Wer sich schon einmal an Online-Dating versucht hat, der weiß, dass das in so manch böser Überraschung enden kann, wenn sich vermeintliche Traumprinzen als fiese Kröten entpuppen oder die Wunschpartnerin finstere Seiten an sich offenbart. Wie praktisch wäre es da doch, wenn man schon vorher wüsste, auf wen man sich einlässt! Diese Idee wird in der Liebeskomödie Rate Your Date aufgegriffen, in der vier Leute eine App entwickeln, die es einem ermöglichen, sein Date mithilfe von Kategorien zu bewerten: von Nestbauer über Therapeut bis zu Crazy Bitch. Marc Benjamin spielt darin einen der Entwickler, der damit einen Nerv trifft, später jedoch die Schattenseiten des Online-Datings erkennen muss. Wir haben uns mit dem Schweizer Schauspieler zur Premiere in München getroffen und ihn zu eigenen Erfahrungen und Ansichten gelöchert, was das Leben im Internet für uns bedeutet.

Dein neuer Film „Rate Your Date“ handelt von den Tücken des Online-Datings. Das ist ja kein besonders neues Thema, Anbieter dafür gibt es schon lange, es gibt eine Reihe von Apps.
Es gibt das eigentlich schon, seitdem das Internet gibt, oder?

Wahrscheinlich. Ich habe es damals aber noch nicht ausprobiert.
Vielleicht nicht bewusst. Aber ich habe mich selbst schon gefragt, wie das damals war und wie wir uns verhalten haben. Das fragst du mich garantiert ohnehin noch irgendwann, wie ich das Internet und Online-Dating benutze.

Die Frage wäre später tatsächlich noch gekommen.
Ha, wusste ich es doch!

Aber heben wir uns das noch etwas auf. Was macht „Rate Your Date“ für heute noch relevant?
Der Film sagt viel über unseren Zeitgeist aus. Dabei geht es nicht nur um Online-Dating und das Technische. Was für mich bei dem Film ganz gut rüberkommt: Die Charaktere haben ganz große Schwierigkeiten sich zu entscheiden. Alle Türen stehen offen. Aber es geht keiner hindurch. Stattdessen bleiben sie alle im Flur stehen. Entweder bist du in einer sicheren Beziehung und denkst: Ach, vielleicht müsste ich doch noch mal rausfinden, ob da noch mehr draußen ist. Oder man geht rum und kann sich nicht festlegen. Musst du auch nicht. Wir leben ja in einer Wegwerfgesellschaft, wo eh der nächste gleich wieder kommt. Dass du dich im Internet so anonym verhalten kannst, befeuert das Ganze noch ein bisschen. Wie denkst du darüber?

Ich glaube nicht, dass die Leute wissen wollen, was ich darüber denke.
Doch, schon auch. Vielleicht denkst du ja dasselbe wie ich.

Ich habe eine etwas gespaltenes Verhältnis zu zwischenmenschlicher Kommunikation im Internet. Auf der einen Seite öffnet es unglaublich viele Türe, wie du sagst. Aber es geht für mich auch vieles dabei verloren.
Stimmt. Für mich ist das Internet auch nur eine Brücke. Als ich damit in Berührung kam, meine erste E-Mail-Adresse eingerichtet habe, Messenger und so weiter, da war für mich immer ganz klar: Das hat nichts mit dem Alltag zu tun. Es war eine witzige Zwischenebene, auf der man sich mit virtuellen Papierkügelchen bewerfen konnte. Wie im Klassenzimmer. Aber man wusste immer, wenn das Ganze nach draußen geht, dass das dann einen anderen Ton hat. Es hatte einen anderen Humor. Es war wie eine eigene Sprache, die man rauslesen konnte. Ich hab das Gefühl, heute kann ich das nicht mehr. Man erwartet wirklich, dass man so spricht wie im Internet. Es gibt diese Trennung nicht mehr zwischen offline und online, zwischen dem Privatem und dem Öffentlichen. Aber wie soll das funktionieren?

Da fragst du den Falschen.
Für die jungen Leute ist inzwischen alles normal. Die geben online auch alles preis und laufen mit dem Handy und eingeschalteten Lautsprecher durch die Stadt und telefonieren laut. Die sind es gewohnt, dass alles von dir öffentlich ist.

Was macht das mit uns, wenn alles öffentlich?
Also, mich macht es ja schon wahnsinnig, wenn andere ihr Leben öffentlich machen und ich dabei zuhören muss. Das schneidet mich schon ein.

Mich irritiert es, wenn andere auf Facebook, Instagram und so schreiben, was sie morgens gefrühstückt haben.
Oh ja! Gut, du denkst dann, das ist deren Sache, das können sie ja schreiben. Aber da frage ich mich dann auch: Würden die das dann im wahren Leben einfach so in die Runde werfen? Stell dir vor, du sitzt beim gemütlichen Get-together und einer sagt: Habe gerade wieder die Katze gegen die Wand gestoßen. Man trifft sich einmal am Tag zu einer Frühstücksrunde und jeder gibt seinen Status durch.

Noch mal auf das Online-Dating bezogen, siehst du darin mehr Fluch oder Segen? Auf der einen Seite kannst du Leute kennenlernen, die du so nie treffen würdest, aber es bringt ja auch Nachteile.
Damit hast du die Frage schon beantwortet.

Du kannst gern auch eigene Wörter dafür verwenden.
Letztendlich muss das jeder für sich selber wissen. Die Absicht hinter dem Online-Dating war sicher gut. Aber es führt zu Problemen, für die du irgendwie Lösungen finden musst. Da ist und bleibt eine Anonymität im Internet, durch die du dich nicht wirklich kennenlernst. Und man verstellt sich automatisch. Man kann die Texte, die man schreibt, fünfzig Mal löschen, bevor man das erste „Hallo“ sagt. Man kann auch drei Tage nicht zurückschreiben. Im realen Leben kannst du das nicht. Du kannst beim ersten Date nicht mal eben eine Stunde rausgehen, um über eine Antwort nachzudenken, und danach mit anderen Klamotten wiederkommen. Es birgt auch die Gefahr, dass du dich in der Vorstellung verlierst, wie du gerne wärst. Der Schritt ins Reale ist dann fast unmöglich, weil du eine ganz andere Person im Internet bist.

Marc Benjamin Interview Rate Your Date 2

Noch haben sie gut lachen, denn der anfängliche Erfolg der neuen Dating-App hat bald unvorhergesehene Folgen …

Verleitet es dazu, auch andere anzulügen oder nur sich selbst?
Ich glaube nicht einmal, dass man prinzipiell die anderen anlügt. Ich glaube tatsächlich, dass man erst einmal sich selber anlügt. Man schwindelt sicher auch mal hier und da. Aber erst einmal gibst du dich von deiner besten Seite preis. Oder das, was deine beste Seite sein soll. Wenn du auf Facebook oder Instagram unterwegs bist, dann folgst du immer den dort gezeigten Idealen. Und die gibt es ja nicht wirklich. Das sind flüchtige Werbeplakate, die du dann reproduzieren willst. Die Leute folgen und folgen dem, zeigen selbst aber keine Initiative. Du findest selber überhaupt nicht mehr deinen Weg. Du hast die Zeit auch gar nicht mehr dafür, einmal über dich selbst nachzudenken. Du wirst so zugeflutet von Erwartungen, wie du zu sein hast. Da kommst du mächtig unter Druck.

Verleitet das Internet dann dazu, dass es immer weniger Individualismus gibt?
Schlussendlich schon, irgendwie. Nicht? Doch, das ist definitiv so, würde ich sagen. Treiben wir das mal richtig auf die Spitze. Du kannst das dann ja auch staatlich nutzen. Du machst Instagram als Propaganda. Jeder kriegt nur noch diese eine Profil zu sehen, und das ist dann die Perfektion. Da hast du dann eine Armee von nichtswissenden Menschen, die alle dasselbe machen. Ist eine übertriebene Vorstellung, klar, so etwas wie die Comic-Variante. Aber im Prinzip würde es darauf hinauslaufen.

Was ich dabei interessant finde: Das wäre dann doch ein Widerspruch zu dem, was im Internet immer wieder behauptet wird. Und zwar, dass sich jeder selbst ausdrückt, das Internet dir also die Möglichkeit gibt, du selbst zu sein.
Er könnte es auch. Aber du hast gegen dieses Hamsterrad keine Chance. Wie willst du gegen diese Schnelligkeit ankommen? Du kannst auch nicht mehr debattieren. Das Gespräch, das wir führen, hört sich doch keiner mehr richtig an, weil inzwischen Trump fünfzig neue Tweets rausgehauen hat. Keiner hat noch die zwanzig Minuten und hört uns noch zu. Die Gegenberichterstattung muss mit Artikeln argumentieren, die keiner mehr hören will. Du hast nur noch Titel, du hast nur noch das Image. Das ist irgendwie absurd. Wir produzieren nur noch Trailer anstatt Filme. Du schaust ein Plakat und denkst, lass uns den anschauen. Aber dann machst du es eh nicht, weil schon das nächste Plakat draußen ist. Um jetzt mal in der Filmwelt zu bleiben.

Kommen wir noch einmal aufs Online-Dating zurück. Hast du selbst damit Erfahrungen gesammelt?
Ich bin schon mit Leuten übers Internet in Kontakt getreten. Ein wirklicher Online-Dater bin ich aber nicht. Ich bin aber auch kein Real-Life-Dater, da ich zugeben muss, relativ schlecht beim ersten Eindruck zu sein. Das ist eine Hürde, der ich mir sehr bewusst bin. Irgendwie entsteht beim ersten Eindruck immer so ein kleines Missverständnis. Das muss ich dann natürlich kompensieren und reite mich nur noch umso tiefer hinein. Wie Treibsand. Da würde ich mir dann so einen Restart-Knopf wünschen.

Rate Your Date

Eine echte Herzensangelegenheit: Anton (Marc Benjamin), Teresa (Alicia von Rittberg), Paul (Edin Hasanovic) und Patricia (Nilam Farooq) tüfteln an einer App, die das Online-Dating mithilfe von Kategorien erleichtern soll.

Funktioniert Online-Dating überhaupt bei jemandem, der prominenter ist?
Ich bin ja nicht so prominent und werde auch nicht wirklich auf der Straße erkannt. Aber schauen wir mal, vielleicht geht ja der „Rate Your Date“ durch die Decke. Zu deiner Frage: Da sehe ich jetzt keinen Unterschied. Wobei, Online-Dating ist ja toll für Leute, die nicht so durchs Land ziehen und andere kennenlernen. Wenn du prominent bist, hast du wahrscheinlich so viele Leute um dich, dass du das gar nicht mehr brauchst. Die haben das Problem nicht.

Lass uns noch etwas über den Film selbst sprechen.
Der ist toll!

Mit aber nicht so tollen Themen. Es wird sogar richtig hässlich, wenn die Leute dort mithilfe der App böse gemobbt werden. Die App scheitert ja daran, dass die Leute die Kategorien missbrauchen.
Oder zumindest anders gebrauchen, ja. Es ist eine dreckige, dreckige Eigenschaft der Menschen, andere fertig machen zu wollen. Aber auch da: Die Absicht mit den Kategorien war ja gut. Die waren dazu da, dass man auch ein bisschen draus lernen kann. Dass man weiß, was man hatte, und jetzt nach dem passenden Partner suchen kann. Man kategorisiert ja automatisch. Wir sind alle so. Wenn wir aber nicht mehr die Chance haben, aus dieser Schublade wieder herauszukommen, dann wird das natürlich zu einem Problem. Dann kannst du dich auch nicht mehr weiterentwickeln. Du hast normalerweise ja kein Schild auf deiner Stirn. Wenn dann demokratisch darüber abgestimmt wird, was auf deinem Schild steht, dann bist du für andere dieses Schild, egal ob du es bist oder nicht.

Das Internet erschafft also deine Kategorie.
Es erschafft deine Realität. Wenn alle unterstellen, dass du so bist, dann bist du es. Und sobald das der Fall ist, hast du zwei Optionen. Entweder du spielst mit. Dann aber als das, was man dir vorgegeben hat. Oder du ziehst dich zurück. Eine andere Option hast du nicht, weil du kannst ja nicht überzeugen. Die Macht hast du in dem Moment nicht. Das ist so, als würdest du gegen ein Tweet von Trump ankämpfen. Der hat die Power mit diesen Millionen von Menschen, bei denen das wirkt.

Ist es überhaupt möglich, eine Kategorie zu finden, die einen Menschen komplett beschreibt?
Natürlich ist das nicht möglich. Du bräuchtest einen viel größeren Wortschatz mit ganz anderen Worten. Die Kategorie ist nur ein Anhaltspunkt zur Orientierung. Sie kann helfen, ist aber nicht alles.

Wenn du dich selbst in eine Kategorie stecken müsstest, welche wäre das dann?
Das ist jetzt schon ein bisschen gemein. Ich soll mir selbst einen Stempel aufdrücken?

Na, du kennst dich selbst am besten, schätze ich mal.
Deswegen weiß ich auch, dass eine Kategorie mich definitiv nicht ausdrückt. „Verweigerer“ in dem Fall. Im Film bin ich ja der „Pinguin“.

Und was genau sagt das aus?
Das ist die treuste Seele, die es gibt.

Und wenn du dir eine Kategorie geben dürftest, welche wärest du gern?
Im Film gab es ja noch den „Sexgott“ …

Und den „Sextremist“.
Nein, da bleibe ich lieber beim „Pinguin“. Oder eben doch „Verweigerer“. Weil hier kann ich glaube ich nur falsch antworten.

Okay, dann letzte Frage: nächste Projekte?
Da flirren gerade einige Sachen rum. Auch etwas, das ich vielleicht selber initiieren möchte. Aber das ist alles noch nicht spruchreif. Es ist sehr viel los, der Frühling kommt. Es wird auf jeden Fall spannend.

Marc Benjamin Interview Rate Your Date 3

Marc Benjamin bei der Münchner Premiere seines neuen Films „Rate Your Date“

Zur Person
Marc Benjamin wurde am 15. April 1986 in Basel geboren. Von 2007 bis 2011 studierte er an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Schon während seiner Ausbildung spielte er bei den Münchner Kammerspielen, zu deren festem Ensemble er später gehörte. In den letzten Jahren war er in einer Reihe nationaler und internationaler Produktionen zu sehen, beispielsweise in der Krimiserie The Team, dem Musikfilm Unsere Zeit ist jetzt, der DDR-Komödie Vorwärts immer! und der Tragikomödie Vielmachglas an der Seite von Jella Haase. Sein neuester Film Rate Your Date über die Tücken des Online-Datings läuft seit 7. März 2019 im Kino.

Marc Benjamin [Interview]
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