Schneefloeckchen
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Schneeflöckchen

(OT: „Schneeflöckchen“, Regie: Adolfo Kolmerer/William James, Deutschland, 2017)

Schneefloeckchen
„Schneeflöckchen“ läuft im Rahmen des 31. Fantasy Filmfests (6. September bis 1. Oktober 2017)

Es gibt Dinge, die darf es einfach nicht geben. Okay, so richtig schön war es nicht, was Tan (Erkan Acar) und Javid (Reza Brojerdi) da angestellt haben. Eigentlich wollten sie nur mal so richtig gut Döner essen gehen. Stattdessen war der Fraß ungenießbar, fast jeder im Laden ist am Ende einer spontanen Schießerei zum Opfer gefallen. Kann passieren. Als sie jedoch feststellen, dass die komplette Szene aus einem Drehbuch des Zahnarztes und Hobbyautoren Arend (Alexander Schubert) stammt, da hört der Spaß aber auf. Wer lässt sich schon gern vorschreiben, was man als nächstes tut? Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, ist ihnen auch noch Eliana (Xenia Assenza) mit ihrer Armee aus Auftragskillern auf den Fersen. Schließlich sind ihre Eltern bei eben jenem Dönervorfall ums Leben gekommen, was dringend gesühnt werden muss.

Wer auf der großen Leinwand mal deutsche Filme sehen will, die so gar nicht in die Schublade passen, für den war 2017 ein ganz ergiebiges Jahr. Gleich mehrere Genrebeiträge tummelten sich da, die man in der Form selten bis nie zu sehen bekommt. Da war der selbstironische Martial-Arts-Kracher Plan B – Scheiß auf Plan A. Da war der bizarre Endzeit-Flüchtlingsthriller Immigration Game. Oder auch die düsteren Dystopien Volt und Stille Reserven.

Abwegig und manchmal blutig
Ein regulärer Kinostart ist Schneeflöckchen bislang zwar nicht vergönnt. Dafür tourt der Film jedoch ab nächster Woche im Rahmen des berühmt-berüchtigten Fantasy Filmfests durchs Land. Kein schlechtes Umfeld: Das Publikum dort ist abwegige Konzepte gewohnt, schätzt diese – manchmal zumindest. Und wenn dann noch kräftig Blut fließt, umso besser. Ganz so viel geschnetzelt wie bei anderen Vertretern wird hier zwar nicht, aber das eine oder andere Körperteil muss schon dran glauben. Der dazugehörige Mensch gleich mit.

Es ist jedoch weniger die reine Ansammlung gewaltbereiter Menschen,die Schneeflöckchen zu dem macht, was es ist. Vielmehr trägt die Fülle sonderbarer, komischer bis grotesker Ideen dazu bei, dass man den Film so schnell nicht wieder vergisst. Da wäre zum einen der Einfall des Drehbuchs des nicht gedrehten Films, der die Geschichte der Realität vorgibt. Oder so ähnlich. Das führt nicht nur dazu, dass es zu ständigen Dopplungen kommt – etwa wenn Tan und Arend in besagtem Buch lesen. Auch für gelegentliche Ausflüge auf eine Metaebene ist das Szenario gut.

Nicht ganz verrückt, aber auch nicht normal
Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Kunst des Drehbuchschreibens bzw. des Filmemachens hatte Autor Arend Remmers (Unsere Zeit ist jetzt) aber offensichtlich gar nicht vor. Auch der Mindfuck-Faktor hält sich eher in Grenzen: Nach der überraschenden Enthüllung, dass die zwei Jungs nicht ganz freiwillig so einen Mist bauen, und wenn die nicht-chronologische Erzählung zum Punkt kommt, geht die Handlung relativ gradlinig weiter. Was nicht behaupten soll, Schneeflöckchen würde im Anschluss ein „normaler“ Film. Denn auch wenn die Sprunghaftigkeit mit der Zeit nachlässt, sonderbare Ereignisse sind bis zum Schluss dabei.

Das betrifft das titelgebende Schneeflöcken, die später zur Truppe hinzustößt. Aber auch andere Figuren mit eigenartigen Absichten oder auch eigenartigen Fähigkeiten sorgen dafür, dass der eigenwillige Genremix nie wirklich austauschbar wird. Dass die Förderungsanstalten da nicht unbedingt Schlange standen und das Budget entsprechend gering war, ist verständlich. Dass das Setting entsprechend kleiner und billiger sein musste ebenso. Aber es trägt eben auch zu dem Charme bei. Selbst wer mit dem geballten Blödsinn nichts anfangen kann, sich auch an den Längen stört, die zwischenzeitlich hin und wieder auftreten: Schneeflöckchen ist eine sympathische Abkehr von dem, was wir aus dem deutschen Kino gewohnt sind. Ein Film, der in erster Linie sich selbst Spaß machen will, anstatt ängstlich darauf zu achten, was vielleicht das Publikum da draußen will. Und dafür darf man eigentlich fast immer dankbar sein.



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Ein Drehbuch, das sich selbst schreibt, viele gewaltbereite Menschen, dazu diverse bizarre Einfälle: „Schneeflöckchen“ ist sicher eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Filmlandschaft. Nicht alles, das anders ist, ist auch gut. So kämpft der Film zwischenzeitlich mit Längen, andere Elemente hätten dafür stärker ausgebaut werden dürfen. Sympathisch ist die kuriose Mischung aus Action, Thriller und Komödie aber auf jeden Fall.
6
von 10