Kritik

Suzanne Simonin, la religieuse de Diderot Die Nonne 1966

„Die Nonne“ // Deutschland-Start: 29. September 1967 (Kino) // 20. September 2018 (DVD)

Nachdem Simone (Anna Karina) bei der Zeremonie, in der sie ihr Gelübde als Nonne ablegen soll, sich verweigerte, setzt ihre durch den Skandal aufgebrachte Familie sich dafür ein, dass ihre dritte Tochter doch noch in ein Kloster kommt. Besonders ihre Mutter bedrängt sie, hat Simone als uneheliche Tochter doch kaum Hoffnung auf ein sorgenfreies Leben oder Milde. Aus Furcht, ihre Mutter noch weiter ins Unglück zu stürzen und in Sünde zu leben, willigt Simone letztlich ein und geht als Novizin ins Kloster der Mme de Moni (Micheline Presle), in welcher sie für kurze Zeit eine Freundin und Vertraute findet. Als Moni jedoch verstirbt, wird Schwester Sainte-Christine (Francine Bergé) eingesetzt, die in Suzanne die Ausgeburt der Sünde sieht und die fortan immerzu bestraft. Nur unter großem Einsatz und vieler Entbehrungen gelingt es Suzanne, in das Kloster Mme de Chelles (Liselotte Pulver) versetzt zu werden, das ihr aber nur kurz Seelenfrieden bringt, denn die neue Äbtissin beginnt schon nach kurzer Zeit die körperlich zu bedrängen. Für Suzanne steht fest, dass nur ein Leben außerhalb des Klosters in Freiheit ihr Frieden geben kann, doch der Weg dahin ist schwierig.

Göttliche und weltliche Ordnung
Der Name des französischen Schriftstellers und Philosophen Denis Diderot ist auf ewig mit dem Zeitalter der Aufklärung verbunden, stellte er nicht nur die Frage nach der Freiheit des Einzelnen im Staate, sondern prangerte auch die Deutungshoheit der Kirche und des Staates an. In einer Zeit, in welcher der Staat gewillt war diese Rolle wieder einzunehmen, war ein Eklat um die Verfilmung seines Romans La religieuse fast schon vorprogrammiert. Bereits 1959 hatte Roger Vadims Gefährliche Liebschaften für Ausschreitungen in Kinosälen gesorgt und für ein entschiedenes Auftreten selbsternannter Sittenwächter, die auch in Jacques Rivettes Verfilmung des Romans eine Gefahr für Moral und Sitte sahen.

Es ist schon richtig, dass von La religieuse eine Gefahr ausgeht, aber nicht im Sinne derer, die den Film Ende der 60er Jahre verdammten und gar dessen Veröffentlichung um ein Jahr aufhielten. Hatten Filmemacher wie Jean-Luc Godard in Außer Atem die Erzählformen des Kinos erweitert und aufgebrochen, nutzten er und seine Zeitgenossen diese Form nicht zuletzt zur Enttarnung der inhärenten Heuchelei eines Bürgertums sowie der herrschenden Klasse, die unter dem Deckmantel der Moral und Ordnung nichts anderes als den Status Quo verteidigen. Darüber hinaus attackiert gerade Rivettes Verfilmung die patriarchale Ordnung, ist Suzanne doch immerzu auf die Gunst von Männern angewiesen und deren Urteil, was Konzepte wie das der Freiheit oder des freien Willens bereits nach wenigen Minuten fraglich macht.

Hierbei geht es allerdings zu gar keiner Zeit um eine Kritik am Glauben, aber sehr wohl der Ordnung, die sich mit Berufung auf diesen legitimiert, also belohnt und straft. In präzise inszenierten Szenen spiegelt sich diese Ordnung wider, beispielsweise in der Aufstellung der Nonnen beim Gottesdienst, aber auch in ihrem Verhaltenskodex, welcher nicht-konformes Handeln direkt bestraft. Trotz fester Regeln obliegt die Definition dieses Kodex freilich den Oberen der Hierarchie, die ihren Willen direkt und mit Gewalt durchsetzen oder mit sanftem Druck. In den Figuren, die Liselotte Pulver und Micheline Presle spielen, zeigt sich die tiefe psychische Störung, die dieses System hinterlassen hat und sie die ausbeuterischen, zwanghaften Mechanismen der Gesellschaft im Mikrokosmos Kloster ausleben lässt.

Der rebellische Geist
In ihrer Rolle als Suzanne Simonin spielt Anna Karina eine tragische Heldin. Durch bürgerliche Engstirnigkeit und Kaltherzigkeit zum gesellschaftlichen Abseits verdammt, verlangt sie nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben. Fast wie eine Versuchsanordnung wirken viele Szenen und Dialoge, die diese Vorstellungen aushöhlen oder zumindest hinterfragen, was letztlich einen tragischen Ausgang unausweichlich machen könnte. Mit großen körperlichen Einsatz spielt Karina eine junge Frau, die sich zunehmend in einem Teufelskreis zu wähnt, in dem es von der  Sünde, egal ob durch die Kirche oder den Staat definiert, kein Entkommen mehr gibt. Dabei ist es mitnichten der Glaube, der den rebellischen Geist im Menschen vernichtet, sondern die weltliche Ordnung und ihr System aus Kontrolle und Bestrafen.

Credits

OT: „Suzanne Simonin, la religieuse de Diderot“
Land: Frankreich
Jahr: 1966
Regie: Jacques Rivette
Drehbuch: Jacques Rivette, Jean Gruault
Vorlage: Denis Diderot
Musik: Jean-Claude Eloy
Kamera: Alain Levent
Besetzung: Anna Karina, Liselotte Pulver, Micheline Presle, Francine Bergé, Francisco Rabal

Bilder

Filmfeste

Cannes 1966
International Film Festival Rotterdam 1989
Cannes 2018

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Die Nonne (1966)
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Die Nonne (1966)
„Die Nonne“ ist ein bis heute brisantes Porträt der Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft und eine ätzende Diagnose der Aspekte, welche das Recht auf Selbstbestimmung beschneiden. Die Inszenierung Rivettes, die Ausstattung der Szenen sowie das großartige Ensemble machen „Die Nonne“ bis heute zu einem sehenswerten Film, der viele Fragen stellt, auf die auch unsere Demokratie bis heute Antworten schuldig ist.
9von 10

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