Yellow Guitar

„Yellow Guitar“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Man mag vieles an der Performance des jungen Musikers Ken (Dynamite Naoki) kritisieren, aber mangelndes Engagement gehört definitiv nicht dazu. Schon seit vielen Jahren tourt er von einem Nachtclub zum nächsten in der japanischen Hauptstadt, während zu Hause seine Frau Akiko (Sachiko Hatazaki) auf ihn wartet. Allerdings hat das Warten auf den großen Durchbruch seinen Tribut gefordert, da es Ken immer mehr frustriert, teils nur vor sehr wenigen Menschen oder nur den anderen auftretenden Künstlern selbst zu spielen. Durch eine Begegnung mit dem ehemaligen Musikerkollegen Matsuda (Yoji Tanaka) erhält er die Chance, wie dieser auszusteigen, ein für alle Mal die Gitarre an den Nagel zu hängen und in dessen Firma einem geregelten Job mit gutem Gehalt nachzugehen. Als Ken schließlich sein Instrument verkauft und die Lederjacke gegen den grauen Anzug tauscht, führt dies zu unerwarteten Komplikationen in seinem Leben sowie seiner Beziehung zu Akiko.

Intensives Leben und die Zukunft
Der Charakter des Musikers gilt schon von jeher als ein Sinnbild des intensiven Lebens. In seiner Abhandlung Das intensive Leben. Eine moderne Obsession geht der Philosoph Tristan Garcia auf das Bild des Rockers ein, welches für „schnelles Leben, Entfesselung aller Empfindungen, das Verlangen, sich von allen Intensitäten alles Kommenden durchzucken zu lassen, der Eindruck, dass der Lebenshöhepunkt in der Jugend“ steht. Mit Bezug auf aktuelle Filme, die das ausschweifende Leben und Präsenz von Musikern wie Freddie Mercury (Bohemian Rhapsody) oder Elton John (Rocketman) zelebrieren, setzt sich diese Faszination bis in die heutige Zeit fort.

Auch in Shin’ichi Onos Film ist von dieser Begeisterung noch vieles zu spüren. Der Wechsel vom unsteten, aber kreativ erfüllten Leben des Musikers hin zu dem fleißigen, immer nah am Burnout gebauten „salaryman“ bekommt jemandem wie Ken gar nicht gut. Verkörpert vom japanischen Musiker Dynamite Naoki zeigt sich an ihm der Übergang zu einer vormals verachteten Spießigkeit, die im Kontrast steht zu den Postern der Sex Pistols, den Texten über das Grapschen in der U-Bahn oder dem ultimativen Symbol dieses Lebens: der gelben Gitarre. Ähnlich wie die Plattensammlung des Protagonisten in Nick Hornbys High Fidelity verbindet der Abschied von dieser nicht nur das Ende eines Traums, dessen Unerfüllbarkeit unumstritten scheint. Vielmehr öffnet man sich für die geregelten Abläufe des kapitalistischen Konsumlebens samt Überstundenabrechnung und Planungsessen mit Hostessen.

Ein Blick auf die Szene
Selbst wenn das Narrativ seines Filmes wenig Überraschungen bietet, so sticht Yellow Guitar vor allem durch seinen teils etwas nostalgischen Blick auf diese Alternativwelt inmitten Tokios heraus. Die Streifzüge des sympathischen Paares gehen durch diverse Kneipen und Clubs, die nicht umsonst einer eher provisorisch gehaltenen Geschäftsführung unterliegen. Die unstete Kamera zeigt ein interessantes, romantisches Bild einer Szene, die sich durch Improvisation und eine muntere Portion Chaos definiert. Ähnlich dem Rhythmus der Musik lebt es sich hier: eine klare Position gegen die unaufhaltsame Welle der Gentrifizierung.

Diesem Ort und dieser Zeit stellt Ono eine bunte Mischung aus Charakteren zur Verfügung, die in Bezirken wie Shibuya ihre Heimat sehen. Neben Ken und Achiko werden hier andere Musiker beleuchtet, allesamt weniger auf der Suche nach Talent, sondern eben nach jenem kreativen und deshalb revolutionären Chaos, welches man in der Musik findet. Hauptsache, es ist laut und die Fraktion der Cocktailkleid- und Krawattenträger wendet sich angewidert ab.

Yellow Guitar
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Yellow Guitar
“Yellow Guitar” ist ein vergnüglicher, leicht verdaulicher Film über das Erkennen von Talent, über die Möglichkeit des Erwachsenenwerden und die Rebellion dagegen. Die Handlung bleibt vorhersehbar, der Film kann aber durch seine sympathischen Darsteller und die konsequente Romantisierung einer Szene punkten, die es vielleicht in ein paar Jahren so nicht mehr geben wird.
7von 10

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