(„The Frankenstein Chronicles – Season 1“ directed by Benjamin Ross, 2015)

The Frankenstein Chronicles Staffel 1Er hat im Krieg gekämpft, arbeitet seit Jahren für die Londoner Polizei. Doch in all der Zeit hat John Marlott (Sean Bean) noch keinen vergleichbar fürchterlichen Anblick ertragen: eine angeschwemmte Kinderleiche, die zuvor zerstückelt und anschließend wieder zusammengeflickt wurde. Aber die Wahrheit ist noch schlimmer, als es der erste Blick verrät. In Wahrheit handelt es sich nämlich nicht um eine Leiche, sondern um Körperteile von mindestens sieben Kindern, aus denen jemand einen Körper gemacht hat. Gemeinsam mit Nightingale (Richie Campbell) will er Licht in die dunklen Gassen bringen. Handelt es sich um einen Sabotageakt, um das geplante Anatomiegesetz zu verhindern? Oder war es doch das Werk eines Wahnsinnigen?

Anfang 2018 jährt sich die Erstveröffentlichung von Mary Shelleys Horrorklassiker „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ bereits zum 200. Mal. Doch trotz der gewaltigen technologischen Fortschritte seither – vielleicht auch gerade deswegen –, die Schreckensvision eines wiederbelebten Menschen lässt uns nicht los. Und auch nicht die Filmemacher. Von den USA (Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn) bis ins ferne Japan (The Empire of Corpses), der Strom an Filmen und Serien, die sich vom untoten Monster beeinflussen lassen, der will einfach nicht abreißen.

Bekanntes Material mit neuartigem Ansatz
Hier sind es mal wieder die Briten, die ihr nationales Schauerheiligtum auf den neuesten Stand bringen. Gewissermaßen. Genauer spielt die Serie The Frankenstein Chronicles im Jahr 1827, also einige Jahre nach der Buchveröffentlichung, einige Jahrzehnte nach der Handlung des Buches. Und das ist insofern wichtig, da Shelley selbst hier einen Auftritt hat, gespielt von Anna Maxwell Martin. Ihre literarische Schöpfung ist hingegen nirgends zu sehen. Eine Frankenstein-Geschichte ohne deren Titelhelden? Das ist sicher ein interessanter Ansatz. Inwiefern die Autorin mit den grausamen Vorgängen in den Londoner Straßen zusammenhängt, das lässt Regisseur und Co-Autor Benjamin Ross während der ersten Staffel aber erst einmal offen. Wie so vieles.

Tatsächlich merkt man seinem Geschöpf an, dass es sehr darauf bedacht war, mysteriös zu erscheinen. So finden sich nicht nur an jeder Ecke Abscheulichkeiten, sondern damit verbunden neue Rätsel. Und neue Verdächtige. Hat der Leichendieb Pritty (Charlie Creed-Miles) etwas mit der Sache zu tun? Der brutale Kriminelle Billy (Robbie Gee)? Oder ist die bizarre Kreatur doch das Werk eines wirklichen Chirurgen? In bester Krimi-Manier legt Ross ständig neue Fährten aus, auf denen sich Marlott verlaufen darf oder sein Leben verteidigen muss. Jedes Mal, wenn er der Wahrheit einen Schritt näher kommt, läuft er vielmehr in die falsche Richtung.

Viele Spuren, zu wenig echte Ermittlung
Zu grübeln und zu rätseln gibt es daher in den sechs Folgen genug. Vielleicht sogar etwas zu viel: Bei der Vielzahl an Charakteren, die hier herumlaufen, ist es nicht immer ganz einfach, den Überblick zu behalten. Die Mördersuche wird aber auch dadurch erschwert, dass die Geschichte oft etwas wirr erzählt ist. Gerade bei der Ermittlung gibt es deutliche Defizite. Der Fund neuer Spuren hat weniger mit Detektivarbeit zu tun, sondern verlässt sich schon sehr auf den Zufall. Und auch die Schlussfolgerungen aus den Hinweisen sind nicht immer ganz nachzuvollziehen: Man hat den Eindruck, dass Marlott einfach nur durch die Straßen gehetzt werden soll, egal mit welchen Mitteln.

Die sehen dafür sehr nett aus – sofern man Schmutz mag. Dass es vor rund 190 Jahren mit den sanitären Anlagen nicht so weit her war, das dürfte jedem klar sein. Hier gab man sich aber sichtlich Mühe, aus London einen einzigen Moloch zu machen, in dem jeder entweder in Abgründen lebt oder diese mit sich trägt. Atmosphärisch ist diese Melange aus Schwarz, Grau und Braun gut gelöst. Wer in The Frankenstein Chronicles einen Fuß vor die Tür setzt, kann sich nicht sicher sein, ob er den ein paar Minuten später noch hat. Die ganz große Spannung bringen die ersten sechs Folgen aber noch nicht. Bei all den Verwicklungen kommt die Geschichte kaum in die Gänge, zumal die ständigen Visionen von Marlott wenig variantenreich die Handlung regelmäßig unterbrechen. Dafür endet Staffel 1 mit einem echten Knaller, der einen neugierig werden lässt, was die bereits angekündigte zweite Staffel aus dem Stoff noch macht.



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The Frankenstein Chronicles – Staffel 1
„The Frankenstein Chronicles“ nimmt den unverwüstlichen Horrorklassiker und strickt eine interessante (Meta-)Krimifassung daraus. Bei der Detailarbeit hapert es jedoch: Die Geschichte ist etwas wirr erzählt, die Ermittlungen sind unbefriedigend, das Tempo stimmt nicht so ganz. Dafür bietet die Serie einen schön-schaurigen Blick auf ein vermoderndes London des frühen 19. Jahrhunderts.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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