„Reiteki Borisheviki“, Japan, 2018
Regie: Hiroshi Takahashi; Drehbuch: Hiroshi Takahashi; Musik: Hiroyuki Nagashima
Darsteller: Hanae Kan, Yûki Tomoyama, Yôko Chôsokabe, Kôsuke Takaki, Emina Kondô, Tomomi Kono, Naho Honma

Occult Bolshevism

„Occult Bolshevism“ läuft im Rahmen des 18. Nippon Connection Filmfests in Frankfurt am Main (29. Mai bis 3. Juni 2018)

Wer schon einmal eine Erfahrung mit dem Unheimlichen gemacht hat, der ist dazu prädestiniert, das Tor zu einer anderen Welt zu öffnen. Zur Welt der Toten, der Geister. Dieser Ansicht sind zumindest die Initiatoren einer besonderen Séance: In einer verlassenen Fabrik kommt eine Gruppe von Menschen zusammen, die sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen, jede davon hängt mit einem gruseligen Erlebnis zusammen. Auf diese Weise soll der Kontakt zu den Geistern hergestellt werden, so der Plan. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis die ersten seltsamen Stimmen zu hören sind und die Teilnehmer ahnen: Sie sind nicht allein.

Horror aus Japan, das lockt schon seit Jahren keinen Nerd mehr aus dem Keller heraus. Während furchteinflößende, schockierende oder immerhin blutige Geschichten Hochkonjunktur im Kino haben, die Schreckensfilme regelmäßig an der Spitze der Kinocharts landen, spielt das Land der aufgehenden Sonne dabei keine Rolle mehr. Nicht einmal Rings, mit dem das J-Horror-Phänomen Ringu noch einmal aufgewärmt werden sollte, stieß auf großes Interesse. Da trifft es sich doch gut, wenn sich Hiroshi Takahashi mit einem neuen Genrebeitrag zurückmeldet. Denn der hatte seinerzeit die Drehbücher für die immens populäre Reihe geschrieben.

Bekanntes Szenario in ungewohnter Umgebung
Mit den Hits von damals hat sein Occult Bolshevism jedoch weniger zu tun, trotz einer verwandten Thematik. Stattdessen werden hier zunächst Erinnerungen an Bis das Blut gefriert wach, einer der Überväter des gepflegten Geisterschlossgrusels. So wie damals soll auch hier mithilfe von Experimenten der Nachweis einer übernatürlichen Welt geliefert werden. Und erneut versammelt man hierfür Menschen, die zuvor bereits Erfahrungen gemacht haben, ohne sich deren Bedeutung aber wirklich bewusst zu sein.

Das Setting könnte unterschiedlicher jedoch kaum sein. Hier gibt es kein stattlich-labyrinthartiges Landhaus, das bis zum Himmel ragt. Keine quietschende Wendeltreppe, die zu verborgenen Plätzen führt. Keinen Wintergarten mit mysteriösen Statuen. In Occult Bolshevism gibt es ja nicht einmal Schlafzimmer, in die sich die Teilnehmer zurückziehen. Stattdessen spielt nahezu der gesamte Film in einer einzigen Halle, mehr als ein Kreis von Stühlen ist beim per Crowdfunding produzierten Werk nicht rausgesprungen.

Ist das schon alles?
Hört sich nicht sehr spannend an, ist es auch nur zum Teil. Über längere Strecken erinnert Occult Bolshevism mehr an ein Lagerfeuer vom Pfadfinderausflug, um das sich alle versammelt haben und Gruselgeschichten erzählen. Visualisiert werden diese Geschichten nicht, Takahashi überlässt es dem Publikum, daraus etwas zu machen. Wären diese Anekdoten interessant, das Experiment hätte funktionieren können. Aber wenn beispielsweise eine dieser Erzählungen damit endet, dass sie nicht aufgelöst wird, weil die betreffende Person für ihre Begegnung keine Worte findet, dann ist das schon sehr billig. Selbst ohne Budget lässt sich aus einer solchen Situation mehr herausholen, ein bisschen Kreativität vorausgesetzt. Die fehlt aber auch in den eigentlichen Horrormomenten: Ein eigenartiges Lachen, ausfallende Lichter, das hat nicht einmal Do-it-yourself-Charme.

Und doch, Occult Bolshevism hat seine Momente. Von Anfang an ist da diese leicht unwirkliche Atmosphäre. Eine Fabrikhalle, in der große Bilder von Stalin und Lenin aufgehängt wurden, und das bei einem japanischen Film? Auch die Musik und spätere Farbverfremdungen tragen dazu bei, dass der Beitrag vom Nippon Connection Filmfest 2018 sonderbar, manchmal regelrecht bizarr ist. Zumindest zum Schluss zeigt sich zudem, dass Takahashi ein bisschen mehr mit seiner Geschichte wollte. Für eine Renaissance des J-Horrors wird das aber nicht reichen, dafür hat es sich der Veteran insgesamt dann doch zu leicht mit allem gemacht.



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Occult Bolshevism
Lasst uns gruselige Geschichten erzählen, um so die Geister zu wecken! „Occult Bolshevism“ benutzt auch aus Budgetgründen sein sehr begrenztes Setting, um dem altehrwürdigen japanischen Horror neue Seiten zu entlocken. Teilweise ist das gelungen, die Atmosphäre reicht von unwirklich bis bizarr. Insgesamt macht es sich der Film aber zu leicht, bietet gerade in den Erzählrunden zu wenig, um Spannung zu erzeugen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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