Kritik

Letztes Jahr in Marienbad

„Letztes Jahr in Marienbad“ // Deutschland-Start: 19. Oktober 1961 (Kino) // 20. September 2018 (DVD/Blu-ray)

In einem luxuriösen Hotel mit einer reichen Gartenanlage treffen sich ein Mann (Giorgio Albertazzi) und eine Frau (Delphine Seyrig), die sich, zumindest den Aussagen des Mannes nach, bereits vor einem Jahr dort getroffen haben. Innerhalb eines langen Zwiegesprächs und durch das Durchspielen verschiedener Situation, an die sich der Mann erinnert, versucht er zu belegen, dass sie sich vor einem Jahr verliebt haben und sich versprochen haben, miteinander zu fliehen. Auch wenn sich die Frau an gewisse Bruchstücke der Begegnung erinnert, besteht sie immer wieder auf der Falschheit der Version des Mannes, widerspricht seiner Erinnerung und stellt Situationen anders dar. Während das Gespräch der beiden immer verzweigter wird und schon bald die Unterscheidung zwischen Erinnerung und Traum geradezu unmöglich macht, mischt sich zudem der Partner der Frau (Sacha Petoëff) in die Handlung ein. Den Mann fordert er wiederholt zu einem Glücksspiel heraus, was dieser stets verliert, und er erscheint wahlweise als hinterhältig oder als Korrektiv zu der Geschichte des Mannes.

Marmorne Vergangenheit
Neben dem ebenfalls von Alain Resnais inszenierten Hiroshima, mon Amour (1959) zählt Letztes Jahr in Marienbad zu den wenigen Versuchen, dem eher kurzlebigen Format des Nouvelle Roman beizukommen. Alain Robbe-Grillet gehört zu den prägenden Figuren dieser Literatur und schrieb auch das Drehbuch zu Resnais’ Film, der als einer der Prototypen des Avantgarde-Films zählt und entgegen dem Realismus der Nouvelle Vague die Stilisierung und Verfremdung sucht. Während die Vertreter des Nouvelle Roman die Auflösung von literarischen Konzepten wie der Erzählinstanz suchten, ist dies im Falle von Letztes Jahr in Marienbad eine Auflösung der Protagonisten als sinnstiftende Elemente sowie der Aufhebung einer linear erzählten Handlung.

Selbst dem routinierten Zuschauer von Arthaus-Filmen wird die Annäherung an ein filmisches Experiment, wie es Resnais’ Film ist, zunächst einmal schwerfallen. Alles – von den Figuren, der Zeitebene bis hin zu den Orten – scheint austauschbar zu sein, irgendwie fragil und nebulös. Selbst die Geschichte will sich einem nicht so richtig erschließen, denn während der Mann immer wieder auf seiner Version der Ereignisse besteht, teils mit einem aggressiven Unterton in der Stimme, negiert die Frau ihn an vielen Stellen, erzählt eine abweichende Version oder bleibt stumm. Zuletzt widerspricht sich der Mann dann auch oft, verbessert seine Version der Geschichte oder reichert sie mit Details an.

Zuschauern, die auf der Suche nach einem strukturierten, eher klassischen Narrativ sind, wird Letztes Jahr in Marienbad wohl kaum gefallen. Das ist sehr schade, denn der Film stellt, nicht nur aus heutiger Sicht, einen Willen zum Experiment mit der filmischen Form dar, wie man es heute bestenfalls in verwinkelten Independent-Filmen finden wird. Erinnerung und Liebe sind die Themen des Films und damit des Skripts von Alain Robbe-Grillet, der jene Formexperimente noch radikaler in seinem eigenen filmischen Schaffen umsetzte. Die klaren Formen im Film, die opulente Ausstattung der Innenräume sowie die klaren geometrischen Strukturen in den Gärten implizieren eine Klarheit, die sich bei genauem Hinsehen als trügerisch erweist. Die „marmorne Vergangenheit“, von welcher der Mann mit Bezug auf die antiken Skulpturen im Garten beispielsweise anspielt, ist bestenfalls eine lückenhafte Interpretation, die sogleich durch die Einwände der Frau korrigiert wird.

Der Palast der Erinnerung
Für den von Giorgio Albertazzi gespielten Mann wird das Entwerfen dieses Palastes der Erinnerung, seiner Innenräume und seiner Gartenanlage, zu einer verzweifelten Tat, fast schon zu einer Lebensaufgabe, denn so sehr hängt er an der Erinnerung an jenen einen Abend vor einem Jahr fest. Die teils bühnenhafte, sehr präzise Inszenierung Resnais zusammen mit der Kameraführung Sacha Viernys betonen diese verschiedenen Stadien der Simulation, der diversen Narrative, mit denen der Mann zunächst die Frau und dann auch sich selbst von der Authentizität dieser Vergangenheit überzeugen will.

Als sein Gegenüber glänzt Delphine Seyrig mit einer sensiblen darstellerischen Leistung. Ihre namenlose Figur befindet sich in einem Dilemma, ist hin- und hergerissen zwischen den Ansprüchen der beiden Männer in ihrem Leben, sehnt sich zum einen nach dem Ausbrechen aber dann auch wieder dem Verbleiben in einem Moment, den der Mann durch die falsche Absolutheit seiner Erinnerung für sich beansprucht.

Credits

OT: „L’Année dernière à Marienbad“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1961
Regie: Alain Resnais
Drehbuch: Alain Robbe-Grillet
Musik: Francis Seyrig
Kamera: Sacha Vierny
Besetzung: Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Petoëff

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 1961
Berlinale 1993
Venedig 2018

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Letztes Jahr in Marienbad
4.5 (90%) 4 Artikel bewerten

Letztes Jahr in Marienbad
„Letztes Jahr in Marienbad“ ist ein großer Film über Liebe und Erinnerung. Gerade durch die Ambivalenz seiner Form wirken seine Bilder und Dialoge noch lange im Zuschauer nach und machen jede Einstellung zu einem vieldeutigen Gesamtkunstwerk. Dies ist ein mutiger Film, der gerade wegen seiner jüngst erschienenen 4k-Restaurierung eine (erneute) Sichtung wert ist.
9von 10

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