Kritik

Katalin Varga

„Katalin Varga“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Der Schock sitzt tief bei Katalin Varga (Hilda Péter), als sie von ihrem Mann (László Mátray) rausgeworfen wird. Der hatte zuvor erfahren, dass sein Sohn Orbán (Norbert Tankó), den er jahrelang aufgezogen hat, gar nicht sein Sohn ist. Für Katalin bedeutet das jedoch auch, sich mit ihrer traumatischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, mit der Vergewaltigung, die sie vor elf Jahren erleiden musste und über die sie nie gesprochen hat, aus Angst und Scham. Jetzt, da sie aber ohnehin ihr Familienglück verloren hat, beschließt sie, Rache an den Peinigern auszuüben. Und so macht sie sich auf die Reise in ihre alte Heimat in den Karpaten, wo noch immer die Männer leben sollen, die ihr das seinerzeit angetan haben …

Peter Strickland ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten Regisseur, die das europäische Kino in den letzten zehn Jahren so hervorgebracht hat. Kommerzieller Erfolg war seinen Werken bislang nicht vergönnt. Dafür sind sie immer wieder gern gesehene Gäste bei Filmfesten oder in Kritikerkreisen, siehe etwa seine eigenwillige Giallo-Hommage Berberian Sound Studio über einen Mann, der in einem Tonstudio zunehmend Realität und Film miteinander vermischt, oder auch das sinnliche Erotik-Drama Duke of Burgundy über zwei Frauen, die in einem überraschenden Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.

Ein Freiheitskampf, der irgendwie anders ist
Eine Frau steht auch im Mittelpunkt in Katalin Varga, Stricklands Langfilmdebüt, das 2009 auf der Berlinale Premiere feierte. Doch bei dieser dreht sich eben alles darum, ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen. Dafür braucht es zwar einen Katalysator, genauer ihren Ehemann, der sie brutal auf die Straße setzt. Zuvor hat sie jahrelang damit gelebt, eine Gefangene ihrer Angst und ihrer Erinnerungen zu sein. Damit soll nun aber Schluss sein, der Film erzählt die Geschichte der Titelheldin, die sich frei machen will, die Herrin sein will über ihr Leben. Und das geht nur, wenn die Leute sterben, die ihr Leben zuvor zerstört haben.

Das erinnert grundsätzlich natürlich an die ganzen Rape-and-Revenge-Streifen, von denen es gerade im B-Movie-Bereich nur so wimmelt. Doch Strickland zeigte bereits hier, dass er zwar Elemente des Genrekinos übernimmt, diese jedoch anders einsetzt. Da wäre zum einen die Atmosphäre, die in Katalin Varga immer etwas unheimlich bis unwirklich ist. Wenn sich die Titelfigur in die Bergregion begibt, dann scheint sie auch eine ganz andere Welt zu betreten, eine deutlich ältere Welt. Wären da nicht die Handys, die irgendwann klingeln, man wüsste nicht einmal, dass wir uns in der Neuzeit bewegen. Die Bilder sind dabei eindrucksvoll, sehr rau, irgendwo zwischen Märchen und Naturalismus. Begleitet werden sie von einem unheilvollen Soundteppich, der eher in einem Horrorfilm sein Zuhause finden würde.

Viel Bedrohung, wenig Kampf
Angesichts dieser betont düsteren Stimmung wächst natürlich die Erwartung, dass es in dem Film auch ordentlich zur Sache geht. Tatsächlich sind Actionszenen aber sehr rar gesät. Dafür versteht es Strickland, anderweitig Spannung zu erzeugen, beispielsweise indem einzelne Figuren im Unklaren darüber gelassen werden, was da gerade vor sich geht oder was ihnen blüht. Eine frühere Szene, wenn Katalin den ersten Schritt zu ihrer Rache geht, überrascht durch eine beiläufige Brutalität. Noch eindrucksvoller ist jedoch, wenn sich die physische Grausamkeit in eine psychische verwandelt, sie einen Weg findet, anderen Qualen zu bereiten, ohne auch nur einen Finger bewegen zu müssen.

Auch wenn die Geschichte selbst letztendlich eher dünn ist und die Abwechslung sich in Grenzen hält, es sind diese zwischenmenschlichen Konfrontationen, die zusammen mit der audiovisuellen Reise ins Archaische die Qualität des Films ausmachen. Strickland zeigt sich dabei als Meister der Schatten, wenn er seiner Titelfigur ungeahnte Abgründe entlockt. Aber auch bei der Gegenseite arbeitet er viel mit Ambivalenz: In Katalin Varga ist niemand völlig gut, aber auch nicht völlig schlecht, was eine interessante Alternative zu den üblichen Thrillern darstellt, die sich eines solchen Themas bedienen. Es fehlen dadurch auch die Crowdpleaser-Elemente, wenn eine Frau nach und nach die Monster zur Strecke bringt. Denn in den abgelegenen Bergen ist längst nicht mehr klar, wer hier das Monster ist, wenn die Menschen vergeblich um Freiheit kämpfen, darum, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, vor der es doch kein Entrinnen gibt.

Credits

OT: „Katalin Varga“
Land: Rumänien, UK
Jahr: 2009
Regie: Peter Strickland
Drehbuch: Peter Strickland
Musik: Geoffrey Cox, Steven Stapleton
Kamera: Márk Györi
Besetzung: Hilda Péter, Norbert Tankó, Tibor Pálffy, Melinda Kántor

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2009
Zurich Film Festival 2009



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Katalin Varga
In seinem Spielfilmdebüt „Katalin Varga“ nutzte Regisseur Peter Strickland Elemente und das Szenario eines Rape-and-Revenge-Thrillers, wenn die Titelfigur sich an ihren Peinigern von einst rächen will. Doch das Ergebnis ist nur zum Teil mit einem solchen Streifen zu vergleichen, da zum einen die unwirkliche Atmosphäre, aber auch die moralische Ambivalenz diesen Rachefeldzug zu etwas ganz eigenem macht.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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