Auch Leben ist eine Kunst

„Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden“ // Deutschland-Start: 25. April 2019 (Kino)

Max wer? In der breiten Bevölkerung dürfte es nur wenige geben, bei denen der Name Max Emden einen Wiedererkennungswert hat. Nicht einmal in seiner Heimat erinnern sich viele an den gebürtigen Hamburger. Ein kleiner Weg gedenkt ihm dort zwar, ohne aber dass die Jogger allzu viel Notiz von der Geschichte nehmen würden. Dabei sind die Auswirkungen des erfolgreichen Textilunternehmers durchaus noch zu sehen. In Berlin beispielsweise oder auch in München, sowohl am KaDeWe wie auch am Oberpollinger war Emden beteiligt – nur zwei von diversen Kaufhäusern, die zumindest teilweise auf ihn zurückgingen.

Zunächst sieht es danach aus, als würden sich die Regisseure Eva Gerberding und André Schäfer (You’ll Never Walk Alone) in ihrem Dokumentarfilm vor allem für diesen wirtschaftlichen Aspekt interessieren, für den enormen Reichtum, den Emden seinerzeit anhäufte. Doch weder das Geld noch die Person stehen im Mittelpunkt, über beides erfährt man nur das Nötigste. Die spannendere Frage ist schon im Titel Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden verborgen: Was ist eigentlich mit dem gesamten Besitz geschehen? Wie kommt es, dass sich kaum jemand an ihn erinnert?

Enteignung hat viele Gesichter
Der Grund: Wie so viele Deutsche in den 1930ern gehörte Emden dem „falschen“ Glauben an. Genauer war es seine Familie, die den Makel hatte, Juden zu sein. Dass Max selbst protestantischer Konfession war, stellte für die Nationalsozialisten keinen Hinderungsgrund dar, auch ihn unter Druck zu setzen. Schließlich hatte der Mann Geld. Vor allem aber hatte er eine beeindruckende Kunstsammlung, die er im Laufe der Jahre angehäuft hatte. Und wann immer sich Gelegenheiten ergeben, Schätze zu Spottpreisen zu erwerben, da braucht es keine wirklichen Gründe mehr. Die Gelegenheiten reichen.

Das war natürlich kein Einzelfall, das Dritte Reich bediente sich bekanntlich gern und kräftig am Besitz derjenigen, die sie loswerden wollten. Während andere Enteignungen jüdischer Mitbürger jedoch später rückgängig gemacht wurden, werden im Fall Max Emden gerne mal die Hände in Unschuld gewaschen. Anfragen von Gerberding und Schäfer wurden ignoriert, weder die Bundesregierung noch der Senat von Hamburg mochten sich dazu äußern. Schließlich, und das ist das Bittere an der Geschichte, war Emden offiziell Protestant und kein Jude. Ergo konnte er auch nicht das Opfer von Judenverfolgung werden.

Ein Opfer, das keines war?
Dass dies nur vorgeschoben ist, das dürfte jedem klar sein, Gesetz und Gerechtigkeit müssen nicht immer übereinstimmen. Und natürlich, ganz vergleichbar ist das Schicksal der Familie Emden nicht. Wo andere deportiert wurden oder täglich um ihr Leben fürchten mussten, da saß der Unternehmer in seiner schicken Schweizer Villa. Der Verlust einer Kunstsammlung, das ist nicht mit dem kompletten Auslöschen von Familien gleichzusetzen. Selbst die Flucht des Sohnes nach Chile, nachdem ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft die Staatsbürgerschaft entzogen wurde, ist in Relation zu anderen Gräueltaten das geringere Übel.

Der Beitrag der Nordischen Filmtage Lübeck 2018 erinnert jedoch daran, dass ein Unrecht nicht mit einem anderen verglichen werden sollte. Vor allem ist der Dokumentarfilm ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich noch differenzierter mit der Geschichte auseinanderzusetzen, sich von den bisherigen Schubladen zu verabschieden. Das erlangt zwar nie eine wirklich persönliche Note, die historischen Aufnahmen von Emden – braungebrannt, nackter Oberkörper – sind nicht genug, um ihm auch menschlich nahezukommen. Trotz der Distanz, die Mitgefühl erschwert, erfüllt Auch Leben ist eine Kunst aber seinen Zweck als Erinnerung an etwas, an das sich nicht jeder erinnern möchte.

Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden
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Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden
Erst erfolgreicher Kaufmann, später beflissener Kunstsammler, heute ein Niemand: „Auch Leben ist eine Kunst“ erinnert an Max Emden, der es durch Kaufhäuser zu Reichtum brachte, später jedoch während des Nationalsozialismus viele Besitztümer aufgeben musste. Die Doku nähert sich dem Menschen kaum an, zeigt aber das Bild eines Opfers, das offiziell kein Opfer war, weil es nicht ins Bild passte.
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