Volt
© Farbfilm

Volt

(„Volt“ directed by Tarek Ehlail, 2016)

„Volt“ läuft ab 2. Februar 2017 im Kino

Landesgrenzen? Die gehören in der Zukunft längst der Vergangenheit an. Grenzen als solche gibt es zwar noch, die dienen aber mehr dazu, abgeschobene und flüchtige Menschen vom Rest fernzuhalten. Die Polizei hat die undankbare Aufgabe, diese Übergangszonen zu sichern, in denen Gewalt, Armut und Frust das Leben bestimmen. Volt (Benno Fürmann) ist einer dieser Polizisten und tötet während eines Einsatzes im Affekt einen der Flüchtlinge. Für Polizei und Politik ist der Zwischenfall ein Supergau, ist die Stimmung doch auch so schon aufgeheizt genug. Vor allem aber Volt selbst hat mit den Folgen zu kämpfen, muss sich unangenehme Fragen des internen Ermittlers Hassan-Zedah (Kida Khodr Ramadan) gefallen lassen. Und dann wäre da noch LaBlanche (Ayo), die Schwester des Getöteten, in die sich der Polizist später verliebt – ohne ihr zu sagen, dass er Schuld an dem Tod hat.

„Wir schaffen das“, ließ uns Angela Merkel zum Anfang der Flüchtlingskrise wissen. „Wir schaffen das“, betonte auch der nach einem satirischen Beginn in Wohlfühlszenarien badende Willkommen bei den Hartmanns. Regisseur und Drehbuchautor Tarek Ehlail ist da offensichtlich deutlich skeptischer. Richtig nihilistisch ist sein Volt geworden. Hier gibt es keine Durchhalteparolen, keine aufmunternden Feel-Good-Momente. Und auch keine Sexsymbole, die das weibliche Publikum in die Kinos locken soll. Eigentlich ist in diesem Umfeld keiner wirklich attraktiv. Oder auch menschlich: Der tägliche Kampf mit sich und anderen hat die Menschen hier zu Zynikern und Brutalos werden lassen. Ein bisschen soll das hier durch die Figur des Volt aufgelöst werden, der gerade auch im Kontrast mit seinem Kollegen Torsun (Sascha Alexander Gersak) etwas reflektierter und empathischer wirkt. Einer, dem das Töten des Flüchtlings nähergeht, als es ihm in diesem Umfeld sollte.

Der Umgang mit dieser Schuld und die Selbstzweifel sind es dann auch, die Volt ein dramaturgisches Gerüst geben, wo die Sprache versagt. Und das tut sie hier oft. Richtige Dialoge sind selten, da wird geschrien, beschimpft, geflucht, als wäre auch Kommunikation nur dazu da, das letzte bisschen Rest Menschheit kaputtzuhauen. Eine wirkliche Geschichte ist mit dem dystopischen Thriller dann auch nicht verknüpft. Eigentlich streift Volt nach seiner Tat nur durch die Gegend, versucht wortlos mit sich und seinen Gefühlen ins Reine zu kommen – so wie denen LaBlanche gegenüber. Zu einem richtigen Charakter wird er dadurch aber nicht, der Zwiespalt ist das einzige, was Ehlail ihm wirklich als Eigenschaft zukommen lässt. Über den Rest erfährt man noch weniger: Polizisten wie Flüchtlinge sind einfach nur da, bleiben genauso in den Schatten wie die Gebäude. Weit entfernt von Normalität und Alltag.

Ein Großteil des Films spielt dann auch in verlassenen, abbruchreifen Hallen. Selbst die gelegentlichen Bilder aus Volts Wohnung lassen einen daran zweifeln, ob es in der Welt der Zukunft noch ein Miteinander gibt. Hier liegt nichts herum, was auf eine Persönlichkeit, ein echtes Leben schließen lässt. Und das Licht ist so dreckig, als hätte man es längst entsorgen müssen. Atmosphärisch ist das stark, die Auswirkungen einer längst auseinandergebrochenen Gesellschaft sind in jeder Einstellung zu spüren. Inhaltlich hätte da aber noch ein bisschen mehr passieren dürfen, der dystopische Thriller versteift sich so sehr auf seine bedrückende Stimmung, dass für Charaktere, Handlung oder Zwischentöne nicht viel Raum bleibt. Volt ist mehr Aussage denn Frage, regt nicht unbedingt zu einer Auseinandersetzung an. Stattdessen gibt es hier nur Resignation, ein Schulterzucken, bevor es weiter geht. Der nächste Tag beginnt. Der nächste Mensch wird getötet. Und nichts davon spielt eine Rolle mehr.



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Mit düster-dreckigen Bildern entwirft „Volt“ die bedrückende Vision einer Zukunft, in der Gewalt an der Tagesordnung ist und sich schon lange keiner mehr um eine Gemeinschaft kümmert. Atmosphärisch ist das stark, weder bei der Geschichte noch den Figuren hat der dystopische Thriller aber etwas wirklich Interessantes zu erzählen.
5
von 10