Sag du es mir

„Sag du es mir“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Richtig eng ist das Verhältnis zwischen den Schwestern Silke (Gisa Flake) und Monika (Christina Große) nicht mehr. Sie haben sich aber auch nicht sehr oft gesehen in den letzten Jahren, schließlich hat Moni doch auf Mallorca gearbeitet. Nun ist sie wieder da, gerade zur rechten Zeit: Ein Mann (Marc Ben Puch) hat Silke von einer Brücke gestoßen. Passiert ist dabei nichts, weshalb die Polizei auch keine allzu großen Ambitionen hat, der Sache nachzugehen. Aber auch Silke will möglichst schnell zum Alltag übergehen. Moni will das hingegen nicht, auf keinen Fall. Im Gegenteil: Sie tut alles, was in ihrer Macht steht, um den Täter zu finden und ihre jüngere Schwester zu beschützen …

Erste Eindrücke können trügen. Das wissen wir. Wir wissen es von Leuten, die erst bei einer näheren Beschäftigung zeigen, wer und wie sie sind – im Positiven wie im Negativen. Wir wissen es von Situationen, die wir falsch einschätzen, oft weil uns die notwendigen Informationen fehlen. Manchmal gilt das aber auch für Filme, wenn sie sich für etwas anderes ausgeben, das Publikum aufs Glatteis führen. Beliebte Beispiele für solche Mindfuck-Filme gibt es einige, Memento, Fight Club und Die üblichen Verdächtigen sind Titel, die an der Stelle gern herangezogen werden. Das Krimigenre lebt sogar zu einem Großteil davon, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen nicht wissen, was sich hinter einer Geschichte verbirgt.

Wahrheitssuche in drei Etappen
Das ist bei Sag du es mir ganz ähnlich. Im Gegensatz zu den Werken oben lässt einen die deutsche Produktion aber schon im Unklaren darüber, mit welchem Genre wir es hier überhaupt zu tun haben. Die Suche nach Mr. X und die Frage nach dessen Motivation für den Angriff, die lässt einen schon vermuten, man würde hier eben einen solchen Krimi anschauen. Tatsächlich ist der Film auch sehr damit beschäftigt, nach der Wahrheit zu suchen. Doch die ist deutlich komplexer, schwieriger, lässt sich nicht in einen krimitypischen Auflösungssatz pressen: Und der Mörder ist …

Aus drei Episoden besteht das Langfilmdebüt von Regisseur und Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky. Drei Episoden, die jeweils einer der drei Hauptfiguren gewidmet sind. Gewissermaßen erzählt Sag du es mir die eigene Geschichte daher dreimal, nur eben aus verschiedenen Perspektiven. Dadurch werden mit der Zeit Leerstellen gefüllt. Was in der einen Version noch kurios wirkte, erhält später erst seinen Sinn. Der durchaus humorvolle Einstieg, wenn die Tätersuche eher skurril als spannend ist, macht so nach und nach dem Drama Platz, welches der Film eigentlich ist. Wir erfahren endlich, wer die drei Figuren sind, was sie antreibt, was sie überhaupt genau getan haben.

Das weiß ich doch auch nicht …
Das bedeutet nicht, dass am Ende alles ganz klar wäre. Die Genremischung, welche beim Festival des deutschen Films 2019 debütierte und dort auch den Filmkunstpreis erhielt, bleibt ein paar Antworten durchaus schuldig. Teils weil die Figuren selbst keine Antworten haben. Das ist jedoch kein größerer Mangel, da Sag du es mir eben nicht von rational handelnden Menschen erzählt, sondern solchen, die sich irgendwie durchs Leben hangeln, selbst auf der Suche nach etwas sind, an dem sie sich festhalten können. Das mag dann komische bis erschreckende Folgen haben, ist in erster Linie aber tragisch. Und doch irgendwie rührend, auf eine Weise, die man nicht erwartet hätte.

Es braucht eine Weile, bis das Ganze Fahrt aufnimmt und man realisiert, dass der Film tatsächlich etwas zu sagen hat und diverse Irritationen nicht auf Nachlässigkeit zurückzuführen sind. Aber es lohnt sich dranzubleiben: Nathansky erzählt von Schuld und Vergebung, von Verantwortung, Zweifel, persönlichen Abgründen. Und er erzählt von einer Liebe, die keine Worte mehr findet und deshalb bizarre Umwege gehen muss, um sich zu beweisen. Ein Umweg, der dann über mehrere Genres führt, viel Verwirrung stiftet, am Ende aber sein Ziel findet – selbst wenn es nicht alle merken und merken sollen.



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Sag du es mir
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Sag du es mir
In „Sag du es mir“ versucht eine Frau herauszufinden, wer ihre Schwester von der Brücke gestoßen hat. Das beginnt als Mischung von Komödie und Krimi, verwandelt sich aber in ein Drama, das seine Geschichte erst durch den Perspektivenwechsel offenbart. Das bleibt bis zum Ende etwas eigenartig, geht aber doch zu Herzen, wenn es aufzeigt, wie komplex die Wahrheit manchmal sein kann.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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