Kritik

Zimmer mit Aussicht Room with a View

„Zimmer mit Aussicht“ // Deutschland-Start: 27. November 1986 (Kino)

Ein bisschen enttäuschend ist es ja schon: Da treten Lucy Honeychurch (Helena Bonham Carter) und ihre Anstandsdame Charlotte Barlett (Maggie Smith) schon den weiten Weg nach Florenz an. Und was geschieht? Sie erhalten ein Zimmer ohne Aussicht auf den Arno, obwohl den beiden Engländerinnen dies zuvor versprochen wurde. Doch da eilen ihnen zwei andere Hotelgäste zur Hilfe, Herr Emerson (Denholm Elliott) und sein Sohn George (Julian Sands), und tauschen einfach die Zimmer. Etwas zurückhaltend nehmen die beiden das Angebot an, ohne zu wissen, welche Folgen das haben wird, kommen sich Lucy und George auf diese Weise doch näher, als es der Anstand erlaubt. Und auch als sie längst zurück in der Heimat sind und Lucy im Begriff ist, Cecil Vyse (Daniel Day-Lewis) zum Mann zu nehmen, ist die Geschichte noch längst nicht vorbei …

Sehr umfangreich ist das Gesamtwerk von E. M. Forster nicht gerade. Gerade einmal fünf Romane wurden zu Lebzeiten des englischen Autors veröffentlicht, ein sechster nach seinem Tod. Ein geplanter siebter fand nie seine Fertigstellung. Und doch wird er gerne zu den großen britischen Literaten des 20. Jahrhunderts gezählt. Seine Bücher behandelten dabei oft gesellschaftliche Zustände, vor allem die Klassenunterschiede. Auch Forsters umfangreiche Reisen beeinflussten seine Geschichten, allen voran A Passage to India, das 1924 erschien und mit seinen Ausführungen zur indischen Unabhängigkeitsbewegung zu seinem größten Erfolg wurde.

Ein Film wie im Urlaub
Ganz so ambitioniert war das 1908 veröffentlichte Zimmer mit Aussicht nicht, die während seiner Italienreisen gesammelten Erfahrungen dienen Forster eher als reines Dekor. Das kommt dafür dem Film zugute, wenn der erste Teil der Geschichte in Florenz spielt. Denn das bedeutet nicht nur einige schöne Aufnahmen, welche mit Vorliebe Postkartenmotive aufnehmen und Klischees geradezu zelebrieren. Es ergibt auch einen schönen Kontrast zu den Besucherinnen, die britischer nicht sein könnten, fast schon als Karikatur durchgehen könnten – darunter ein wunderbarer, leider sehr kurzer Auftritt von Judi Dench.

Deutlich umfangreicher ist die Rolle von Maggie Smith (The Lady in the Van), die völlig zurecht bei einer Reihe großer Filmpreise im Rennen war, sich am Ende über einen BAFTA Award und einen Golden Globe freuen durfte. Ihre Auftritte als steife Anstandsdame, die nur das Beste für ihren Schützling will, dabei aber immer wieder das Falsche tut, sich selbst nicht annähernd so korrekt verhält, wie sie es von Lucy einfordert, das sorgt schon für diverse unterhaltsame Momente. Aber auch Helena Bonham Carter (Fight Club), die hier ihr Kinodebüt gab, hat einige schöne Szenen als junge Frau, die sich aus dem engen Korsett der Erwartungen löst, um ihrem Herzen zu folgen.

Schöner Schein
In der Hinsicht hätte Zimmer mit Aussicht sicher noch mehr investieren können. Das Thema der Emanzipation, der Ausbruch einer Gefangenen, das kommt relativ kurz. Am Ende läuft es nur darauf hinaus, dass zwei Menschen, bei denen von Anfang an feststeht, dass sie füreinander bestimmt sind, doch noch zusammenkommen. Das war als Geschichte vor über hundert Jahren schon nicht originell, ist es seither auch nicht geworden. Beim Thema der Klassenunterschiede bleibt man ebenfalls an der Oberfläche, das wird immer nur wieder angekratzt bei der Frage, wer auf welchem Stand ist, wer wofür oder für wen unangemessen ist. Zu größeren Verwerfungen oder Konflikten führt das nicht. Dafür ist der Film zu freundlich, zu höflich.

Aber es macht eben Spaß, den Figuren bei diesem Trubel zuzusehen, wie sie sich selbst oder anderen im Weg stehen. Zumal das Auge auch anderweitig genug zu tun hat: Neben den angesprochenen italienischen Ausflügen gibt es schöne Landschaftsaufnahmen aus England und aufwendige Kostüme, nicht ohne Grund erhielt Zimmer mit Aussicht in diesen Bereichen Oscars. Der Film behält dabei immer eine gewisse Verspieltheit bei, ist trotz ernsthafter Themen recht leicht gehalten und auf seine Weise zeitlos, weshalb man immer wieder in den Wirrungen der vornehmen Gesellschaften verlorengehen kann, die auf den schönen Schein Wert legen, ohne sich dafür zu interessieren, die Zimmer mit einer tollen Aussicht einfordern, nur um dann immer die Fensterläden geschlossen zu halten.

Credits

OT: „A Room with a View“
Land: UK
Jahr: 1985
Regie: James Ivory
Drehbuch: Ruth Prawer Jhabvala
Vorlage: E. M. Forster
Musik: Richard Robbins
Kamera: Tony Pierce-Roberts
Besetzung: Helena Bonham Carter, Maggie Smith, Julian Sands, Denholm Elliott, Daniel Day-Lewis, Simon Callow

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1986 Bester Film Nominierung
Beste Regie James Ivory Nominierung
Bester Nebendarsteller Denholm Elliott Nominierung
Beste Nebendarstellerin Maggie Smith Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Ruth Prawer Jhabvala Sieg
Beste Kamera Tony Pierce-Roberts Nominierung
Bestes Szenenbild Sieg
Beste Kostüme Sieg
BAFTA Awards 1986 Bester Film Sieg
Beste Regie James Ivory Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Maggie Smith Sieg
Bester Nebendarsteller Simon Callow Nominierung
Bester Nebendarsteller Denholm Elliott Nominierung
Beste Nebendarstellerin Judi Dench Sieg
Beste Nebendarstellerin Rosemary Leach Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Ruth Prawer Jhabvala Nominierung
Beste Musik Richard Robbins Nominierung
Beste Kamera Tony Pierce-Roberts Nominierung
Bestes Szenenbild Sieg
Beste Kostüme Sieg
Bester Schnitt Nominierung
Bester Ton Nominierung
Golden Globe Awards 1986 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Regie James Ivory Nominierung
Beste Nebendarstellerin Maggie Smith Sieg

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Zimmer mit Aussicht
3.88 (77.6%) 25 Artikel bewerten

Zimmer mit Aussicht
Die Adaption von E. M. Forsters gleichnamigem Roman ist auch mehr als dreißig Jahre später schön anzusehen. „Zimmer mit Aussicht“ überzeugt dabei vor allem durch die Ausstattung und das hochkarätige Ensemble, auch wenn sich das Drama um eine junge Frau, die ihrem Herzen folgt, nur an der Oberfläche bleibt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Ron

    My Holiday dream ! With Lucy Honeychurch in Florence !

    „The gentle breeze from her bright face
    moves with the sound of wise words
    making a sweet harmony where it blows,
    as if a gentle spirit from Paradise
    seems always to comfort me, in that air,
    so that my heart won’t let me breathe elsewhere…“

    Antworten

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