Funan

„Funan“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es war ein normales Leben, das Chou und Khoun mit ihrem jungen Sohn Sovanh da führten. Ein glückliches Leben. Bis 1975 die Roten Khmer in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh einfielen, die Menschen vertrieben und versklavten. So wie viele andere muss deshalb auch die junge Familie auf Wanderschaft gehen, getrieben von den Kämpfern, welche sie zur Arbeit zwingen. Doch der nächste Schicksalsschlag wartet bereits: In der Hektik und der Gewalt verlieren Chou und Khoun Sovanh aus den Augen. Umkehren ist jedoch nicht möglich. Und so bleibt den beiden nichts anderes übrigens, als weiterzugehen und die Arbeiten zu verrichten, während sie immer wieder heimlich nach ihrem verschwundenen Sohn Ausschau halten. Einfach ist das jedoch nicht. Die Lebensbedingungen sind hart, das Essen ist knapp. Hinzu kommen die ständigen Misshandlungen.

Hierzulande wird ja gerne mal daran geglaubt, dass Animationsfilme und -serien in erster Linie Kinderkram sind und Erwachsenentitel sich durch Sex, Gewalt und derben Humor auszeichnen. Wie falsch diese Ansicht ist, das beweist der Blick zu unseren französischsprachigen Nachbarn, die in schöner Regelmäßigkeit beweisen, dass es auch anders geht. Ob nun der surreale Klassiker Der phantastische Planet, die melancholische Tati-Hommage Der Illusionist oder auch das nachdenkliche Louise en Hiver – die Grande Nation hat eine Reihe großartiger Werke hervorgebracht, die mit den gängigen Vorurteilen aufräumen.

Ein dunkles Kapitel, animiert aufbereitet
Die multinationale Coproduktion Funan, welches das diesjährige Animationsfestival Fantoche eröffnet, steht in eben dieser Tradition, wenn es ein dunkles Kapitel in der Geschichte Kambodschas beleuchtet. Rund zwei Millionen Menschen sollen in den 1970ern der Diktatur der Roten Khmer zum Opfer gefallen sein. Zahlreiche Verbrechen wurden begangen, die erst in den letzten zehn Jahren langsam aufgearbeitet werden konnten. Der Film ist jedoch keine bloße Geschichtsstunde. Vielmehr ließ sich Regisseur und Co-Autor Denis Do von der Geschichte seiner Mutter inspirieren, als er sich nach diversen Auftragsarbeiten – darunter die Zombiekomödie Zombillenium – an die Arbeit für sein Langfilmdebüt machte.

Auf längere Einführungen oder große Kontexte verzichtet der gebürtige Franzose dann auch. Er braucht sie nicht. Wenn wir zu Beginn mitansehen, wie die schwer bewaffneten Männer die Bevölkerung aus den Häusern zerrt und sie auf einen langen Marsch zwingt, dann spielt es erst einmal keine Rolle, warum sie das tun. Viele der Opfer dürften selbst nicht gewusst haben, wie ihnen geschieht, Funan macht die Zuschauer zu Leidgenossen, die verwirrt und verängstigt durch den Dschungel stolpern, über Felder, durch Flüsse. Ohne Ahnung, wohin die Reise geht und was einen erwartet.

Gräueltaten vor idyllischer Kulisse
All diese Orte sind sehr schön geworden, geradezu idyllisch sind die handgezeichneten Hintergründe. Umso stärker ist der Kontrast zu dem Terror, der sich vor diesen abspielt. Wirklich explizit wird Funan dabei nur selten. Gewalt und Folter finden zwar statt, aber außerhalb des Bildausschnitts. Es reicht Do, dass sein Publikum weiß, war vorfällt, zeigen muss er es ihm nicht. Für Kinder ist der Film dennoch kaum geeignet, denn an Stelle der physischen Gewalt tritt hier die psychische, wenn die Menschen systematisch zugrunde gerichtet werden – auch durch das Vorenthalten von Nahrung.

Ganz so verheerend wie bei etwa Die letzten Glühwürmchen ist der Effekt nicht, dafür bleiben die Figuren zu sehr auf Distanz. Chou und Khoun ist zwar das Mitgefühl des Publikums gewiss, wenn sie verzweifelt nach ihrem Sohn suchen. Aber sie werden zu sehr darauf reduziert, dürfen sich nie zu eigenständigen Charakteren entwickeln, was die Identifikation erschwert. Doch trotz dieser kleineren Mängel: Do ist mit Funan ein sehenswertes bis erschütterndes Debüt geglückt, dem es zu wünschen wäre, auch außerhalb von Festivals einen Platz zu bekommen und vielleicht das eine oder andere Vorurteil abzubauen.

Funan
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Funan
Unterdrückung, Ausbeutung, Gewalt und Tod – als die Roten Khmer 1975 in Kambodscha an die Macht kamen, war dies der Anfang eines dunklen Kapitels in der Geschichte des Landes. „Funan“ zeichnet diese Zeit nach, indem es stellvertretend von dem Schicksal einer Familie spricht. Das ist bedrückend, trotz der schönen Bilder, auch wenn der sehenswerte Animationsfilm bei den Figuren nicht sehr in die Tiefe geht.
7von 10

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