Eine Familie lebt zurückgezogen fernab der Zivilisation in einer bescheidenen Hütte in der kubanischen Einöde – bis plötzlich der Vater verschwindet. Is That You?, das auf dem Filmfest Oldenburg 2018 Weltpremiere feierte, ist ein ungewöhnlicher und unbequemer Psychohorror-Film, der viele Fragen aufwirft. Einige davon konnten wir Regisseur und Drehbuchautor Rudy Riverón Sánchez stellen, der hier nicht nur sein Spielfilmdebüt abliefert, sondern auch anderweitig Neuland betritt. Schließlich waren Horrorfilme in seiner alten Heimat Kuba bis dahin unbekanntes Terrain.

Du hast schon als Schauspieler, Autor und Regisseur gearbeitet. Was bewegte dich dazu, dein Leben dem Film zu widmen? Welche Rolle passt am besten zu dir?
Als ich jünger war und noch in Holguin, Kuba, lebte, ludt mich mein Nachbar, der Dramaturg und Theaterregisseur Carlos Jesus Garcia, aka Carlin, zu einem Vorsprechen ein. Ich bestand das Vorsprechen und begann am Theater zu arbeiten. Carlin lehrte mich die Kunst des Schauspiels, bevor er mir meine erste Rolle in einem Stück gab. Nachdem ich Teil mehrerer Theaterproduktionen war, glaubte ich, dass ich für den Rest meines Lebens Schauspieler sein würde. Eines Tages schauten wir als Team Hamlet von Franco Zeffirelli und wir diskutierten den Film. Ich bemerkte, dass jeder seine eigene Wahrnehmung des Stücks auf der Bühne ausdrückte. Ich sagte zu Carlin, dass meine Vorstellung, als ich Hamlet las, ziemlich nah am Film war. Denn ich wenn ich Stücke lese, stelle ich sie mir immer als Film vor und nicht auf der Bühne. Carlin sagte mir, dass ich den falschen Weg eingeschlagen hätte und dass ich gehen und Filme machen solle. Er sagte, dass er nie mutig genug war, selbst Filmemacher zu werden, da er sich bereits einen Ruf als Theaterregisseur aufgebaut hatte. Weil ich ihn sehr respektiere, folgte ich seinem Ratschlag. Ich bin der Meinung, dass man sich als Filmemacher dem Film komplett hingeben muss. Gleichzeitig liegt es in meiner Natur, mich meiner Leidenschaft vollständig hinzugeben. Ich verstehe mich selbst als Autor und Regisseur, aber ich würde auch das Script eines anderen umsetzen, wenn es das richtige ist.

Wie schätzt du Kubas Geschichte und deren Einfluss auf Film, Musik und Literatur ein? Wie wurdest du persönlich von den historischen Ereignissen beeinflusst?
Einerseits hatte die Kubanische Revolution einen großartigen Einfluss auf die Kultur Kubas. Zum Beispiel entstand die kubanische Filmindustrie als Konsequenz der Kubanischen Revolution. So wurde eine ganze Generation von Filmemachern geschaffen, mit deren Filmen ich aufwuchs. Während ein Teil dieser Filme als Propaganda gesehen werden kann, gab es auch andere, künstlerische Filme, die eine kritischere Perspektive vertraten. Das kubanische Regime setzte im Laufe der Zeit unterschiedlich harte Zensuren durch; das war aber auch in anderen Ländern der Fall. Was Musik betrifft, habe ich als Heranwachsender viel Musik aus Kuba gehört, lernte diese aber erst zu schätzen, als ich bereits über 20 war. Seit ich 11 war, hörte ich gerne Rock. Diese Musik gab mir, was ich zu dieser Zeit brauchte: Hoffnung und die Idee, etwas anderes erreichen zu können, ein Bild der Freiheit. Kubanische Musik assoziierte ich mit der harten Realität, die mich umgab. Wenn es um Literatur ging, konzentrierte ich mich auf Klassiker. Ich versuchte, Bücher zu lesen, die in Kuba verboten waren. Ich wollte immer etwas anderes.

Was hat dich dazu bewegt, Kuba zu verlassen und nach England zu ziehen? Wie hat sich dein Leben verändert, insbesondere in Bezug auf dein Schaffen in der Filmindustrie? Glaubst du, du wirst jemals zurückkehren?
Ich zog nach England, da es in Kuba sehr schwierig war, mich professionell weiterzuentwickeln. Ich hatte großes Glück, einer Britin namens Cara zu begegnen, während wir beide an einem Dokumentarfilm in Kuba arbeiteten. Wir lebten zusammen in Havanna. Als ihr mein Elan und meine Ambition bewusst wurden, bot sie mir an, mich aus Kuba zu mitzunehmen und ein neues Leben in Großbritannien zu starten, wo ich mein volles Potential ausschöpfen konnte. Der Umzug war nicht einfach. Ich musste Englisch lernen und wieder an die Universität gehen, da ich das Gefühl hatte, den konventionellen Weg gehen zu müssen, um Fuß in der Filmindustrie zu fassen. Ich genoss diese Zeit und schloss die Universität mit einem Master ab. Manchmal reise ich zurück nach Kuba, um meine Familie zu sehen oder um zu filmen – wie für Is that you?. Aber es gibt momentan keine Pläne, zurückzuziehen.

Was inspirierte die erste Idee zu Is that you? Warum wolltest du genau diese Geschichte erzählen?
Ich nahm an einem Drehbuch-Kurs teil. Wir hatten 20 Minuten, um ein Gruselgeschichte für Kinder zu schreiben. Der Kurs führte dazu, dass ich mein Interesse für Horrorfilme wiederentdeckte. Dann begann ich eine Idee zu einem Langfilm für ein erwachsenes Publikum zu entwickeln. Daraus wurde Is that you?. Ich wollte die Geschichte eines jungen Mädchens im Konflikt mit ihrer Familie erzählen. Ich entschied mich dazu, die Geschichte in Kuba zu spielen zu lassen und Elemente des Psychohorrors zu verwenden – ein Genre, das in Kuba bis dahin unangetastet war. Ich ließ mich von meiner eigenen Vergangenheit in Kuba inspirieren. Lili und ihre Familie sind darauf konzentriert zu überleben. Sie sind isoliert und tief in ihren eigenen Problemen verstrickt. Lilis Vater kontrolliert die Familie und zwingt ihnen seine eigenen Moralvorstellungen und Werte auf. Hier spielen die Horrorelemente die bedeutendste Rolle: echte Angst in Kuba, eine Spiegelung des Kubanischen Lebensstils.

Die Realisierung von Is that you? lief über mehrere Jahre. Wie empfindest du rückblickend die Reise von der ersten Idee bis zum finalen Produkt?
Meine Vision war immer klar. Natürlich gab es immer wieder Änderungen während des Schreibens, des Drehs oder in der Postproduktion. Man begegnet Herausforderungen, die dich zu Entscheidungen zwingen. Aber meine Vision blieb immer dieselbe. Die Herausforderungen lassen dich wachsen, sie helfen dir, der Idee den letzten Schliff zu verpassen.

Is that you? ist ein außergewöhnlicher Horrorfilm, der besonders durch eine dichte und klaustrophobische Atmosphäre hervorsticht. Hattest du irgendwelche Vorbilder, an denen du dich orientiert hast?
Als Vorbereitung habe ich Filme wie Roman Polanskis Ekel und Rosemary’s Baby, Alfred Hitchcocks Psycho, Jack Claytons Schloss des Schreckens, Sam Peckinpahs Straw Dogs etc. geschaut. All diese Filme liebe und bewundere ich sehr. Aber ich wurde nicht nur von Horrorfilmen inspiriert – andere Einflüsse waren Shakespeares Hamlet oder Martin Scorseses Taxi Driver. Für den Look des Films ließ ich mich außerdem vom kubanischen Maler Fidelio Ponce de León inspirieren.

Gibt es Pläne, tiefer ins Horrorgenre einzutauchen?
Für mich ist es am wichtigsten, eine Verbindung zu der Geschichte zu spüren, die ich erzählen möchte. Ich mag das Horrorgenre. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich darauf einschränke, nur in diesem Genre zu arbeiten.

Einen psychologischen Horrorfilm mit einem kleinen Team mitten im Nirgendwo zu drehen hört sich nach einer intensiven Aufgabe an. Wie bist du in dieser Zeit zurechtgekommen? Was war dir während des Drehs am wichtigsten?
Jeder Drehtag war lang und wir hatten auch viele Nachtdrehs. Ich kann mir bis heute nicht erklären, woher ich die Energie nahm. Vielleicht kommt sie von der Verantwortung, die man als Regisseur hat. Alle Details waren mir wichtig: die Schauspieler zu leiten, die Kamera zu platzieren, die Ausstattung, das Setdesign, die Belichtung, das Kostüm. Für mich war einfach alles wichtig. Aber das Allerwichtigste war es, alle Szenen drehen zu können, die ich brauchte. Ich wusste, dass unser Budget nicht ausreichen würde, um nach Kuba zurückzukehren und nachzudrehen.

Als Regisseur bist du der Kapitän des Schiffs. Was war die größte Herausforderung während dieses Projekts?
Es gab zwei große Herausforderungen. Die erste war die Finanzierung. Dann ging es um die Drehgenehmigung in Kuba. Aufgrund der Verzögerung im Genehmigungsprozess hatte ich irgendwann die Befürchtung, dass wir den Dreh absagen müssten. Glücklicherweise hat es dann gerade noch rechtzeitig geklappt. Dann starb inmitten der Dreharbeiten Fidel Castro. Kurz darauf wurde uns gesagt, dass wir die Dreharbeiten stoppen müssten, aber weil wir Unterstützung von RTV Comercial und die richtigen Dokumente hatten, konnten wir bald wieder weitermachen. Allerdings habe ich mich mit diesen Problemen nie allein gefühlt, denn ich hatte die Unterstützung von einem großartigen Team, insbesondere von Emma Berkofsky, der Produzentin, und den Executive Producers Rebecca Randell und Marina Barabanova.

Gibt es zukünftige Projekte, von denen du uns schon erzählen kannst?
Momentan arbeite ich an einem psychologischen Drama mit dem Arbeitstitel Carlitos. Ich freue mich schon sehr darauf, mich nach den ganzen Festivals wieder auf dieses Projekt konzentrieren zu können. Außerdem gibt es eine neue Kollaboration, die aufgrund meines Besuchs auf dem Matchbox Coproduction Market auf dem Oldenburg Film Festival entstand. Ich bin derzeit im Gespräch mit Nico Mansy, um ein Buch zu adaptieren.

Was kannst du jungen Filmemachern und solchen, die es werden möchten, sagen, die aus Gegenden kommen, in denen es nicht üblich oder einfach ist, eine Karriere im Filmbusiness zu starten?
Zuallererst: Gib nicht auf, egal was passiert. Hab ein dickes Fell. Sei geduldig. Bleib am Ball. Arbeite und lerne. Zugleich sollte man gut wählen, an welchen Projekten man teilnimmt und mit welchen Leuten man arbeitet. Gib dich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden. Sei du selbst und glaube an dich.

Rudy Riveron Sanchez

Zur Person
Rudy Riverón Sánchez wurde 1972 in Holguin, Kuba geboren. Nachdem er eine Zeit lang als Schauspieler am Theater gearbeitet hatte, studierte er am El Instituto Superior de Arte (ISA) in Havana Regie. 2002 zog er nach Großbritannien, wo er an der York St. John University studierte. Im Anschluss drehte er mehrere Independent-Filme, Kurzfilme und Musikvideos. Für Is That You?, das 2018 Weltpremiere feierte, kehrte er in seine alte Heimat Kuba zurück. Derzeit arbeitet er an seinem nächsten Spielfilm.

Rudy Riverón Sánchez [Interview]
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