Kings

„Kings“ // Deutschland-Start: 30. August 2018 (DVD/Blu-ray)

Es ist nicht so, als hätte Millie (Halle Berry) nicht schon unter normalen Bedingungen alle Hände voll zu tun. Als alleinerziehende Mutter, die sich um acht Kinder kümmern muss, da ist der Ausnahmezustand Alltag. Doch schon länger ist da draußen etwas am Brodeln, die Lage ist nach dem Tod einer schwarzen Jugendlichen angespannt. Als dann auch noch vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King vor laufender Kamera misshandelt haben, freigesprochen werden, bricht endgültig die Hölle los. Gemeinsam mit ihrem südafrikanischen Nachbarn Obie (Daniel Craig) muss Millie einen Weg finden, ihre Kinder vor der unkontrollierten Gewalt da draußen zu schützen.

So schnell wie Deniz Gamze Ergüven hat sich in den letzten Jahren kaum eine Regisseurin in das Glanzlicht der Kinokritiker katapultiert. Und kaum eine wurde so schnell wie sie wieder von dort getrieben. Wurde ihr Debüt Mustang über fünf türkische Schwestern, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, beim Debüt in Cannes noch umschwärmt, später fast mit einem Oscar ausgezeichnet, sieht es beim zweiten Film schon ganz anders aus. Kings fiel bei der Premiere beim Toronto International Film Festival 2017 durch, wurde auch später von den Kritikern verrissen. An den Kinokassen ging das Drama sogar so stark unter, dass es hierzulande gleich ganz ins DVD-Regal verbannt wurde.

Die Zutaten für das Erfolgsrezept sind da
Das war schon überraschend, nicht nur weil der Kontrast zwischen den beiden Filmen in der Hinsicht kaum größer sein könnte. Es ist auch überraschend, weil Kings eigentlich alles mitbringt für einen Erfolg beim Publikum und der Presse. Mit Halle Berry und Daniel Craig konnten zwei namhafte und durchaus talentierte Hollywoodschauspieler gewonnen werden. Das Thema institutioneller Rassismus ist zudem in den letzten Jahren nicht weniger aktuell geworden. Da hätte man durchaus erwarten dürfen, dass ein Film zu dem Thema, gerade auch den schweren Unruhen von 1992, auf offene Herzen stößt.

Dass dies nicht gelang, mag zum Teil an einem grundsätzlichen Desinteresse des Zielpublikums gelegen haben. So war kurze Zeit vorher auch Kathryn Bigelows thematisch ähnliches Drama Detroit über die Unruhen 1967 ein Flop, wurde trotz guter Kritiken von allen großen Filmpreisen ignoriert – was man sich nach den letzten beiden Werken der Regisseurin (Tödliches Kommando – The Hurt Locker, Zero Dark Thirty) kaum hätte vorstellen können. Nur weil ein Film etwas Wichtiges zu sagen hat, bedeutet das offensichtlich nicht, dass es auch Leute gibt, die sich dafür interessieren.

Wohin des Wegs?
Die verhaltenen bis schlechten Reaktionen sind teilweise aber auch hausgemacht. Was Ergüven gut gelingt, ist die Rekonstruktion der damaligen explosiven Stimmung. Kings beginnt nicht erst mit den Misshandlungen durch die Polizei, deren Bilder damals um die Welt gingen. Sie erzählt auch von eine, hierzulande weniger bekannten Fall, in dem eine Ladenbesitzerin eine Jugendliche erschoss, weil sie diese für eine Diebin hielt – und dafür gerade mal 500 Dollar Strafe zahlen musste. Die Atmosphäre der Wut und der Frustration, die ist hier zu spüren, selbst für Zuschauer, die mit dem Thema bislang nicht vertraut waren. Und auch die Welle der Gewalt ist gut umgesetzt, wenn sich die Dinge überschlagen, alles eskaliert und in einem absoluten Chaos endet.

Nur findet Ergüven keinen Weg, diese Rahmenbedingungen mit einer Geschichte zu verknüpfen. Dass eine alleinerziehende Mutter Angst um ihre Kinder hat, die sich während der Unruhen draußen herumtreiben, das ist noch nachvollziehbar. Es ist der Rest, der entweder gar nicht ausgearbeitet ist oder einfach nicht ins Bild passt. Viele der Figuren bleiben schematisch, selbst Millie wird nur einseitig charakterisiert. Das erschwert es doch, da irgendwie mitfühlen zu können. Wenig überzeugend ist zudem die gemeinsame Suche mit ihrem Nachbarn, die sich nicht aus einer gemeinsamen Vorgeschichte ergibt, teilweise sogar unfreiwillig komisch wird. Wo es Detroit eben gelang, einen historischen Vorfall mit individuellen Schicksalen zu verbinden und trotz bekannten Ausgangs jede Menge Spannung zu erzeugen, da ist in Kings in erster Linie Verwirrung angesagt.

Kings
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Kings
Das Thema der Rassenunruhen von 1992 ist wichtig und noch immer aktuell, zudem überzeugt auch die erhitzte Atmosphäre vor dem großen Knall. Der Versuch in „Kings“, diese Situation mit einer individuellen Geschichte zu verknüpfen, schlägt jedoch fehl, da die Figuren zu sehr Fremde bleiben und das Verhalten sich nicht immer erschließt.
5von 10

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