Was gewesen wäre

„Was gewesen wäre“ // Deutschland-Start: 21. November 2019 (Kino)

So richtig lange kennen sich Astrid (Christiane Paul) und Paul (Ronald Zehrfeld) zwar noch nicht, sie können sich aber sehr gut eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Bis auf einmal die Vergangenheit vor ihn steht. Eigentlich hatten die beiden nur einen schönen Urlaub in Budapest verbringen wollen. Doch dann trifft Astrid dort unverhofft auf ihre alte Jugendliebe Julius (Sebastian Hülk), den sie damals in der DDR auf einer Künstlerparty kennengelernt hatte. Dreißig Jahre liegt ihre stürmische Beziehung zurück, Kontakt gab es seit damals keinen. Wirklich vergessen konnten sie einander aber nicht, auch weil die Geschichte damals sehr schnell vorbei war und beide nie die Möglichkeit hatten, das Ganze wirklich abzuschließen …

Wir alle haben irgendetwas, das uns nicht loslässt, haben Erfahrungen gesammelt, die wir bedauern, oder auch Entscheidungen getroffen, bei denen wir nicht sicher sind: War das jetzt richtig? Zumindest teilweise dürfte sich daher jeder in Was gewesen wäre wiederfinden, wenn hier jemand auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, was alles hätte anders laufen können. Aufgezogen wird es an der Beziehung von Astrid und Julius, die von Anfang an stürmisch war. Hätte sie gehalten über die Jahre hinweg? Und wenn ja, was hätte sie aus den beiden gemacht? Schließlich ist ein Mensch üblicherweise nicht völlig in sich geschlossen, man ist durchaus auch das Produkt des Umfelds und der Umstände.

Eine Überlegung ohne Inhalt
Aber auch wenn der Titel es impliziert, so richtig viel wird gar nicht darüber nachgedacht, was alles hätte sein können, es gibt keine Theorien, Spekulationen oder Tagträume. Stattdessen befasst sich die Geschichte von Gregor Sander, der sowohl den zugrundeliegenden Roman wie auch das Drehbuch geschrieben hat, in erster Linie mit der Vergangenheit. Es ist eine Vergangenheit, die gleichzeitig persönlicher wie auch politischer Natur ist. Thematisiert wird – wie so oft in diesem Jahr – eine Liebesbeziehung in der DDR. Anders als etwa bei Zwischen uns die Mauer ist es hier aber nicht allein der Staat, der dem jungen Glück im Weg steht. Das tun die beiden auch selbst ganz gut.

Was gewesen wäre versucht sich dabei, Vergangenheit und Gegenwart in einen direkten Kontrast zu setzen. Die Figuren sind älter geworden, gesetzter, haben Kinder, Häuser und Jobs. Wo das junge Paar noch improvisieren musste, da wissen die Älteren meistens, was sie wollen und wohin die Reise geht. Spannend wäre es dabei gewesen zu erfahren, inwiefern die Erfahrungen damals die Menschen von heute beeinflussen. Aber so wenig der Film über einen alternativen Verlauf spekulieren mag, was zugegeben auch recht schwierig wäre, so wenig bringt er die beiden Zeitebenen in Einklang. Es gibt keine Spiegelungen, kein leises Echo, das zu hören wäre. Stattdessen: Der Schrecken darüber, sich wieder erinnern zu müssen.

Die Kunst der Zurückhaltung
Das sind vereinzelt einige richtig schöne Szenen dabei. Regisseur Florian Koerner von Gustorf mag es gern auch ein wenig leiser, verzichtet auf das große Drama, belohnt stattdessen ein aufmerksames Publikum mit kleinen Details. Die wachsende Spannung zwischen Astrid und Paul beispielsweise muss nicht erst in Dialogen breitgetreten werden. Es reicht schon dabei zuzusehen, wie sie sich verhalten. Wobei die Sprachlosigkeit auch ihre Tücken hat, da nicht immer alles ganz verständlich wird. Warum sich Paul beispielsweise durch Julius so bedroht fühlt, wird ebenso wenig klar wie die Gefühle von Astrid ihm gegenüber. Dass sie welche hat, das erschließt sich schon, Natur und Grund der Gefühle jedoch weniger. Dafür wurde in anderer Hinsicht dicker aufgetragen: Wenn der Film in Budapest spielt und die überwundene Trennung von Buda und Pest auch noch wörtlich vorträgt, dann ist die Symbolik alles andere als subtil.

Das größere Manko des Dramas, das auf dem Filmfest München 2019 Weltpremiere hatte, ist aber, dass diese vielen Elemente nicht wo wirklich zu einer gemeinsamen Geschichte zusammenfinden. Eine von jungen Gefühlen überrannte Liebe hier, dort DDR-Unrecht, das Nachgrübeln über vergangene Entscheidungen, moralische Fragen sowie ein Ausblick auf den Rechtsruck des heutigen Ungarns – das sind alles für sich genommen relevante Themen, die einen Film verdienen. Was gewesen wäre scheitert aber ein wenig an der Aufgabe, die Relevanz eines Bestandteils mit der eines anderen zu verbinden. Die Buchadaption ist ein Film, der über vieles nachdenken will, dabei aber keinen wirklichen Schluss findet.



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Was gewesen wäre
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Was gewesen wäre
„Was gewesen wäre“ lässt ein frisch verliebtes, älteres Paar über die Vergangenheit einer früheren Beziehung stolpern, die nie ganz verarbeitet wurde. Das Drama denkt dabei über vieles nach, im persönlichen wie auch im politischen Bereich, findet dabei eine Reihe schöner Szenen, aber keinen echten Zusammenhang.
6von 10

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