„Woman Walks Ahead“, USA, 2017
Regie: Susanna White; Drehbuch: Steven Knight; Musik: George Fenton
Darsteller: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds

Die Frau die vorausgeht

„Die Frau, die vorausgeht“ läuft ab 5. Juli 2018 im Kino

Ein Jahr ist es mittlerweile schon her, dass Catherine Weldon (Jessica Chastain) ihren Ehemann verloren hat. Zeit, endlich das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und etwas unabhängiger zu werden. Und sie weiß auch schon, was sie mit ihrer Zeit anfangen will: nach North Dakota fahren und ein Porträt des legendären Sioux-Stammeshäuptlings Sitting Bull (Michael Greyeyes) malen. Das stellt sich jedoch als deutlich schwieriger heraus als zunächst gedacht. Zum einen hat der Indianer überhaupt keine Lust, für sie zu posieren. Aber auch die anderen Weißen, etwa Colonel Groves (Sam Rockwell), lassen sie spüren, dass sie hier unerwünscht ist. Schließlich hat die blutige Vergangenheit auf beiden Seiten tiefe Wunden hinterlassen. Und damit eine erbitterte Feindschaft.

Es soll ja mal eine Zeit gegeben haben, als in den USA etwas gegen Rassismus getan wurde. Davon ist heute kaum mehr etwas zu spüren. Polizisten, die ungestraft Schwarze erschießen, ein Präsident mit kruden Thesen, unentwegt wird an neuen Mauern gearbeitet, real wie im Kopf, nur um andere fernzuhalten, die anders sind. Da kommt Die Frau, die vorausgeht eigentlich gerade recht, das nicht nur an vergangene Gräueltaten erinnert. Der Film zeigt auch auf, dass Rassismus viele Formen annehmen kann, so wie es für Vorurteile allgemein gilt.

Humorvolle Demontage
Das ist vor allem im ersten Drittel gelungen, wenn der Film sich und seine Protagonistin nicht ganz ernst nimmt. Wenn die wohlmeinende Witwe immer wieder in Fettnäpfchen tritt, weil eben auch sie voller Vorurteile steckt, dann ist das ebenso erfrischend wie witzig. Allgemein ist Die Frau, die vorausgeht zunächst einer Komödie deutlich näher als einem Drama. Eine vermeintliche Rettung wird zur Katastrophe, blöde Sprüche gibt es oben drauf, Weldon ist verwöhnt, naiv, weltfremd, entlarvt sich beim Umgang mit den Indianern immer wieder selbst.

Gleichzeitig ist es ein bisschen schade, dass die historische Weldon derart umgeschrieben wurde. Eigentlich war die US-Amerikanerin eine für damalige Verhältnisse beeindruckend starke Frau, die sich von ihrem Mann scheiden ließ und zur Vorkämpferin für die Rechte der Ureinwohner wurde. In Die Frau, die vorausgeht ist sie eher Getriebene. Eine, die lernt, mit der Situation umzugehen, dabei aber nur selten souverän wirkt. Auch sonst sind die Figuren nicht übermäßig interessant geworden: Drehbuchautor Steven Knight (Allied – Vertraute Feinde, No Turning Back) hat auf beiden Seiten nur Klischees angehäuft, sofern er den Figuren überhaupt etwas mitgegeben hat. Da spielt es dann auch schon keine Rolle mehr, ob nun Indianer oder Cowboy, im Wilden Westen gibt es nur Gruppen, keine Individuen.

Das ist jetzt aber tragisch …
Das wird im letzten Drittel zu einem größeren Problem, wenn die Stimmung zunehmend kippt. Das unterhaltsame Geplänkel zwischen Catherine und Sitting Bull wird von den Anfeindungen der Weißen überlagert, die nicht sehr glücklich über diese Vereinigung sind. Die Frau, die vorausgeht, handelt dann eben doch nicht allein von einem Bild, von idyllischen Landschaften, in denen ein muskulöser Schrank schweigend dem Horizont entgegenblickt. Das anfangs noch nett verpackte Thema Rassismus wird mehr und mehr enthüllt, gezeigt, dass es eben doch nicht wirklich spaßig ist, wenn Menschen über Leben und Wert von anderen bestimmen.

Aber auch da fehlt es an echter Tiefe, Die Frau, die vorausgeht zeigt eine unschöne Tendenz zu Kitsch und Pathos. Dem Thema wird das natürlich nicht gerecht, ebenso wenig der hochkarätigen Besetzung. Jessica Chastain ist wie immer sehenswert, zeigt hier im Kontrast zu ihren knallharten Rollen in Molly’s Game oder Die Erfindung der Wahrheit mal eine etwas andere Seite an sich. Und in besagten Anfangsszenen ein Gespür von Komik. Der frisch gebackene Oscar-Preisträger Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) hat auch den einen oder anderen Moment, selbst wenn er insgesamt nicht viel zu tun bekommt. Weniger Eindruck hinterlässt Michael Greyeyes, dessen Figur aber auch zu unnahbar angelegt ist, als dass sich viel damit anfangen ließe. Das ist alles nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht konsequent genug. Die Geschichte um einen legendären Indianer und seine weiße Vertraute ist ein filmischer Gemischtwarenladen mit schönen Bildern, einem erzählenswerten Inhalt und jeder Menge Talent, der sich aber nicht entscheiden mag, was dabei denn rauskommen soll.

Die Frau, die vorausgeht
4.08 (81.67%) 24 Artikel bewerten

Die Frau, die vorausgeht
Ein bisschen Humor, eine tragische Geschichte, Rassismus in vielen Farben: „Die Frau, die vorausgeht“ versammelt viel Talent und hat auch beim Inhalt und den Bildern jede Menge zu bieten. Der Film über eine Frau, die den berühmten Sitting Bull malen will, kann sich nur nicht so recht entscheiden, was er daraus machen soll und lässt an den entscheidenden Momenten den notwendigen Tiefgang vermissen.
6von 10

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