Kritik

Schande Disgrace

„Disgrace“ // Deutschland-Start: 17. September 2009 (Kino) // 26. März 2010 (DVD/Blu-ray)

Nachdem ihn eine Affäre mit einer seiner Studentinnen in Verruf gebracht und zum Ziel einer Untersuchung seitens der Universität gemacht hat, beschließt Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich), seine Tochter Lucy (Jessica Haines) auf ihrer Farm in der Provinz Ostkap zu besuchen. David hat sich vorgenommen, an einer Oper über das Leben Lord Byrons, einer seiner literarischen Vorbilder, zu arbeiten und seiner Tochter bei ihrer Arbeit zu helfen. Auf der Farm angekommen, macht David Bekanntschaft mit Petrus (Eriq Ebouaney), der Lucy bei der Arbeit hilft, sich um ihre Hunde kümmert und an seiner eigenen Farm arbeitet. Eines Tages werden David und Lucy von drei schwarzen Männern überfallen. Während sie David überwältigen und schwer verletzen, vergewaltigen sie seine Tochter und erschießen deren Hunde. Während sich David langsam von seinen Verletzungen erholt, verlangt er von seiner Tochter nachdrücklich, sie solle die Polizei einschalten und sich mehr um ihre Sicherheit sorgen, jedoch blockt Lucy alle Unterhaltungen ab und macht ihrem Vater mehr als einmal klar, sie habe weder vor, das Land aufzugeben, noch sich einschüchtern zu lassen. Für Davis ist dies schwer zu akzeptieren, vor allem, da er Petrus verdächtigt, etwas mit dem Vorfall zu tun zu haben, ein Verdacht, der sich erhärtet, als er einen der Täter bei einer Party auf Petrus’ Land wieder trifft und diesen konfrontiert.

Verdammt zu schweigen
Mit seinem 2008 entstandenen Film Schande verfilmte der besonders durch seine Arbeiten fürs australische Fernsehen bekannte Steve Jacobs den gleichnamigen Roman des Literatur-Nobelpreisträgers J.M. Coetzee. In seinem Werk befasst sich Coetzee vor allem mit dem Südafrika nach der Apartheid, welche Spuren dieses System im Land und bei den Leuten hinterlassen hat. Die Sichtweise, die sich auch im Skript von Jabocs’ Ehefrau Anna Maria Monticelli widerspiegelt, ist eine sehr ernüchternde Bestandsaufnahme von emotionalen, politischen und historischen Distanzen, die nicht zu überwinden sind oder noch sehr lange nachhallen werden.

Eigentlich wäre auch „Ungnade“ eine treffende Übersetzung des englischen Titels Disgrace gewesen, betont dieser doch auf vielschichtige Art und Weise die Hauptthematik der Geschichte. In dieser verfolgt man die Entwicklung des von John Malkovich gespielten David Lurie, einem wohlhabenden Intellektuellen, der sich, wie sein Auftreten im Hörsaal sowie das vor dem Untersuchungsausschuss zeigt, in gewisser Weise über moralischen Diskussionen sieht. Malkovich spielt diesen Mann mit einer beinahe konstanten Arroganz, einem Bewusstsein, die Kontrolle über den Gang der Dinge zu haben und durch Bildung über gewissen kleinbürgerlichen Moralvorstellungen zu stehen. Seine Vorliebe für die romantische Literatur Byrons und Wordsworth bestätigt ihn in dieser Lebensweise, durch die er sich von anderen Personen zunehmend distanziert, auch von seiner Tochter, die mehr überrascht als erfreut zu sein scheint, ihn zu sehen.

Umso erdrückender ist der Verlust der Handlungsfähigkeit und die damit einhergehende Wortlosigkeit. Der Einbruch der Gewalt in seinem Leben, die Konfrontation mit dem für ihn fremden Lebenskonzept seiner Tochter und anderer Fakten zeigt Lurie wie auch dem Zuschauer die Grenzen des Handelns auf. Man beobachtet in den intensiv gespielten Szenen zwischen Haines und Malkovich jenes Ringen um das richtige Wort, die passende Geste, ein Unterfangen, welches die Distanz zueinander erhöht statt sie überwindet.

Eine Schuld, die nie endet
Es ist bemerkenswert, dass in einer Geschichte, in der das Erbe der Apartheid eine Rolle spielt, das Wort an sich nie verwendet wird, um nicht zu sagen verschwiegen wird. Die Pracht der Kulisse, die sich in den schönen Totalen zeigt, wird konterkariert durch die Kargheit des Lebens auf der Farm sowie die Isolation, welche hervorhebt, wie ausgeliefert die Figuren sind. Mauern, Wände sowie die Trostlosigkeit von Orten wie der Tierklinik lösen die vermeintliche Freiheit der Landschaft ab und betonen gleichermaßen die Grenzen zwischen den Menschen und den Hautfarben, die immer noch sehr präsent sind.

Insgesamt ist der Status der Ungnade oder der Schande ein Ausdruck für eben jenes Erbe der Apartheid, jenes Bewusstsein einer Schuld, die nicht vergeht und immer noch sehr präsent in den Köpfen der Menschen ist. Brisant bleibt die Frage von Coetzees Roman und damit auch von Jacobs’ Film, ob es Wege gibt mit dieser Schuld aufzuräumen, ob es eine Zukunft geben kann, in der man miteinander leben kann, ohne Mauern zu errichten.

Credits

OT: „Disgrace“
Land: Australien, Südafrika
Jahr: 2008
Regie: Steve Jacobs
Drehbuch: Anna Maria Monticelli
Vorlage: J.M. Coetzee
Musik: Anthony Partos, Graeme Koehne
Kamera: Steve Arnold
Besetzung: John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Fiona Press, Antoinette Engel

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Schande
3.81 (76.25%) 16 Artikel bewerten

Schande
"Schande" ist ein unbequemes Drama über Südafrika in der Zeit nach der Apartheid. Vor allem die großartigen Darsteller machen den Film von Steve Jacobs zu einem sehenswerten Streifen, der seine Zuschauern mit Realitäten und Fragen konfrontiert, deren Beantwortung auf gesellschaftlich-politischer Sicht immer noch aussteht.
8von 10

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