Hellhole

„Hellhole“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Seit den Terroranschlägen in Brüssel ist nichts mehr so, wie es vorher war. Ein dunkler Schatten liegt auf der Stadt, während die Menschen betäubt ihrem Alltag nachkommen. Alba (Alba Rohrwacher) beispielsweise, die beim Europäischen Parlament als Italienischübersetzerin arbeitet, der jedoch langsam ihr Leben entgleitet. Der muslimische Junge Medhi (Hamza Belarbi), der unter den Folgen leidet und von seinem Bruder um einen Gefallen gebeten wird. Und auch das Leben des Arztes Wannes (Willy Thomas) war schon einmal einfacher: Einsamkeit und die Sorge um seinen Sohn, der als Soldat einen Einsatz fliegt, treiben ihn an.

Sprachlos in der Nacht
Bas Devos ist kein Mann der großen Worte, zumindest wenn man seinen zweiten Spielfilm Hellhole als Grundlage nimmt. Da können schon einmal mehrere Minuten vergehen, bis jemand etwas sagt, wir folgen beispielsweise Medhi, wie er mit einem Ball spielend einen Gang entlanggeht, die Kamera ihm dicht auf den Fersen. Und das ist nur eine von vielen Szenen in dem Film, die auffallend stumm bleiben. Aber selbst wenn der belgische Regisseur und Drehbuchautor seinen Figuren Dialoge in den Mund legt, wird man nicht unbedingt schlauer daraus. Dafür ist zu vieles hier kryptisch. Bruchstückhaft.

Das ist natürlich Teil des Konzepts. Hellhole ist ein Film über eine Stadt der Sprachlosigkeit. Über Menschen, die verlorengegangen sind, andere verloren haben, sich selbst verloren haben. Wirkliche Interaktionen sind deshalb auch rar gesät, man beschränkt sich auf das Nötigste. Wobei die Sehnsucht nach Halt und Nähe durchaus da ist. Eine der traurigsten Szenen zeigt Alba, wie sie sich beim Arzt um Kopf und Kragen redet, aus dem Bedürfnis heraus, dass jemand da ist, der ihr zuhört.

Atmosphärisch ist das prima gelöst: Wenn wir durch die Stadt laufen, die selbst am Tag immer irgendwie düster wirkt, dann wird Hellhole seinem Titel gerecht. Wenige Filme schaffen es, eine vergleichbar trostlose Stimmung aufzubauen und einem auch jede Hoffnung zu nehmen, dass es einmal besser werden könnte. Dafür haben sich die Menschen hier schon zu weit voneinander entfernt, streifen wie Irrlichter durch Brüssel. Sie sind selbst für die Zuschauer nur wenig fassbar, da Devos sie mitten in der Nacht alleine lässt. Die Vorgeschichten und Schicksale deuten sich in den Schatten zwar immer an, bleiben aber schemenhaft.

Hypnotisches Nichts
Das wird nicht für alle genug sein. Das Drama, das auf der Berlinale 2019 seine Weltpremiere feierte, ist inhaltlich äußerst minimalistisch. Weder finden die drei Handlungsstränge zusammen, noch sind sie für sich genommen befriedigende Porträts. Hellhole will in erster Linie ein Gefühl vermitteln, das eben auch davon lebt, so diffus zu sein. Dafür nimmt Devos dann auch in Kauf, sein Publikum selbst im Stich zu lassen, es zu verwirren, es vielleicht sogar zu langweilen. Im Gegenzug gibt es sehr kunstvolle Aufnahmen und eine ungewöhnliche Kameraarbeit, hypnotisierend selbst dann, wenn man gar nicht so genau weiß, in welches Höllenloch man da eigentlich gerade schaut.

Hellhole
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Hellhole
„Hellhole“ führt uns anhand von drei Personen ein Brüssel vor Augen, das auseinandergebrochen ist und in dem die Menschen ziellos umherirren. Das ist von einer unglaublich atmosphärischen Trostlosigkeit, während die Kameraarbeit äußerst kunstvolle Aufnahmen dagegenhält. Der minimalistische Inhalt und die nur schemenhafte Figurenzeichnung drohen für manche aber zu einem Geduldsspiel zu werden.
7von 10

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