Amok 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls

„71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ // Deutschland-Start: 25. Oktober 2007 (DVD)

Für die Menschen war es ein großer Schock, daheim vor den Fernsehern wie auch da draußen. Ein 19-jähriger Student (Lukas Miko) soll eine Bank betreten, drei Menschen erschossen haben und anschließend sich selbst. Und das auch noch an Heiligabend. Erkennbare Motive gab es keine, keine Vorwarnung oder Hinweise, Polizei wie Anwesende stehen vor einem Rätsel, was den jungen Mann zu seiner Tat veranlasst haben soll.

Wann immer ein Mensch Amok läuft, aus heiterem Himmel ziellos andere umbringt, kehren die Fragen zurück: Wie konnte das geschehen? Aus welchem Grund sollte jemand so etwas tun? Schuldige sind oft schnell gefunden. Mal ist es die rassistische Weltsicht, die eine derart sinnlose Grausamkeit hervorruft. Bei anderen sollen gewaltverherrlichende Videospiele den Ausschlag gemacht haben. Vielleicht wurde derjenige früher aber auch selbst zum Ziel von Gewalt und suchte auf diese Weise Rache. Meistens jedoch, und das gehört zu den schlimmsten Aspekten dieser tragischen Ereignisse, gibt es einfach keine schlüssige Erklärung. Und was wir nicht erklären, nicht verstehen können, das können wir auch nicht verhindern. Dem müssen wir hilflos zusehen.

Eine Erklärung ohne Erklärung
71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls, alternativ auch unter dem Titel Amok bekannt, verstärkt diese Hilflosigkeit noch weiter. Kein Wunder, schließlich handelt es sich doch um einen Film von Michael Haneke. Und der mutet einem fast immer eine Menge zu. In Der siebente Kontinent entschließt sich eine gutbürgerliche, nach außen hin völlig normale Familie zu einer unfassbaren Tat. In Benny’s Video tötet der Sohn wohlhabender Eltern eines Tages ein Mädchen, aus Neugierde. Auch im dritten Teil seiner Trilogie über die Vergletscherung der Menschen kommt es zu einer Gewalttat. Doch die steht hier am Anfang, bevor der Österreicher anschließend die Vorgeschichte des Amoklaufs erzählt.

Diese Vorgehensweise ist bei Filmemachern natürlich sehr beliebt. Man beginne mit einer besonders eindrucksvollen Situation, etwa durch Gewalt oder richtig viel Chaos, und springt anschließend ein paar Stunden, Tage oder Wochen zurück, um zu verraten, wie die Protagonisten in diese Situation geraten sind. Impliziert wird damit immer, dass es eine logische Erklärung gibt. Dass alles aus bestimmten Gründen geschehen ist. Doch das ist das Frustrierende an 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls, das Brutale auch: Wir sind im Anschluss kein bisschen schlauer geworden. Viele Puzzleteile sind hinzugekommen, ein erkennbares Bild ergeben sie hingegen nicht.

Was vom Leben übrig blieb
Dabei ist der Titel des Films durchaus wörtlich zu nehmen: Anstatt eine durchlaufende Geschichte zu erzählen, pickt sich Haneke lauter Einzelmomente aus dem Leben der beteiligten Personen heraus. Die kannten sich vor der Tragödie nicht, hatten keine Verbindungen, entsprechend willkürlich ist 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls. Denn es war ja reiner Zufall, dass sie an diesem Weihnachten im Jahr 1993 in der Bankfiliale waren, als der Amoklauf begann. Haneke zeigt damit zwar, wie die Konstellation entstanden ist. Doch erklärt wird sie damit nicht. Der Mord ist am Ende genauso sinnlos wie am Anfang der Zeitreise. Anders als das derzeit so kontrovers diskutierte Joker, der den psychopathischen Auftritt des Comic-Schurken als Ergebnis klar definierter Ereignisse beschreibt, hätte das hier alles völlig anders laufen können.

Doch das bedeutet nicht, dass der Film als solcher damit sinnlos geworden wäre. Michael Haneke führt vor Augen, wie wenig sich das Leben kontrollieren lässt, wie sehr das eine das andere beeinflusst, ohne dass wir es merken. Das ist einerseits faszinierend, eine Art Filmversion der Chaostheorie. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die wiederkehrenden Fernsehnachrichten, die unter anderem über den Bosnienkrieg und die Missbrauchsvorwürfe gegenüber Michael Jackson erzählt. Auch diese Themen sind nicht ganz zufällig sehr düster, sprechen von Gewalt gegenüber Unschuldigen. Und auch diese Themen sind lediglich Momentaufnahmen, die kurze Zeit später schon wieder vergessen sind. 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls ist damit nicht das erwartete Psychogramm eines Amokläufers, sondern eher das Porträt einer Gesellschaft, in der kaum etwas Bestand oder Relevanz hat, vieles ganz schrecklich ist und doch gleichzeitig irgendwie egal.



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71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
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71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
In „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ erzählt Michael Haneke von den vorangegangenen Ereignissen eines Amoklaufs, ohne ihn damit aber erklären zu wollen. Das ist seltsam und frustrierend, wenn wir hilflos vor der Belanglosigkeit des Lebens sitzen, aber eben auch faszinierend, indem uns der Film vor Augen führt, wie wenig Einfluss wir auf alles haben. Und wie wenig uns das interessiert.
7von 10

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