Kritik

A Russian Youth

„A Russian Youth“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Für den jungen Soldaten (Vladimir Korolev) steht fest: Er muss sein Vaterland Russland verteidigen, komme, was da wolle. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Schon kurz nach seiner Verlegung an die Front gerät er in einen Gasangriff der Deutschen und verliert dabei sein Augenlicht. Während die anderen ihn anschließend nach Hause schicken wollen – welchen Nutzen hat schon ein blinder Soldat? –, besteht er darauf, weiterhin Teil des Kampfes zu sein. Genauer will er sein Gehör nutzen, um seine Kameraden vor nahenden Flugzeugen zu warnen. Einfach ist das nicht, vor allem zu Beginn findet er sich nirgends zurecht und wird damit für die anderen zu einer Belastung …

Ein etwas anderer Rückblick
Russische Kriegsfilme hat es in den letzten Jahren so einige gegeben. Oft erzählte man Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem die wackeren Männer allen Widrigkeiten trotzen und am Ende über die scheinbar übermächtigen Deutschen triumphieren – siehe etwa Unzerstörbar – Die Panzerschlacht von Rostow. Filme, die durchaus einen gewissen patriotischen Hintergrund mit sich bringen. A Russian Youth ist da anders, und das nicht nur, weil ausnahmsweise mal die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg zurückgedreht wird. Es ist sogar sehr viel anders bei dem Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Alexander Zolotukhin.

Das Szenario um einen blinden Soldaten, der aus lauter Liebe zur Heimat weiterkämpft, bietet sich dabei durchaus an für eine solche Heldengeschichte, die einem die Tränen des Patriotismus in die Augen treiben. Stattdessen wird man sich diese eher vor lauter Verwunderung reiben. Zum einen wäre da die Stimmung, welche nie den erwarteten Pathos anstrebt, auch nicht die Tragik unterstreicht. Stattdessen meint man manchmal, mit A Russian Youth eine Komödie vor sich zu haben. Immer wieder rennt der junge Patriot in andere hinein, sorgt für Chaos, manchmal auch Ärger, wie in den alten Slapstick-Stummfilmen.

Blasse Bilder und kurze Musikintermezzi
Gesprochen wird zwar, die Dialoge haben aber relativ wenig zur Geschichte beizutragen. Eindrucksvoller sind da schon die körnigen, leicht verwaschenen Bilder, die in Sepia-Tönen gehalten sind und den Eindruck alter, wiederentdeckter Aufnahmen wecken. Das ist oft ein bisschen unwirklich, trotz der verheerenden Erlebnisse entsteht kein reales Gespür für den Krieg. Daran dürften aber auch die Musikstücke ihre Mitschuld haben: Die Ereignisse an der Front werden vereinzelt von mit der Kamera festgehaltenen Orchesterproben zu Sergei Rachmaninows 3. Konzert für Klavier und Orchester Op. 30 (1909) und den Sinfonischen Tänzen Op. 45 (1940) unterbrochen, die im hier und jetzt stattfinden. Das bedeutet noch mehr Irritationen, zumal das Ganze eben nur gelegentlich geschieht und damit nie zu einem Prinzip erhoben wird.

Die Antikriegs-Momente, die es hier durchaus gibt, entfalten sich auf diese Weise eher weniger. Man ist aufgrund der fehlenden Distanz Teil des Krieges, gleichzeitig aber so davon entfremdet, dass dieser hier eine abstrakte Qualität annimmt. Als Seherfahrung ist A Russian Youth, das auf der Berlinale 2019 Weltpremiere hatte, dadurch sicherlich interessant, gerade auch als Gegenentwurf zu herkömmlichen Kriegsfilmen. Aber es ist eine, die am Ende vor allem das Gefühl der Verwirrung und der Desorientierung hinterlässt anstatt das des Horrors oder des Mitleids und daher nur für ein experimentierfreudiges Publikum gedacht ist.

Credits

OT: „Malchik russkiy“
Land: Russland
Jahr: 2019
Regie: Alexander Zolotukhin
Drehbuch: Alexander Zolotukhin
Musik: Sergei Rachmaninoff
Kamera: Ayrat Yamilov
Besetzung: Vladimir Korolev

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2019

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A Russian Youth
„A Russian Youth“ wird ein junger russischer Soldat gleich zu Beginn seines Einsatzes blind, will aber trotzdem weiterhin treu dienen. Das Ergebnis ist weder pathetische Heldensaga noch Antikriegshorror, sondern ein seltsames, teils abstraktes Filmexperiment, das einen ebenso orientierungslos wie den Protagonisten zurücklässt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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