Kritik

Live

„Live“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Trotz aller Versuche, den Terrorismus einzudämmen, werden die Regierungen der Gefahr nicht Herr. Keiner weiß, wo und wann die nächste Bombe hochgehen kann, schon die alltäglichsten Situationen sind lebensbedrohlich geworden. Als letztes Mittel wird daher jegliche Form von öffentlicher Versammlung verboten, das Risiko ist einfach zu groß. Doch im Geheimen scheinen noch immer Menschen zusammenzukommen, wie Claire (Karoline Reinke) eines Tages feststellt. Eigentlich kümmert sie sich als Psychologin um die Überlebenden von Anschlägen, bis sie auf eine Eintrittskarte eines Konzertes stößt. Fasziniert von dieser unbekannten Parallelwelt beschließt sie, gemeinsam mit ihrem Bruder Aurel (Anton Spieker) ein Live-Konzert vor einem realen Publikum zu geben, und erhält dabei Unterstützung von den beiden Hackern Ada (Sonja Dengler) und Maximus (Corbinian Deller). Doch damit fangen die Probleme erst an …

Menschen, die anderen Menschen schaden wollen, klar, die hat es immer gegeben. Das kann im Rahmen eines Krieges gewesen sein oder das Ergebnis krimineller Aktivitäten. Und doch, das Gefühl einer allgemeinen Unsicherheit war wohl noch nie so stark wie heute. Inspiriert durch Terroranschläge, die inzwischen praktisch überall möglich geworden sind, werden an öffentlichen Plätzen Kameras aufgestellt, die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen haben sich drastisch verschärft, auf dem Oktoberfest sind seit einigen Jahren Rucksäcke verboten – die Leute stehen inzwischen unter einer Art Generalverdacht. Verständlich, ja, denn man sieht anderen nur selten an, welche Absicht sie verfolgen. Aber eben auch erschreckend.

Dystopische Suche nach Nähe
Lisa Charlotte Friederich
, bislang als Schauspielerin etwa in Fritz Lang in Erscheinung getreten, spinnt diesen Gedanken in ihrem Regiedebüt konsequent fort. Wenn es keine Möglichkeit gibt, Sicherheit an öffentlichen Plätzen zu garantieren, dann schafft man diese eben ab. Das klingt zunächst bizarr, erinnert an diverse Dystopien, in denen Menschen Teil eines Überwachungsstaates sind – beispielsweise 1984 oder Psycho-Pass –, in denen grundsätzlich jeder kontrolliert wird, damit der auch ja nichts Falsches macht. Ein paar der technologischen Spielereien, die bei solchen Geschichten obligatorisch sind, die gibt es auch hier, darunter eine kuriose Weste, die als Ersatz fürs kulturelle Leben gedacht ist.

Sonderlich eindrucksvoll sind diese Zukunftsgeräte jedoch nicht, das gibt das Budget eines deutschen Films auch nicht her. Zumal Friederich mit ihrem Film etwas anderes verfolgt. Die Thrillerelemente solcher Dystopien sind in Live beispielsweise nur rudimentär vorhanden. Angst vor den Obrigkeiten hat hier niemand. Wenn ist es die Gefahr eines Anschlags, welche die beiden umtreibt. Denn je näher das Konzert rückt, umso größer wird die Paranoia. Was wenn doch etwas passiert? Wenn die falschen Leute davon erfahren haben, trotz großer Geheimhaltung? Und überhaupt: Können wir einem anderen Menschen je völlig vertrauen, wissen, was in ihm vorgeht?

Nachdenkliches Low-Budget-Kino
Wer sich für diesen Aspekt interessiert, kann sich Live, das im Wettbewerb des Max Ophüls Preis 2020 Uraufführung hatte, durchaus einmal anschauen. Mehr als Denkanstöße ist das hier aber nicht. Auch die Sehnsucht nach Nähe, nach echten Gefühlen, welche gerade Claire antreibt, ist eher beiläufiges Thema. Stattdessen rückt der Film mit der Zeit das Verhältnis zwischen den Geschwistern bzw. das der Familie allgemein in den Mittelpunkt. Inspiriert von der Geschichte um Kain und Abel erzählt Friederich von einer Schwester und einem Bruder, geeint durch Blut und Liebe zur Musik, und sich doch fremd. Auch Neid und Begehren spielen eine Rolle, wenn der Aufstand gegen das System und die Distanz eine körperliche Komponente hat.

Die grundsätzlich Idee hinter Live ist daher interessant, verbindet futuristische Aspekte mit uralten Konflikten, um auch einiges über das hier und jetzt sagen zu können. Bei der konkreten Umsetzung wird es jedoch mitunter etwas holprig. So bleiben die Figuren etwa zu distanziert, zu fremd, zu unwirklich, als dass die persönliche Entwicklung etwas bewirken würde. Man nimmt ihnen zu selten ab, dass es sich um reale Menschen handelt. Für eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Themen geht der Film jedoch nicht genug in die Tiefe bzw. verfolgt die einzelnen Spuren nicht konsequent. Da hätte aus dem Material entweder mehr gemacht werden müssen oder alternativ auf einen Kurzfilm beschränkt, damit das alles etwas griffiger wird. So bleibt ein spannendes, aber eben auch etwas unbefriedigendes Debüt.

Credits

OT: „Live“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Lisa Charlotte Friederich
Drehbuch: Lisa Charlotte Friederich
Musik: Rike Huy, Joosten Ellée
Kamera: Ivàn Robles Mendoza, Tom Keller
Besetzung: Karoline Marie Reinke, Anton Spieker, Corbinian Deller, Sonja Dengler, Ulrike Knospe

Bilder

Trailer



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4.2 (84%) 10 Artikel bewerten

Live
Stell dir vor, die Menschen dürften sich in der Zukunft nicht mehr öffentlich treffen, aus Angst vor Terroranschlägen. Aus diesem Szenario wird bei „Live“ ein Sci-Fi-Musik-Drama über zwei Geschwister, die ein illegales Konzert veranstalten. Der Film hat dabei jede Menge zu sagen und zu fragen, ist bei der Umsetzung jedoch etwas holprig.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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