Schoenheit und Vergaenglichkeit

„Schönheit & Vergänglichkeit“ // Deutschland-Start: 5. Dezember 2019 (Kino) // 15. Januar 2021 (DVD)

Die Menschen können für die seltsamsten Tätigkeiten berühmt werden. Bei so manchem Star fällt einem nicht einmal ein, was genau er eigentlich gemacht hat, da hier nicht der Beruf die Berühmtheit erzeugt hat, sondern die Berühmtheit selbst der Beruf ist. Sven Marquardt ist so ein Mensch, gleichzeitig aber auch wieder nicht. Sein bewusst unangepasstes Auftreten in Verbindung mit seinem markanten Aussehen, das von Tätowierungen und Piercings geprägt ist, macht ihn als Türsteher des Berliner Technoclubs Berghain zu einem Star. Und das obwohl Türsteher normalerweise unauffällig im Hintergrund stehen und nur dafür sorgen sollen, dass die passenden Leute hineinkommen und es keinen Ärger gibt.

Diesem Bereich in Marquardts Leben ist dieses Jahr David Dietl in seinem Dokumentarfilm Berlin Bouncer nachgegangen. Nun folgt mit Schönheit & Vergänglichkeit ein weiterer Film, der dieser Berliner Kultfigur nachspürt. Regisseurin Annekatrin Hendel ist jedoch weniger an dieser neueren Vergangenheit interessiert, sondern spürt wie zuletzt in Familie Brasch den Spuren zur Zeit der DDR nach. Marquardt war damals noch kein Türsteher, sein Tätigkeitsfeld war die Fotografie. In zahlreichen Schwarzweiß-Aufnahmen hielt er das Leben in Ostberlin fest, bevor er sich nach der Wende den Clubs zuwandte.

Zurück in die Vergangenheit
Für eben diese Fotos interessiert sich Hendel, verbunden mit den Fotos, die er heute wieder vermehrt schießt. Und doch: Schönheit & Vergänglichkeit ist kein Künstlerporträt im eigentlich Sinn. Zunächst einmal ist der Dokumentarfilm nicht allein Marquardt gewidmet. Er mag die bekannteste der Figuren sein, teilt sich die Spielzeit aber mit zwei früheren Weggefährt*innen: der Künstlerin Dominique „Dome“ Hollenstein und dem Fotografen Robert Paris. Alle drei waren sie in den 80ern in Ostberlin unterwegs, verkehrten in denselben rebellischen Künstlerkreisen.

Das entspricht natürlich nicht unserem Bild der grauen DDR, in der alle ganz brav und angepasst leben mussten, wenn sie nicht für immer hinter Gittern oder im Graben landen wollten. Ein Bild, das zuletzt auch gerne in Filmen wie Zwischen uns die Mauer noch einmal bekräftigt wurde. Schönheit & Vergänglichkeit räumt nicht komplett mit diesem Bild auf. Dass Marquardt, Hollenstein und Paris in einer Art Parallelwelt lebten, einer Blase, daraus wird kein Geheimnis gemacht. Der Film zeigt nicht auf, dass alles anders war, nur dass es auch anders sein konnte.

Man ist nie zu alt für Alternativen
Der Dokumentarfilm, der auf der Berlinale 2019 uraufgeführt wurde, ist damit zwangsläufig stark mit der Vergangenheit beschäftigt, mit einer sehr spezifischen Vergangenheit. Schönheit & Vergänglichkeit erinnert sich aber nicht nur daran, was einmal war. Vielmehr werden diese Erinnerungsreisen auch mit der Gegenwart verbunden, wenn die drei durch die Stadt streifen, erneut die Kamera auspacken, festhalten, was aus den Orten von einst geworden ist. Aus den Menschen von einst. Sie sind natürlich älter geworden, vielleicht auch etwas weniger wild. Ihre Unabhängigkeit haben sie sich aber bewahrt, das Leben ist noch immer eine Bühne.

Am interessanten ist das für ein Publikum, das mit den dreien, wahlweise auch der DDR vertraut ist, wenn der Film in einer eigenen Mischung aus Nostalgie und Überraschung eine alternative Geschichte erzählt. Als Horizonterweiterung ist Schönheit & Vergänglichkeit jedoch gleichermaßen für Neulinge geeignet. Zumal der Film einiges zu zeigen hat: Anstatt es sich wie so viele andere Dokumentationen in den üblichen Interviewszenen gemütlich zu machen, sehen wir die drei immer in Aktion und Bewegung, so als könnten sie drei Jahrzehnte später noch immer nicht ruhig sitzen, sind angetrieben von dem Drang, die Welt zu sehen, zu deuten, sich künstlerisch zu eigen zu machen.



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Schönheit & Vergänglichkeit
„Schönheit & Vergänglichkeit“ lässt Sven Marquardt und zwei Weggefährt*innen der 80er Jahre Ostberlin-Kunstszene zu Wort kommen, die sich an die gemeinsame Zeit erinnern. Der Dokumentarfilm zeigt dabei ein alternatives Bild der DDR, weitab der üblichen Konformität, ist aber auch mit der Gegenwart und dem anhaltenden Drang zur künstlerischen Weltentdeckung beschäftigt.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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