(OT: „The Spider’s Web“, Regie: Godfrey Grayson, UK, 1960)

Das Spinngewebe

„Das Spinngewebe“ ist seit 17. Juli 2017 auf DVD erhältlich

Sonderlich glücklich ist Clarissa (Glynis Johns) ja nicht darüber, als sie über die Leiche stolpert. Nicht dass ihr an dem Mann viel gelegen hätte. Oliver (Ferdy Mayne) war ein widerlicher Mensch, der ihr drohte, Stieftochter Pippa (Wendy Turner) wegzunehmen. Aber ein Toter in ihrem Wohnzimmer? Das ist unglücklich, zumal ihr Mann Henry (John Justin) heute Abend wichtigen Besuch erhält. Und in Diplomatenkreisen ist eine Leiche im eigenen Haus eher weniger günstig. Zu viele unangenehme Fragen. Also tut Clarissa, was sie tun muss: Sie ruft Sir Rowland (Jack Hulbert) an und bittet ihn sowie zwei weitere Freunde, gemeinsam die Spuren zu beseitigen. Und vielleicht hätte das Vorhaben sogar geklappt, stünde da nicht auf einmal die Polizei vor der Tür.

Auch wenn wir Agatha Christie in erster Linie für ihre Romane und Kurzgeschichten kennen, so hat sie sich doch auch erfolgreich an eine Theaterkarriere gewagt. „Die Mäusefalle“ ist das langlebigste Stück aller Zeiten, auch Adaptionen von Romanen wie „Und dann gab’s keines mehr“ waren gut besucht. Etwas weniger bekannt ist „Das Spinngewebe“, welches sie 1954 auf Wunsch der Schauspielerin Margaret Lockwood geschrieben hat und das im Laufe der Zeit dreimal verfilmt wurde – darunter eine Fassung von 1955 fürs Fernsehen, in der auch Lockwood wieder zu sehen war.

Mordsgeschichte auf engem Raum
Bei der kürzlich auf Deutsch erschienenen Version von 1960 schlüpfte zwar Glynis Johns in die Rolle der Hausdame, die Theaterwurzeln sind aber kaum zu übersehen. Der komplette Film spielt innerhalb des Anwesens der Eheleute Hailsham-Brown, ein Großteil davon im Wohnzimmer, wo auch besagte Leiche auftauchte. Mit den exotischen Kulissen anderer Christie-Verfilmungen – etwa Tod auf dem Nil oder Karibische Affäre – kann es Das Spinngewebe daher zwangsläufig nicht aufnehmen. Die visuelle Abwechslung hält sich in Grenzen.

Aber ein reduzierter Schauplatz muss ja nicht zwangsweise von Nachteil sein. Der Reiz von Zehn kleine Negerlein lag ja sogar genau darin, dass die Protagonisten auf engem Raum mit einem unbekannten Mörder hausten und nicht mehr hinauskonnten. Ausgeliefert und klaustrophobisch – eine gemeine Mischung. Bei Das Spinnengewebe ist das ein wenig anders. Wo auf den ersten Mord meist weitere folgen, man nie sagen kann, wen es als nächstes erwischen wird, ist das hier kein Thema. So wie der Mord allgemein erstaunlich unwichtig ist. Man nimmt hier nichts so wirklich ernst.

Spurensuche? Nebensache
Ein bisschen stutzig ist Clarissa natürlich schon, als der Tote auftaucht. Verängstigt ist sie deswegen aber nicht. Da sie zudem bereits zu wissen glaubt, wer für den Mord verantwortlich war, hat sie auch kein Interesse daran, den Täter zu finden. Ausgerechnet die Spurensuche, das Herzstück einer Christie-Geschichte, wird dabei zur Nebensache. Stattdessen erzählt Das Spinnengewebe in erster Linie, wie Clarissa auf immer abenteuerlichere Weise versucht, die Leiche zu entsorgen – Immer Ärger mit Harry lässt grüßen.

Damit einher geht auch ein Stimmungsumschwung: Spannung ist eher weniger angesagt, Lachen dafür umso mehr. Gerade die chaotischen Aktionen der vier und die absurden Lügen von Clarissa sorgen dafür, dass Das Spinngewebe stärker in Richtung Komödie denn Krimi geht. Das traf auch auf andere Adaptionen zu, gerade in den 60ern: Der Wachsblumenstrauß oder Die Morde des Herrn ABC nahmen das mörderische Treiben immer mit Humor. Die Mischung funktionierte dort aber besser, da trotz der zum Schmunzeln anregenden Situationen dahinter ein kniffliger Fall steckte – die Witze waren reiner Bonus. Hier fehlt ein solcher empfehlenswerter Kern. Die Auflösung ist überhastet, es gibt keine Vielzahl an Verdächtigen, so richtig viel Sinn ergibt das Ganze ohnehin nicht. Wer also die eigenen grauen Zellen fordern möchte, der sollte sich lieber bei den vielen anderen Christie-Filmen umschauen. Als humorvolle Alternative ist das muntere Treiben bei den Hailsham-Browns aber sehr wohl anzuschauen, ein amüsanter Zeitvertreib, der auch von seinen gut aufgelegten Darstellern lebt.

Das Spinngewebe
4 (80%) 22 Artikel bewerten

Das Spinngewebe
Oh Schreck, die Leiche muss weg! Auch wenn „Das Spinngewebe“ auf einem Theaterstück von Agatha Christie basiert, so ist hier weniger Rätselknacken und Spurensuchen angesagt. Stattdessen ist die Geschichte um einen unliebsamen Toten oft eher Komödie als Krimi, die trotz des dünnen Inhalts Spaß macht.
6von 10

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