Pferde stehlen

„Pferde stehlen“ // Deutschland-Start: 21. November 2019 (Kino)

Eigentlich wollte Trond (Stellan Skarsgård) nur seine Ruhe, ein bisschen für sich sein, um den Unfalltod seiner Frau verarbeiten zu können. Und was bietet sich dafür besser an, als sich in die eingeschneite Einöde Norwegens zurückzuziehen? Dabei hatte er nicht ahnen können, dort auf jemanden zu treffen, den er noch aus Kindheitstagen kennt. Plötzlich sind sie wieder da, die Erinnerungen an den Sommer 1948, als der junge Trond (Jon Ranes) mit seinem Vater (Tobias Santelmann) in den Bergen wohnte und ihm beim Holzhacken half. Da sind schöne Erinnerungen dabei an einen idyllischen Ort. Aber auch schmerzhafte, von Ereignissen, die sein Leben für immer veränderten …

Hans Petter Moland wird dem Publikum am ehesten noch durch seinen Film Einer nach dem anderen bzw. seinem eigenen US-Remake Hard Powder bekannt sein, schwarzhumorige Thriller, in denen ein unscheinbarer älterer Herr aus Rache für seinen ermordeten Sohn ein Blutbad anrichtet. Zu Beginn von Pferde stehlen dürfte man dann auch ein kleines Déjà-vu haben, wenn Stellan Skarsgård wie im obigen Film durch den Schnee stapft, ohne große Worte, dafür mit einem finsteren Blick, der das Ungemach in seinem Inneren verrät. Doch so ähnlich das Setting auch sein mag, so unterschiedlich sind die darauffolgenden Szenen. Anstatt erneut Zuschauer und Zuschauerinnen unterhalten zu wollen, wird hier emotional schwere Kost aufgetischt.

Viel Zeit für viel Unglück
Wie schwer diese ist, das wird jedoch erst nach einer ganzen Weile deutlich. Wo Moland bei seinem launigen Gemetzel oben noch kräftig aufs Gaspedal drückte, da lässt er sich hier viel Zeit. So wie es auch Per Petterson tat, auf dessen Roman Pferde stehlen zurückgeht. Warum der Filmemacher an dieser Vorlage Gefallen fand, das verrät seine Biografie. Mit 16 Jahren verließ der norwegische Regisseur und Drehbuchautor seine Heimat, verließ auch seine Familie, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Zu einsam war die abgelegene Farm, die er übernehmen sollte. Zu erdrückend die Erwartungen und die Nähe zu seinem Vater, zu dem er ein widersprüchliches Verhältnis hatte.

Das teilt er mit Trond, der in Flashbacks von seinem früheren Leben erzählt. Schritt für Schritt folgen wir dem alten Mann in seine Jugend, eine geistige Zeitreise heraufbeschworen durch eine Zusallsbegegnung. Pferde stehlen ist dann auch ein Film über Erinnerungen und unsere Beziehung dazu. Eine Überlegung, wie sehr wir von unseren Erfahrungen geprägt sind, ohne dass wir es merken. Auch wenn Trond Jahre lang nicht mehr an seinen Vater gedacht haben mag, dieser Sommer in den späten 40ern wirkt noch immer nach, wirft Schatten, die es sich in seinem Alltag bequem gemacht haben, bis er sie nicht mehr als solche wahrnahm.

Eindrückliche Bilder
Streckenweise ist das sehr sehenswert. Das gilt ausdrücklich für die Bilder: Nicht ohne Grund wurde das Drama, das bei der Berlinale 2019 im Wettbewerb lief, mit dem Preis für die beste Kamera ausgezeichnet. Ob es die einsame Schneelandschaft ist, durch die wir in der Gegenwart waten, oder das strotzende Grün der Vergangenheit, als Symbol für die Jugend, man verliert sich gern in den Aufnahmen. Es gibt aber auch einige sehr intensive Szenen, die einen mehr erschauen lassen als die konstanten Minusgrade des norwegischen Winters. Pferde stehlen wechselt mehrfach hin und her, von unschuldigem Alltag an der Grenze zur Belanglosigkeit hin zu heftigen Schicksalsschlägen, die in einem starken Kontrast stehen. Und doch, so richtig bewegend ist das Drama nicht. Einer der Höhepunkt trifft einen wirklich mitten ins Herz, hat aber zur Folge, dass im Anschluss alle so abgestumpft sind, Publikum wie Figuren, dass nichts mehr dieselbe Wirkung zeigt. Es ist nicht einmal so, dass der Vorfall später noch eine Bedeutung hätte, niemand spricht je darüber.

Sprache ist allgemein so eine Sache in Pferde stehlen. Da sämtliche Charaktere dem typischen Bild des Skandinaviers folgend nicht willens oder nicht fähig sind miteinander zu kommunizieren, muss die Geschichte über die Situationen an sich erzählt werden. Moland traute dem aber wohl nicht, weshalb er regelmäßig zu Voiceovers greift, um lieber doch noch was zu sagen und zu erklären. Damit beraubt er sich aber der Möglichkeit, dass die Szenen, die teilweise ja durchaus eindrucksvoll sind, für sich sprechen können, würgt sie zu sehr ab. Aber auch die Vielzahl von Ereignissen und Konflikten führt dazu, dass der Film irgendwann vor sich hin plätschert, wie der Fluss in der Nähe der Hütte, alles zu einem Hintergrundrauschen verkümmert. Pferde stehlen erzählt zu viel und zu wenig, lässt sich viel Zeit und macht doch nicht genug aus allem.



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Pferde stehlen
4.07 (81.33%) 15 Artikel bewerten

Pferde stehlen
Wenn sich in „Pferde stehlen“ ein alter Mann unfreiwillig an seine Jugend erinnert, dann ist das wunderbar bebildert und stellt schön in Frage, wie sehr wir von unseren Erfahrungen und Erinnerungen geprägt werden. Trotz einzelner intensiver Momente hinterlässt der Film aber nicht genügend Eindruck, ist gleichzeitig überfrachtet und nicht ausreichend ausführlich.
5von 10

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