Wo ist Kyra

„Wo ist Kyra?“ // Deutschland-Start: 27. Juni 2019 (Kino)

Seit zwei Jahren schon ist Kyra (Michelle Pfeiffer) ohne Job. So sehr sie sich auch bemüht, niemand will sie mehr anstellen, nicht einmal für die niedrigsten Arbeiten. Als dann auch noch ihre Mutter stirbt, um die sie sich die ganze Zeit gekümmert hat, wirft sie das vollends aus der Bahn. Nicht nur, dass sie sehr an ihr hing, auch das Geld wird nun knapp. Je mehr Schulden sie anhäuft, umso verzweifelter werden ihre Aktionen, umso mehr muss sie Skrupel und Stolz begraben. Erfahren darf jedoch niemand von ihrer Situation, vor allem nicht Doug (Kiefer Sutherland), den sie gerade kennengelernt hat und der eine Chance für den Neuanfang sein könnte.

Wenn Frauen ein gewisses Alter erreicht haben, dann bleiben ihn oft nur Nebenrollen, die der Mutter zum Beispiel. Nicht so in Wo ist Kyra?. Die Titelfigur wurde wenn dann durch ihre Position als Tochter definiert, die sie auch mit 60 noch innehatte. Ihr Mann ist schon lange weg, Kinder hatte sie nie welche. Und auch wenn mit Doug ein neuer Mann in ihr Leben getreten ist, ein jüngerer Mann sogar, so wirkt sie doch verloren. So verloren, dass der Titel vielleicht passender Wer ist Kyra? hätte lauten müssen. Schließlich versucht sie das selbst herauszufinden und einen Platz auf dieser Welt zu haben. Oder wenigstens eine Wohnung.

Das Ende der Hoffnung
Selbstsuche im Alter ist inzwischen kein seltenes Phänomen im Kino, viele Filmemacher und Filmemacherinnen haben dieses Thema für sich entdeckt. Schließlich wird die ältere Zielgruppe immer größer und damit die Möglichkeiten, mit auf ihnen zugeschnittenen Werken ein bisschen Kasse zu machen. Während aber Titel wie Book Club oder Tanz ins Leben letztendlich wohlmeinende Feel-Good-Filme sind, die dem Publikum das Gefühl vermitteln wollen, dass auch sie ein tolles Leben haben können, da ist Wo ist Kyra? das ziemliche Gegenteil. Hier gibt es keine schönen Aufmunterungen, etwas humorvoll verpackt. Hier geht es ans Eingemachte, wird richtig Angst vor dem Alter verbreitet.

Das Alter selbst wird dabei durchaus auch thematisiert. Dabei ist es weniger die körperliche Situation, die ihr so zusetzt, wenngleich Kyra nicht begeistert von ihren Falten ist. Und zumindest die Avancen von Doug zeigen, dass sie noch immer eine attraktive Frau ist – wer würde bei Michelle Pfeiffer auch etwas anderes sagen wollen? Viel gravierender ist jedoch die berufliche Situation. Wenn Kyra von Job zu Job rennt, nur um dann doch wieder abgelehnt zu werden, wird sie zu einem Beispiel für die grundsätzliche Schwierigkeit, im Alter noch eine Stelle zu finden. Ist sie nur eine von vielen, für die einfach kein Platz mehr ist.

Der Schritt in den Abgrund
Das ist ein düsterer Stoff, der auch entsprechend verpackt wurde. Ob es die Bilder sind, die viel mit natürlichem Licht arbeiten – oder natürlicher Dunkelheit –, oder die unheimliche Musik, die man in einem Horrorfilm vermuten würde, Wo ist Kyra? lässt nie einen Zweifel daran, dass das hier alles ganz böse enden wird. Und wenn doch mal ein kurzer Lichtblick auftaucht, entsteht nie das Gefühl, dass hier das Ende des Tunnels bevorsteht. Wenn überhaupt gibt es hier nur kleine Verschnaufpausen, bevor der Abstieg weitergeht. Wirklich Ruhe findet Kyra nicht bei dem Versuch, einfach nur von Tag zu Tag zu leben.

Dabei ist der Film, der auf dem Sundance Film Festival 2017 Premiere hatte, selbst durchaus ruhig. Auch wenn Wo ist Kyra? an manchen Stellen ein bisschen in Richtung Thriller schaut, so ist das hier in erster Linie ein leises Drama, in dem nicht viel passiert. In dem nicht viel passieren muss, weil auch das Nichts sehr spannend sein kann. Zumindest wenn es von der dreifach für einen Oscar nominierten Pfeiffer (Mord im Orient-Express, mother!) verkörpert wird. In ihr verschmelzen Anmut und Scham, wenn ihre Figur sich immer mehr hinter einer Fasse versteckt, die nicht ihr gehört. Sutherland liefert zwar ebenfalls eine solide Vorstellung ab, bleibt aber doch im Schatten einer One-Woman-Show, die zeigt, dass sehr wohl reifere Frauen eine Hauptrolle verdient haben – selbst wenn diese so gar nicht schmeichelhaft ausfällt.



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Wo ist Kyra?
„Wo ist Kyra?“ zeigt Michelle Pfeiffer in Bestform, wenn sie hier eine Frau spielt, der alle Felle davonschwimmen. Das ist erschreckend, so düster, dass man erwartet, hier bald einen Thriller zu sehen. Und doch ist der Film ein ruhiges Drama über mangelnde Perspektiven im Alter und den verzweifelten Versuch, über die Runden zu kommen – selbst wenn es die eigene Würde kostet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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