(OT: „Die Vierhändige“, Regie: Oliver Kienle, Deutschland, 2017)

Die Vierhaendige

„Die Vierhändige“ läuft ab 30. November 2017 im Kino

Es war eine glückliche Kindheit für Jessica und Sophia. Bis zu jenem Tag, als Leute bei den zwei Mädchen einbrechen und vor ihren Augen die Eltern ermorden. Jessica versprach damals, auf ihre kleine Schwester aufpassen zu wollen. Jetzt ist sie 27 (Friederike Becht) und nimmt das Versprechen so ernst wie eh und je, sehr zum Leidwesen der 25-jährigen Sophie (Frida Lovisa Hamann), die lieber nach vorne schauen würde und sich auf ein wichtiges Vorspielen freut. Da platzt die Nachricht ins Haus, dass die beiden Täter von damals wieder freikommen. Für Jessica ist dies ein Desaster. Als die zwei sich deswegen in die Haare kriegen, kommt es zu einem folgenschweren Unfall.

Sieben Jahre sind vergangen, seitdem sein Spielfilmdebüt Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung in die Kinos kam, eine lange Zeit. Ganz untätig war Oliver Kienle seither nicht, er inszenierte eine Folge vom Tatort, schrieb das Drehbuch für den TV-Thriller Auf kurze Distanz. Nun ist er zurück auf den deutschen Leinwänden und bleibt erneut den düsteren Stoffen treu. Genauer beschert er uns ein Subgenre, das man hierzulande eher selten im Kino zu sehen bekommt, schon gar nicht aus deutscher Produktion: den Psycho-Thriller. Ein Subgenre, das bösen Zungen zufolge in Deutschland schon aus Prinzip nicht funktionieren kann.

Schön schauriger Genrebeitrag
Dass es das sehr wohl tut, beweist Die Vierhändige schon in den ersten Minuten. Ein großes, etwas düsteres Familienhaus, nicht unbedingt zentral, das schreit geradezu nach miesen Meuchelmorden. Das Verbrechen an sich wird zwar nur knapp abgehandelt. Aber darum geht es ja auch nicht, sondern um die langfristigen Auswirkungen dieser fatalen Nacht. Und die sind fast genauso schrecklich. Zwei Schwestern stehen im Mittelpunkt, untrennbar miteinander vereint, und doch nicht zu vereinbaren. Die eine will den Neuanfang, die andere sieht sich an ein Versprechen gebunden, viele Jahre später. Die Vierhändige hat Kienle seinen Film genannt und damit ein sehr schönes Bild für das gefunden, was passieren wird.

Vieles davon folgt letztendlich doch bekannten Bahnen. Gerade die amouröse Komponente, die durch die Krankenhausbekanntschaft Martin (Christoph Letkowski) ins Spiel kommt, verlässt sich rasch auf das Bewährte. Andererseits verdanken wir ihr einige der schockierendsten Momente, wenn sich die Widersprüche der Schwestern gewaltsam einen Weg nach außen suchen. Und auch die Mörder von einst, die gleich zweimal zum Katalysator werden, werden bei der taumelnden Jagd durch die Nacht noch eine überraschende Rolle spielen.

Starker Mittelpunkt
Letzten Endes fällt Die Vierhändige dann aber doch immer wieder auf die beiden jungen Frauen zurück und ihre ungewöhnliche Verbundenheit. Andere Menschen gibt es, sie werden sich aber zu keiner Zeit etablieren können. Sie sind nur ein Anlass, um den psychischen Riss der Schwestern weiter hervorzuheben. Das ist Teil Thriller, der Gewalt und der Bedrohung wegen. Aber auch Drama: Der Film handelt schließlich davon, wie traumatische Erfahrungen andauern und beinträchtigen können, lange Zeit später. Das glückt auch der beiden Hauptdarstellerinnen sei Dank gut, die das traurige Geschehen mit so viel Energie ausfüllen, dass diverse Konventionen nebensächlich werden. Wer also mal wieder an seinen Vorurteilen gegenüber dem deutschen Film arbeiten will, findet hier mehr als passendes Material.

Die Vierhändige
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Die Vierhändige
Zwei Schwestern, die durch eine traumatische Erfahrung vereint sind, müssen sich ihrer Vergangenheit stellen. Das ist teils Drama, teils aber auch Psychothriller, wenn zwei verschmelzen, die nicht zusammengehören. Einiges davon ist konventionell gelöst, anderes origineller. Insgesamt ist „Die Vierhändige“ vor allem auch der energiegeladenen Performances wegen sehenswert.
7von 10

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