(OT: „Tragedy Girls“, Regie: Tyler MacIntyre, USA, 2017)

Tragedy Girls

„Tragedy Girls“ läuft im Rahmen des 31. Fantasy Filmfests (6. September bis 1. Oktober 2017)

Irgendwie ist in dem Kaff doch nie was los. Und das ist für Sadie Cunningham (Brianna Hildebrand) und McKayla Hooper (Alexandra Shipp) ziemlich schlimm. Worüber sollen sie denn bloggen, wenn nichts passiert? Schön, es gibt da diesen Serienmörder (Kevin Durand), der sein Unwesen treibt. Aber der tritt viel zu selten in Erscheinung, als dass die beiden Mädels richtig davon profitieren könnten. Also tun sie, was Frau tun muss: Die entführen den Massenmörder einfachen und wollen ihn zwingen, sie ihrerseits das Morden zu lehren. Denn dann hätten sie immer genug Stoff, über den sie schreiben können. Was sich in der Theorie so einfach anhörte, ist es in der Praxis jedoch nicht. Zumal die beiden sich immer wieder in die Haare bekommen, weil Sadie in ihren Mitschüler Jordan (Jack Quaid) verknallt ist – ausgerechnet der Sohn des örtlichen Polizeichefs.

Nicht ohne mein Smartphone! Dass die Jugendlichen von heute ohne ihr digitales Zweitleben nicht mehr auskommen, sich alles nur noch um virtuelle Bewunderung dreht, darüber haben sich auch andere Filmemacher lustig gemacht. Kevin Smith beispielsweise, der in dem wenig komischen Yoga Hosers immerhin dafür ein paar Lacher bekam. Regisseur und Co-Autor Tyler MacIntyre geht bei seinem zweiten Spielfilm aber noch ein gehöriges Stück darüber hinaus. In Tragedy Girls ist diese Sucht nicht nur eine Begleiterscheinung, die in ein paar Zwischengags thematisiert wird. Hier steht sie am Anfang, ist die Quelle allen Übels.

Aus dem realen Leben überzogener Figuren
Bemerkenswert ist dabei, wie vergleichsweise natürlich das alles wirkt. Selbstredend ist die Horrorkomödie völlig over the top, auch die größte Drama Queen würde kaum zum Messer greifen, um sich etwas Aufmerksamkeit zu erschlitzen. Doch hinter der schrill-blutigen Fassade erzählt MacIntyre von typischen Themen, die einen als Teenager begleiten. Der Wunsch nach Anerkennung, die Unsicherheit, Eifersucht. Wenn Sadie und McKayla versuchen, in einem sich verändernden Umfeld ihre Freundschaft zu definieren und festzuhalten, dann sind das reale Erfahrungen, wie sie die meisten wohl früher oder später in ihrem Leben machen.

Vielleicht liegt es aber auch an Whelan und Hildebrand, die mit einer derart umwerfenden Verve in ihre Rollen schlüpfen, dass man ihnen fast alles abnimmt. Ob sie streiten oder sich gegenseitig ermuntern, träumen oder abschlachten, es ist eine Freude, ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Dass sie dabei wie harmlose Schulmädchen wirken, gibt Tragedy Girls erst seinen besonderen Reiz: Vergleichbar zu Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht?, wo sich eine adrette Vorzeigemutter als psychopathische Mörderin entpuppt, wird hier viel mit dem Kontrast zwischen Außenwahrnehmung und innerer Natur gespielt.

Ein blutgefärbtes Bonbon
Glücklicherweise verzichtet MacIntyre aber darauf, den gesamten Film nur darauf aufbauen zu wollen. So witzig – und erschreckend – die Vorstellung lächelnd mordender Mädels ist, als Stoff selbst ist das ziemlich dünn. Und so baute er noch das eine oder andere Bonbon ein. Manches davon ist rein audiovisueller Natur. Da fliegen Twitter-Herzen durch die Gegend, die Musik ändert sich in bestimmten Situationen abrupt, stilistisch passiert eine Menge in Tragedy Girls. Es darf aber auch bös absurd werden, wenn die zwei ihre Taten schön in Szene setzen, damit auch ja jeder mitbekommt, dass es sich um einen Mord handelt. Sonst folgt ihnen ja keiner in den sozialen Netzwerken, die ganze Arbeit wäre umsonst.

Die Geschichte selbst ist dabei ziemlich zu vernachlässigen. Richtig viel Sinn ergibt das alles nicht, das Szenario dient einfach nur dazu, die Morde zeigen zu dürfen – je skurriler und blutiger, umso besser. Aber das ist nicht weiter tragisch, dafür stimmt der Unterhaltungsfaktor. Bedauerlich ist an der Stelle nur, wie unwichtig die Rahmenhandlung um den echten Serienkiller geworden ist. Über weite Strecken vergisst der Film völlig, dass da ja noch ein anderer Psychopath sein Unwesen treibt. Aber auch wenn es manchmal etwas holpert und stolpert, Spaß macht der Beitrag vom Fantasy Filmfest 2017. Sympathisch ist zudem, dass anders als beim oft als Vergleich herbeigezogenen Scream nicht ständig auf das eigene Genre verwiesen werden muss. Die eine oder andere Anspielung gibt es natürlich. Insgesamt wählt die Horrorkomödie aber einen recht eigenständigen Weg und gehört auch deshalb zu den positiveren Überraschungen des Filmfests.

Tragedy Girls
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Tragedy Girls
Zwei Schulmädchen werden zu Mörderinnen, damit ihr Blog mehr Besucher bekommt – das ist so absurd wie böse. Das ist auch der wunderbar aufspielenden Hauptdarstellerinnen wegen ein großer Spaß, stilistisch glänzt „Tragedy Girls“ ebenfalls. Die Geschichte kann dabei aber nicht mithalten, kann man kaum als solche bezeichnen.
7von 10

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