Kritik

FREM

„FREM“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Da wandert ein schwarzer Punkt über die weiße Fläche. Was dieser Punkt ist, das wird nicht verraten. Es ist nicht einmal wirklich klar, was die weiße Fläche ist. Eis wohl. Aber wo? Später, wenn sich Tiere hinzugesellen, Pinguine und Robben, wird es leichter, das Ganze einzuordnen. Wobei leichter nicht leicht ist. Denn leicht macht es einem Viera Čákanyová nicht mit ihrem Film FREM, der im Rahmen der Berlinale 2020 nach Deutschland kommt. Ein Film, der einlädt, gleichzeitig auf Distanz bleibt, von Nostalgie geprägt und doch eine Zukunftsvision.

Alt und neu
Mit alten Aufnahmen geht das Experiment los, persönliche Bilder einer Zeit des Analogen, eine melancholische Erinnerung an das Vergängliche. Im Anschluss sind die Menschen aber verschwunden, tauchen nur hin und wieder in den Szenen des Eises auf, als kleine Gestalten im Hintergrund. Puzzleteile, die man schnell übersehen könnte. Mehr Raum erhalten die Pinguine, die immer wieder durchs Bild laufen, mal aufgeregt in der Gruppe, teils ebenfalls als ein Element des Gemäldes, welches sich über die Leinwand erstreckt.

Pinguine in ihrer natürlichen Umgebung, das gab es in Dokus natürlich schon mehrfach. Die Reise der Pinguine wurde mit 1,4 Millionen Besuchern hierzulande zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten. Doch während der französische Arktisforscher Luc Jacquet dem Publikum die ferne Welt näherbringen wollte, da verweigert sich die Slowakin Čákanyová jeglicher erklärender Sätze. Eine Naturdoku ist ihr FREM nicht. Man könnte sich sogar darüber streiten, ob es sich überhaupt um einen Dokumentarfilm handelt, trotz der realen Aufnahmen aus dem ewigen Eis.

Fremd in der Realität
Stattdessen gibt es hier lange Kamerafahrten zu bewundern, die mal von echten Geräuschen, mal von künstlichen Klängen begleitet werden. Bild und Ton können dabei in Einklang sein, müssen es aber nicht zwangsweise. Tatsächlich verliert man immer mal wieder die – aufgrund der fehlenden Kontexte ohnehin spärliche – Orientierung durch die Verfremdungen, taucht ein in eine Welt, in der man doch nie wirklich ankommt. Man ist Beobachter, verstärkt durch die Atemgeräusche, als wäre man selbst vor Ort. Wie in einem Horrorfilm mit dem Zuschauer, der Zuschauerin als Bestie, die ein neues Opfer sucht.

Dazu gibt es Blut, welches das klinische Weiß besudelt. Blut, das nicht hierher gehört und doch schon immer da gewesen ist, als Teil eines abstrakten Kampfes. 73 Minuten dauert FREM, was gleichzeitig sehr wenig und doch sehr viel ist. Wenn der Film in der Sektion Forum gezeigt wird, dann nicht ohne Grund. Das Werk richtet sich an Leute, die offen sind für neue Sehgewohnheiten, schließlich ist das hier mehr Kunstinstallation als narrativer Film. Das Ergebnis kann faszinierend ist, aber auch etwas anstrengend, wenn nicht gar langweilig, wenn hier kontinuierlich Grenzen überschritten werden, ohne dabei jedoch irgendwo anzukommen.

Credits

OT: „FREM“
Land: Tschechien, Slowakei
Jahr: 2019
Regie: Viera Čákanyová
Kamera: Tomáš Klein, Viera Čákanyová

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 2020



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FREM
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FREM
„FREM“ ist ein filmisches Experiment, das reale Aufnahmen aus der Arktis mit mal natürlichen Geräuschen, oft auch fremden Klängen kombiniert, dabei kaum ein Wort verliert. Das ist aufgrund der Bild-Ton-Schere durchaus faszinierend, auf Dauer aber auch anstrengend, wenn darüber hinaus nicht viel geschieht.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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