zeuge vieler tragischer Geschichten wird. Hinzu kommt, dass dieser Bereich hart umkämpft ist. Viele versuchen, hier Fuß zu fassen, was zu skurrilen bis schockierenden Szenen führt. An einer Stelle sehen wir beispielsweise, wie die Ochos sich ein Rennen mit einem anderen Rettungswagen liefern und auf die Weise selbst Leben gefährden. Denn wer zuerst am Unfallort ankommt, dem gehört die Fahrt ins Krankenhaus – und damit das Geld.

Im Wartesaal der Korruption
Befeuert wird dieser Konkurrenzkampf offensichtlich durch weit verbreitete Korruption. Da müssen schon einmal Polizisten bestochen werden, damit sie einen auf Unfälle aufmerksam machen. Umgekehrt machen manche Polizisten den Rettungssanitätern das Leben schwer durch neue, teils absurde Regeln, welche die Ausrüstung betreffen. Die Ochos, wie vermutlich auch die vielen Mitbewerber, die in Midnight Family höchstens mal gestreift werden, sind im Film oft mehr mit dem Drumherum beschäftigt als mit dem eigentlichen Retten von Leben. Gesundheit ist ein wertvolles Gut – und doch in Mexiko nicht wirklich von Wert.

Midnight Family ähnelt dadurch anderen Filmen, die sich weltweit mit maroden Gesundheitssystem auseinandergesetzt haben – etwa der Dokumentarfilm Está todo bien – Alles ist gut, der uns mit in das von Krisen erschütterte Venezuela nimmt, oder der Spielfilm Arrhythmia über einen jungen Sanitäter aus Russland. Die Länder sind verschieden, das Ergebnis ist aber doch ähnlich. Überall wird gekürzt, reicht das Geld nicht aus, um die Menschen wirklich zu versorgen. Und was sich nicht rechnet, das wird eben gestrichen, mit fatalen Folgen für die Menschen, wenn es nicht genug Ärzte und Ärztinnen gibt, Medikamente fehlen oder die Leute sich Behandlungen schlicht nicht leisten können und das dann schon einmal mit dem Leben bezahlen müssen.

Das Geschäft mit der Gesundheit
Extremfälle kommen in der mexikanischen Variante zwar nicht vor. Geld spielt aber auch hier eine große Rolle. Eine Jugendliche zögert, die Kontaktdaten ihrer Familie herauszugeben, weil die Kosten für die Behandlung einer gebrochenen Nase zu hoch wären. Oft gibt es auch Diskussionen mit den Angehörigen der Opfer, die sich weigern, für den Transport zu bezahlen. Denn wer einen privaten Dienst in Anspruch nimmt, der muss für die Kosten selbst aufkommen. Da sich aber offensichtlich dieser gesamte Geschäftsbereich in einer legalen Grauzone befindet, kann man diese Bezahlung nicht rechtlich einfordern. Midnight Family bleibt an dieser Stelle leider etwas unkonkret. Einige Bestimmungen kann man sich noch herleiten und aus dem Kontext erschließen. Aber es bleiben Fragen offen.

Regisseur Luke Lorentzen ging es aber auch nur zum Teil um das System an sich. Vielmehr ist der Dokumentarfilm, der unter anderem auf dem DOK.fest München läuft, das persönliche Porträt einer Familie, die in dem Bereich unterwegs ist und selbst ums Überleben kämpft. War eine Nacht erfolglos, wenn es keine Fälle gab oder niemand zahlen wollte, dann wissen auch die Ochos nicht so recht, wie sie die nächste Mahlzeit finanzieren sollen. Eine der erschütterndsten Szenen ist, wie die Familie darum feilscht, wie viele Dosen Thunfisch sie sich kaufen kann, um am Abend davon satt zu werden. Und das ist nur einer der Aspekte von der überaus ambivalenten Midnight Family, die im einen Moment wenig Skrupel zeigt, im nächsten viel Mitgefühl. Wenn an einer Stelle der Familienvater die besagte Jugendliche mit der gebrochenen Nase in den Arm nehmen muss, um sie zu beruhigen, dann stehen nicht nur ihr die Tränen in den Augen. Der Film wechselt schöne und hässliche Szenen, humorvolle und furchtbar traurige und lässt einen tief bewegt, wenngleich mit gemischten Gefühlen zurück.

Credits

OT: „Midnight Family“
Land: Mexiko, USA
Jahr: 2019
Regie: Luke Lorentzen
Musik: Los Shajatos
Kamera: Luke Lorentzen

Bilder

Trailer

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Midnight Family
„Midnight Family“ nimmt uns mit nach Mexiko, wo eine Familie einen privaten Rettungswagen fährt und versucht, damit finanziell über die Runden zu kommen. Der Dokumentarfilm gewährt einen Einblick in ein marodes, teil korruptes System und ist gleichzeitig ein sehr persönliches und bewegendes Porträt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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