(OT: „L’inclinaison des chapeaux“, Regie: Antonin Schopfer/Thomas Szczepanski, Schweiz/Frankreich, 2016)

The Naked Hats

„The Naked Hats“ läuft im Rahmen des 11. Internationalen Fünf Seen Filmfestivals (27.7. bis 5.8.2017)

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, heißt es immer wieder gern. Aber schreiben die schönsten Geschichten dann auch das Leben? Nein, einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. Ebenso wenig wie die Frage, was The Naked Hats eigentlich ist oder sein soll. Die Geschichte selbst ist dabei einfach: Antonin Schopfer plant, seinen Vater Michel zu besuchen, den er seit 15 Jahren nicht gesehen hat. Sein Freund und Kollege Thomas Szczepanski will dieses Wiedersehen mit der Kamera begleiten, um daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Ob man einen derart persönlichen Moment ausschlachten sollte, sei mal dahingestellt. Wichtiger noch ist: Ist das denn auch real?

Aber vielleicht ist das am Ende gar nicht wichtig. Vielleicht wollen Schopfer und Szczepanski gar nicht die Realität zeigen. Oder: Sie stellen infrage, was Realität überhaupt ist. Zumindest im filmischen Zusammenhang. Zu einem gewissen Grad wollen die meisten Filme ja real sein oder uns zumindest glauben lassen, sie wären real – sonst wäre ein Mitfiebern schwer möglich. Bei Dokumentarfilmen ist das aber noch einmal besonders stark ausgeprägt. Schon die Bezeichnung des Genres besagt, dass hier lediglich dokumentiert werden soll, ein Abbild von dem, was da draußen ist. Ohne Beschönigung. Ohne Auslassung. Ohne jegliche Einmischung der Filmenden.

Neutral? Gibt’s nicht
Dass dies eine Illusion, teilweise sogar eine recht dreiste Lüge ist, das haben genügend Vertreter gezeigt. Manche bedienen sich bei der Inszenierung der Stilmittel des Spielfilms (Above and Below), andere verfolgen so offensichtlich eine Agenda, dass man ihnen den Dokumentaranspruch nicht mehr abnimmt (Europa – Ein Kontinent als Beute, Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik). Gut möglich, dass die beiden Franzosen bzw. Schweizer genau das aufzeigen wollen: Nichts ist jemals rein Fakt, es braucht das Mittel der Fiktion, um etwas zu erzählen. Wenn beispielsweise Antonin und Thomas vor laufender Kamera darüber diskutieren, wie der schwimmende Michel am besten gefilmt werden soll, sie nach einem Ausschnitt suchen, der verbirgt, wie gut besucht der Fluss ist, dann entlarvt das, wie sehr auch die vermeintliche Realität eines Dokumentarfilms inszeniert ist. Ein Meta-Dokumentarfilm sozusagen.

Man könnte auch Mockumentary dazu sagen, wenn man denn wollte. Anders als etwa Mann beißt Hund, der ebenfalls den Rahmen eines Dokumentarfilms wählt, wird bei The Naked Hats aber nie klar, wo Schopfer und Szczepanski die Wirklichkeit verlassen. Nichts ist hier so übertrieben oder abwegig, dass es nicht real sein könnte. Tatsächlich würde man dem Film über weite Strecken abnehmen, dass er tatsächlich das ist, was er am Ende sein will: ein Dokumentarfilm über einen jungen Mann, der seinen entfremdeten Vater besucht. Absolut natürlich wirkt es, wie sich die beiden in die Haare bekommen, oft wegen absoluter Nichtigkeiten, jahrelange Verletzungen durch ein bloßes Lied wieder zum Vorschein kommen können.

Unterhaltsam und nachdenklich
Also doch „nur“ ein Dokumentarfilm? Sind die vermeintlichen Meta-Elemente reine Zufälle? Sind manche Szenen einfach deswegen komisch, weil Vater und Sohn solche Dickköpfe sind? Eine Antwort darauf wissen wohl nur sie selbst. Spaß macht The Naked Hats deshalb gleich auf zwei Arten: als Familiengeschichte der chaotisch-alltäglichen Art und als Denkanstoß, wie viel von dem, was wir täglich als real wahrnehmen am Ende real ist. Am Ende ist der Grenzgänger natürlich nicht mehr als eine kleine Spielerei. Aber doch eine, die es sich für Besucher des 11. Internationalen Fünf Seen Filmfestivals anzuschauen lohnt, wo der Film gezeigt wird.



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The Naked Hats
Ein Mann will seinen entfremdeten Vater besuchen und sich dabei auf Kamera festhalten. Eine einfache Sache. Gleichzeitig aber auch nicht: „The Naked Hats“ wandelt kontinuierlich an der Grenze zwischen Fakt und Fiktion, präsentiert sich in Form eines Dokumentarfilms, ohne aber zu sagen, wie viel denn real und was erfunden ist. Das ist als Denkanstoß ebenso lohnenswert wie als „normale“ Geschichte einer chaotischen Familienzusammenführung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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