(OT: „Taeksi Unjeonsa“, Regie: Hoon Jang, Südkorea, 2017)

A Taxi Driver

„A Taxi Driver“ läuft im Rahmen des 6. Korean Film Festivals Project K (18. bis 22. Oktober 2017)

Es läuft nicht wirklich gut für Man-seob Kim (Kang-ho Song). Noch immer leidet er unter dem Tod seiner Frau, seine Einnahmen als Taxifahrer reichen hinten und vorne nicht aus. Aktuell schuldet er seinem Vermieter vier Monatsmieten. Wenn er die nicht aufbringt, heißt es, sich eine neue Bleibe suchen zu müssen. Aber wo wollen er und seine 11-jährige Tochter schon hin? Da trifft es sich sehr gut, als er von einem Deutschen (Thomas Kretschmann) erfährt, der eine astronomische Summe dafür bezahlen will, wenn ihn jemand von Seoul nach Gwangju bringt. Ein Kinderspiel. So dachte Kim zumindest. Was der nicht ahnt: In der südwestlichen Stadt ist gerade die Hölle los. Ein Studentenaufstand gegen die neue Regierung wird von Armee und Polizei blutig niedergeschlagen, niemand darf mehr hinein oder hinaus. Doch erst einmal dort angekommen, ist es für den Taxifahrer zu spät, um noch umzukehren – zumal er dringend das Geld braucht.

So sehr sind wir es inzwischen gewohnt, aus Südkorea vorrangig Thriller zu sehen, dass man dabei fast vergisst: Es gibt ja auch ganz andere Genres dort! Dabei hätte sich A Taxi Driver eigentlich ebenfalls dafür angeboten. Wie viele Menschen genau damals beim Gwangju-Massaker umgekommen sind, werden wir wohl nie erfahren. Schätzungen sprechen jedoch von 600 Leuten, die zwischen dem 18. und 27. Mai 1980 getötet wurden, als eine Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde. Während aber über das chinesische Pendant 1989 noch immer nicht gesprochen werden darf, ist die Aufarbeitung in Südkorea so weit fortgeschritten, dass selbst das Mainstreamkino darüber berichtet. Und Mainstream ist A Taxi Driver definitiv: Über 12 Millionen Besucher hat das Drama seit seinem Kinostart Anfang August angezogen, was es daheim zum mit Abstand erfolgreichsten Film des Jahres macht.

Von allem ein bisschen
Das liegt sicher auch daran, dass es hier für so ziemlich jeden Zuschauer etwas zu holen gibt: Humor, Drama, Action, Spannung, und auch ein bisschen was fürs Herz. Schließlich ist Kim ein armer Tropf, den der Tod seiner Frau völlig aus der Bahn geworfen hat und der hier zum Helden des Volkes werden darf. Wer mag dazu schon wirklich nein sagen? Umso mehr, da Kang-ho Song (The Age of Shadows, Durst) die Figur als Mann von der Straße verkörpert. Er ist kein Vorbild, aber auch nicht wirklich schlecht. Jemand, der sich irgendwie so durchs Leben kämpft, der alles für seine Tochter tun würde und doch nichts auf die Reihe bekommt. Sprich: jemand, mit dem sich viele identifizieren können. Song ist es auch, der das Geschehen zumindest am Anfang immer wieder auflockert, als tollpatschiges, etwas weltfremdes Comic Relief für das, was sich da draußen tatsächlich abspielt.

Ansonsten sind die Figuren nicht allzu differenziert gezeichnet. Kretschmann spielt den auf dem inzwischen verstorbenen Jürgen Hinzpeter basierenden deutschen Reporter zwar mit viel Souveränität und Würde. Abseits von dessen furchtlosem Arbeitseifer bekommen wir jedoch nichts mit. Und auch die Gegenseite darf in erster Linie auf wehrlose Passanten schießen, ohne dass dabei etwas Persönlichkeit zum Vorschein käme. Um Subtilität geht es in dem Film aber so oder so nicht. A Taxi Driver will richtig auftrumpfen, anfangs bei den komischen Szenen, wenn Kim unbekümmert ins Unglück fährt. Später bei den emotionalen, wenn das Publikum durch die Mangel genommen werden soll. Denn bewegend ist es schon, wie hier Unschuldige abgeschlachtet werden, selbst eine weiße Fahne zu einer Zielscheibe degradiert wird.

Ein Ende ohne viel Zurückhaltung
Beides funktioniert sehr gut: Durch den starken Kontrast von alltäglichen Momenten und brutalen Zwischenfällen nimmt uns Regisseur Hoon Jang mit auf eine Tour de Force, der man sich nur schwer entziehen kann. Man ist empört, drückt die Daumen, hofft, dass der Albtraum bald vorbei ist. Zum Ende hin neigt der südkoreanische Filmemacher dann aber doch zur Übertreibung. Und zur ungenierten Manipulation. Untermalt mit besonders dramatischer Musik werden die beabsichtigten Gefühle ins Publikum geprügelt, damit ja kein Anwesender ohne diese nach Hause geht. Und auch das in die Länge gezogene Finale ist so over the top, dass die reale Geschichte unnötig entwertet wird. Fast schon zur Hollywood-Farce wird. Aber ein Dokumentarfilm soll A Taxi Driver eben nicht sein, sondern wichtige Erinnerung mit Unterhaltung kombinieren. Katharsis mit Herzschmerz. Wer mit der fernöstlichen Neigung zum Melodram umgehen kann, den erwartet hier dann auch eine spannende Geschichtsstunde. Ein regulärer Kinostart ist derzeit leider nicht in Planung. Besucher des Koreanischen Filmfests Project K in Frankfurt a. M. dürfen das Drama jedoch als Eröffnungsfilm am 18. Oktober 2017 sehen – in Anwesenheit von Regisseur Jang und Hauptdarsteller Kretschmann.

A Taxi Driver
4 (80%) 12 Artikel bewerten

A Taxi Driver
„A Taxi Driver“ nimmt sich der blutigen Niederschlagung eines Studentenaufstands 1980 vor und macht daraus einen unterhaltsamen Film, der Humor, Drama und Spannung vereint. Vor allem Hauptdarsteller Kang-ho Song brilliert als Alltagsheld wider Willen. Mit dem Hang zum Melodram muss man sich jedoch arrangieren können, gerade zum Ende hin wird es schon sehr over the top.
7von 10

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2 Responses

  1. Werner

    Ich sah den Film anläßlich des Korean Filmfestivals in Frankfurt. Ein ausgezeichneter Film. Er wurde gedreht nach den Berichten und dem noch vorhanden Filmmaterial des deutschen Kameramanns Jürgen Hinzpeter. Dieser war im Mai 1980 vom ARD/NDR-Studio Tokio aus nach Seoul geflogen, wo er sich ein Taxi nahm,
    das ihn nach Gwangju brachte. Jürgen Hinzpeter filmte unter Lebensgefahr Aufstand und Massaker in Gwangju. Mit seinen Veröffentlichungen war er der einzige, der die Welt über das unsägliche Massaker informierte. Einige Szenen im Film entsprechen dem damaligen wirklichen Geschehenen wie z.B. die Lüge am Kontrollpunkt Gwangju, als er vorgibt als Geschäftsmann unbedingt in die Stadt fahren zu müssen. Auch die Geschichte mit der Keksdose ist wahr – die Filme entgingen so der Flughafenkontrolle in Seoul. Vielleicht hätte man originale Filmsequenzen vom Mai 1980 mit in den Film einfließen lassen können! Aber auch ohne das Original-Filmmaterial hat mich der Film schwer beeindruckt. Sehr sehenswert und mit dem „Drumherum“ um das wahrlich brutale Geschehen gut zu ertragen. Hervorragende Regie und gute Schauspieler – reif für einen OSKAR!
    Millionen Koreaner sahen den Film bereits.
    In Australien läuft er in den Kinos – wann kommt der Film in die deutschen Kinos?

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    • Oliver Armknecht

      Ja, der Film ist auf jeden Fall sehenswert. Ein deutscher Kinostart ist derzeit aber nicht angekündigt und leider auch nicht sehr wahrscheinlich. Die meisten südkoreanischen Filme, die hierzulande erscheinen, sind aus dem Thrillerbereich und werden auch nur auf DVD veröffentlicht. Und selbst die sind eher selten. The Wailing – Die Besessenen ist derzeit die große Ausnahme, weil der tatsächlich regulär im Kino startet. Der ist zwar ebenfalls sehr gut, aber eben wieder ein Thriller (bzw. Horror). Da müsste insgesamt noch mehr geschehen.

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