Sicario 2
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Sicario 2

„Sicario: Day of the Soldado“, USA, 2018
Regie: Stefano Sollima; Drehbuch: Taylor Sheridan; MusikHildur Guðnadóttir
Darsteller: Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Catherine Keener

Sicario 2
„Sicario 2“ läuft ab 19. Juli 2018 im Kino

Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen. Und in den USA ist die Verzweiflung groß, als bei einer Reihe von Anschlägen viele Menschen ihr Leben lassen. Um weitere Massaker zu verhindern, wird FBI-Agent Matt Graver (Josh Brolin) beauftragt, einen Krieg zwischen mehreren mexikanischen Drogenkartellen anzuzetteln – schließlich waren mit deren Hilfe die Terroristen erst ins Land gekommen. Zusammen mit dem ehemaligen Anwalt Alejandro Gillick (Benicio Del Toro), der nun als Auftragskiller arbeitet, sorgen sie nun selbst für Blutvergießen. Der Höhepunkt soll jedoch die Entführung von Isabela (Isabela Moner) sein, der Tochter eines der Kartellbosse, mit dem Gillick noch eine ganz private Rechnung offen hat.

Ein richtig positives Menschenbild scheint Taylor Sheridan ja nicht zu haben. Als er sich mit seinem Anti-Drogen-Kampf Sicario vor einigen Jahren einem größeren Publikum vorstellte, war dies nicht nur Darstellung einer skrupellosen Verbrecherorganisation. Gleichzeitig rechnete der Drehbuchautor mit US-Behörden ab, die in ihrer Wahl der Mittel kein Stück besser sind. Nachdem Sheridan zwischenzeitlich mit Hell or High Water und Wind River an seinem Nihilismus feilte, kehrt er nun mit einem zweiten Film über Grabenkämpfe der Mexiko-USA-Grenze zurück und erweitert den Radius um einige thematische Meilen, indem zu den Drogen noch Terrorismus hinzukommt.

Schwierige Wechsel mit Folgen
Auch sonst hat sich einiges geändert. Von Emily Blunt, die beim letzten Mal als Agentin Kate Macer den letzten moralischen Kompass in einem dreckigen Krieg spielen durfte, fehlt jede Spur. Und auch hinter der Kamera gab es einige Wechsel. Der wichtigste: Denis Villeneuve, der sich anschließend dem Science-Fiction-Genre zuwandte (Arrival, Blade Runner 2049), stand nicht zur Verfügung. Eine Enttäuschung für viele, natürlich. Immerhin: Mit dem Italiener Stefano Sollima folgte ihm ein Kollege nach, der sich dank Werken wie Suburra oder ACAB – All Cops Are Bastards bestens mit Verbrechern, moralischen Abgründen und genereller Hoffnungslosigkeit auskennt.

Der Einstieg von Sicario 2 macht dann auch durchaus Lust auf mehr, sofern man an eben diesem dreckigen Nihilismus des Vorgängers seinen Gefallen gefunden hatte. Wenn Matt und Alejandro an die Arbeit gehen, dann versuchen sie nicht einmal so zu tun, als wären sie Helden. Jedes Mittel ist ihnen recht, gleiches gilt für die politischen Hintermänner und -frauen, für die nur das Ergebnis stimmen muss. Der Weg dorthin? Detailfragen, die keinen interessieren. Die Art und Weise, wie hier ein Blutvergießen von Seiten der „Guten“ geplant wird, lässt einen je nach persönlicher Veranlagung begeistert in die Hände klatschen oder vor Empörung nach Luft schnappen.

Doch auch die Anhänger sehr bitterer Abrechnungen mit unverfrorenen Interessenskämpfern mit Gesetzeslabel werden hier nach und nach jeglicher Freude beraubt – nur nicht so wie erhofft. Da durch das Fehlen von Blunt auch die einzige Identifikationsfigur abhandenkam, müssen die beiden Männer im Bunde das wieder ausgleichen. So lange Sicario 2 es einfach dabei belässt und das Publikum ohne Sympathieträger in der Wüste stehen lässt, funktioniert das ganz gut. Nicht einmal Isabel mag man, als verwöhnte Gangstergöre hält sich das Bedürfnis, ihr die Dauen zu drücken, dann doch in Grenzen. Nur will der Film das eben erreichen und feilt deshalb mit der Zeit sowohl bei ihr wie auch den waffenschwingenden Anti-Helden alle Kanten weg. Das ist nicht nur ausgesprochen langweilig, sondern auch ein Verrat an dem, wofür Sicario eigentlich stand. Zudem fehlt es dadurch an einem echten Kontrast, da der Nachfolger keine identifizierbaren Gegenspieler mehr hat.

Hollywoodimitat eines Abgrundes
Das zweite große Problem betrifft die Geschichte selbst bzw. das, was Sollima daraus gemacht hat. Waren bei Sicario tatsächliche Actionsequenzen rar und dafür umso wirksamer, verkommt der zweite Teil an vielen Stellen zu einem dümmlichen Blockbustergeballer, das zunehmend abstruser wird. Um nicht zu sagen lächerlich. Die Szenen, in denen sich tatsächliche Bösartigkeit ankündigt, werden gleich wieder einkassiert. Dass hier vieles von Anfang kaum Sinn ergibt, kommt noch erschwerend hinzu: Sheridan zeigte zwar schon zuvor in Wind River, dass die eigentliche Geschichte eher nebensächlich ist, es ihm mehr auf Figuren und Szenario ankommt. Wenn aber auch das wegfällt, gehen dem Film langsam die Gründe aus, warum man sich das überhaupt anschauen sollte.

Zugutehalten muss man Sicario 2, dass er optisch einiges zu bieten hat, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau des Vorgängers. Und auch die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir bemüht sich redlich, die Klänge ihres dieses Jahr verstorbenen Landsmannes und Vorgängers Jóhann Jóhannsson zu imitieren. Doch das ist dann eben auch der Makel von Teil Nummer zwei: Er wirkt zu oft wie ein Direct-to-Video-Imitat, das auf den Markt geworfen wurde, um von einem großen Namen zu profitieren, und ist dabei in jeglicher Hinsicht nur zweite Wahl.



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Die Skepsis war im Vorfeld von „Sicario 2“ beträchtlich gewesen – zurecht, wie sich jetzt herausstellt. Das größte Problem ist dabei gar nicht, dass Regisseur und Hauptfigur ausgetauscht wurden. Vielmehr ist es die unsinnige, mit der Zeit sogar lächerliche Geschichte sowie eine ärgerliche Umschreibung der verbliebenen Protagonisten, die dem skrupellosen Anti-Terror-Kampf zusetzen. Da helfen auch die gelungene audiovisuelle Umsetzung und der anfänglich schockierende Nihilismus nicht mehr.
6
von 10