Kritik

„Der Havarist“ // Deutschland-Start: 8. März 2019 (DVD)

Im Allgemeinen kennt das Publikum den Schauspieler Sterling Hayden aus seinen vielen Rollen, als Westernheld aus Nicholas Rays Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen, als Dieb aus John Hustons Asphalt-Dschungel oder als verrückt gewordener General aus Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben. Jedoch ist dies nur ein Aspekt eines Lebens, welches in Upper Montclair, New Jersey begann und sich mehrheitlich auf hoher See abspielte, denn Hayden kommt gegen Ende der 1930er Jahre mehr durch Zufall und aus Geldknappheit ins Filmgeschäft, ohne je eine Schauspielschule von innen gesehen zu haben.

In Der Havarist erzählt der deutsche Regisseur Wolf-Eckart Bühler aber nicht nur die Geschichte einer Karriere, sondern vor allem die eines Kampfes. 1951 sagt Hayden in einem viel beachteten Verhör vor dem Komitee für unamerikanischen Umtriebe über seine Aktivitäten während seiner kurzen Zeit in der Kommunistischen Partei aus, gibt Namen und wird wegen seiner Ehrlichkeit und Kooperationsbereitschaft als amerikanischer Held gefeiert. Basierend auf Haydens Autobiografie Wanderer inszeniert Bühler einige darin enthaltene Erlebnisse, dramatisiert sie, wobei Hayden abwechselnd von Schauspielern wie Burkhard Driest, Rüdiger Vogler und Hannes Wader verkörpert wird. Daneben greift Bühlers Films auf Archivmaterial zurück wie Presseaufnahmen, Zeitungsausschnitte sowie kurze Ausschnitte seiner Dokumentation Leuchtturm des Chaos, in welcher Hayden in langen Gesprächen über Themen wie Hollywood, Alkoholismus und seine Beziehung zur See spricht.

Chronik eines unbeständigen Lebens
Wolf-Eckart Bühlers Der Havarist ist ein sehr ungewöhnlicher Film, der mit Mitteln der Fiktion sich einem Leben annähert, in welchem die Unbeständigkeit ein zentrales Element war. Eingerahmt von den Bildern eines Schiffes, welches einen Hafen verlässt und schließlich wieder auf diesen zusteuert, verweist der Regisseur bereits früh auf die Rauheit, den Kampf aber auch die Suche als Aspekte, welche die Person Sterling Hayden ausmachen und auf die er in seiner Biografie immer wieder zu sprechen kommt. Dabei geht es mitnichten um die Hürden eines Lebens oder einschneidende Situationen, sondern um ein Hadern mit der eigenen Person, die sich bereits früh fragt, ob das beständige Spielen von Rollen nicht zu einer Distanz zum Selbst geführt hat.

Konsequenterweise maßt sich Bühler nicht an, Antworten zu geben oder ein komplettes Bild der Person Hayden zu zeigen, über seine Beweggründe ist sich Hayden, wenn man seine Ausführungen hört, selbst noch im Unklaren oder es fehlen ihm die Worte sie auf den Punkt zu bringen. Die Suche nach einem Sinn wird zu der Suche nach einer Form der Rechtfertigung, vor allem für seine Aussagen vor dem Komitee für unamerikanischen Umtriebe und der darauffolgenden „Reinwaschung“ in Hollywoods, die sich in einem nicht enden wollenden Strom attraktiver Rollenangebote bemerkbar machte. Die Kernfrage, die Hayden umtreibt, ist, ob es einen Weg geben kann, diesen Ruhm vor sich selbst zu rechtfertigen, ob man weiter leben kann und, vielleicht am wichtigsten, ob man weiter eine Rolle spielen kann, ohne man selbst zu sein.

Der Andere auf der Leinwand und im Leben
Schon bald ergibt sich für den Zuschauer ein Zwiespalt, wie für Hayden auch selbst. Man sieht nicht mehr Sterling Hayden auf der Leinwand, sondern einen Anderen, eine fremde Person, wie sie Hayden beschreibt. Die Erzählung einer Zeit geprägt von Angst, Selbstflucht und Heuchelei, wie sie Hayden definiert, wird zu einer Geschichte eines Landes, welches recht schnell zu „business as usual“ zurückkehrte, in dem eskapistische Fantasien nach wie vor ihren Weg auf die Leinwand fanden und man sich versucht, auf abstrakte Art und Weise reinzuwaschen. Doch aus den Bildern des Films und den Worten Haydens merkt man, dass dies ein Weg hinein in die Selbstlüge ist.

Credits

OT: „Der Havarist“
Land: Deutschland
Jahr: 1984
Regie: Wolf-Eckart Bühler
Drehbuch: Wolf-Eckart Bühler
Musik: Konstantin Wecker
Kamera: Peter Gauhe
Besetzung: Sterling Hayden, Burkhard Driest, Rüdiger Vogler, Hannes Wader

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Der Havarist
„Der Havarist“ ist eine interessante, sehr sehenswerte Dramatisierung des Lebens Sterling Haydens, basierend auf dessen Lebensgeschichte. Insbesondere im Zusammenspiel mit Wolf-Eckart Bühlers vorherigem Film "Leuchtturm des Chaos" ergibt sich für den Zuschauer das Bild eines Lebens geprägt von Widersprüchen, (Selbst-)Kämpfen und einer großen Unruhe, so wie sie auf freier See herrscht.
7von 10

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