Kritik

Playtime Tatis herrliche Zeiten

„Playtime – Tatis herrliche Zeiten“ // Deutschland-Start: 14. August 1968 (Kino) // 15. Oktober 2015 (DVD/Blu-ray)

Es gibt zwei Dinge, für die Jacques Tati berühmt war. Das ist sein Alter Ego Monsieur Hulot, der in einem Regenmantel bekleidet, oft auch mit Hut und Regenschirm, durch die Welt stolpert und in dessen Umgebung irgendwie fast immer etwas nicht so läuft wie gedacht. Das andere ist eine Auseinandersetzung mit dem modernen Leben, welche den französischen Filmemacher zu spöttischen kleinen Szenen inspirierte. Die waren dann in der Regel auch wichtiger als die Geschichte. Letztere war in den Werken der Komik-Legende meist nur ein Mittel zum Zweck, um seine amüsanten Beobachtungen umsetzen zu können.

Das Ende einer Geschichte
Bei Playtime – Tatis herrliche Zeiten war das ganz ähnlich und doch noch anders. Gab es in Trafic – Tati im Stoßverkehr zumindest eine Art Rahmenhandlung und eine Richtung, in die sich alle bewegten, schließlich galt es, eine Automobilausstellung zu erreichen, verzichtet der Regisseur und Drehbuchautor hier völlig auf einen narrativen Kontext. Es ist nicht einmal so, dass es eine Hauptfigur geben würde, an der sich alles aufzieht. Natürlich ist Monsieur Hulot derjenige, den man am besten wiedererkennt. Nicht allein, dass Tati immer wieder diese Rolle übernahm, die meisten Filme des Franzosen bauten auf ihm auf. Die groß gewachsene Mann, der immer auf einen Regen vorbereitet ist, der nie kommt, sticht auch optisch aus dem Ensemble hervor.

Wobei Tati bei Playtime noch sehr viel stärker damit spielt, was Vorder- und was Hintergrund ist. Der für seine Abneigung für Nahaufnahmen bekannte Komiker bleibt bei seinen Bildern immer auf Distanz, zeigt weitläufige Szenerien, bei denen auf den ersten Blick gar nicht immer klar ist, worum es nun genau gehen soll. Das erinnert manchmal an die sogenannten Wimmelbilder, die vollgestopft sind mit Details und die einen vor die Aufgabe stellen, bestimmte Objekte oder Figuren zu finden. Der Unterschied: Hier gibt es nicht einmal einen solchen Suchauftrag, Tati lässt uns in dem Chaos allein, durch das wir ähnlich orientierungslos stolpern wie Monsieur Hulot.

Ein groß angelegtes Suchspiel
Ein Großteil des Vergnügens bei Playtime ist dann auch in diesen Bildern versteckt. Dabei geht es gar nicht mal um die gelegentlichen Running Gags oder wiederkehrende Figuren, denen wir im Labyrinth der Moderne so begegnen. Gags im eigentlichen Sinn sind ohnehin weniger das Anliegen von Jacques Tati. Er kreiert kuriose Situationen, die einen zum Schmunzeln anregen, weniger zum lautstarken Lachen. Aber auch zum Staunen regen sie an. Das Wirrwarr aus Glasscheiben, Rolltreppen und Würfeln, später kommen noch Autos hinzu, ist so kunstvoll angerichtet, dass man zwei Stunden lang damit beschäftigt ist, das Spiel aus Farben und Formen zu bewundern. Tati ließ sich das einiges kosten: Playtime – Tatis herrliche Zeiten war aufgrund der Detailversessenheit und immensen Bauten, die allein für den Film errichtet wurden, aber auch aufgrund unglücklicher Umstände, sündhaft teuer. Zu teuer für ein Werk, mit dem das allgemeine Publikum nur wenig anzufangen wusste.

Doch auch wenn das hier zu einem Flop wurde, der Tati in mehrfacher Hinsicht seiner Lebensgrundlage beraubte, so ist die Komödie doch ein künstlerischer Triumph. Die wunderbaren Bilder, unterstützt von einem ungewöhnlichen Sound Design, haben Geschichte geschrieben, wirken heute gleichzeitig nostalgisch und futuristisch. Tati hat hier eine Welt geschaffen, die das Vermächtnis eines feinen Beobachters wurde, der in den kleinsten Banalitäten Humor und Magie finden konnte. Die Komödie ist deshalb gleichzeitig ein Film über das Verlorengehen wie das Finden, hält uns einen Spiegel vor, in dem wir selbst zu sehen sind, aber noch sehr viel mehr ist. Sie erinnert daran, dann und wann innezuhalten, uns der Absurdität des Moments hinzugeben und mit offenen Augen durchs Leben zu geben. Denn irgendwas Komisches findet sich immer, man muss nur wissen, wohin man schauen muss.

Credits

OT: „Playtime“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1967
Regie: Jacques Tati
Drehbuch: Jacques Tati
Musik: Francis Lemarque
Kamera: Jean Badal, Andréas Winding
Besetzung: Jacques Tati

Bilder

Trailer

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Playtime – Tatis herrliche Zeiten
„Playtime – Tatis herrliche Zeiten“ ist ein Meisterwerk der visuellen Komik, obwohl – oder weil – oft nicht klar ist, worum es in dem Moment überhaupt geht. Jacques Tati hat hier ein detailverliebtes Labyrinth geschaffen, mit wunderbaren, teils absurden Bildern, die von einem ungewöhnlichen Sound Design begleitet sind und auf Schritt und Tritt Grund zum Schmunzeln geben.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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