(„20th Century Women“ directed by Mike Mills, 2016)

Jahrhundertfrauen

„Jahrhundertfrauen“ läuft ab 18. Mai 2017 im Kino

Dorothea Fields (Annette Bening) ist eine starke, selbstbewusste und unabhängige Frau Mitte 50. Etwas zu unabhängig, wenn es nach ihrem jungen Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) geht, der mitten in der Pubertät steckt und ganz froh darüber wäre, wenn seine Mutter auch mal einen richtigen Mann an ihrer Seite hätte. Dabei gäbe es ja sogar einen Anwärter: Handwerker Michael (Billy Crudup), der ebenso wie die Fotografin Abbie (Greta Gerwig) bei ihr zur Untermiete wohnt. Aber feste Beziehungen kamen Für Dorothea nie so wirklich in Frage. Jamie selbst hat wiederum ein Auge auf Julie (Elle Fanning) geworfen, mit der er seit vielen Jahren befreundet ist, die inzwischen aber mehr als nur eine Freundin geworden ist.

Ein bisschen irreführend ist der deutsche Titel ja schon: Jahrhundertfrauen, das klingt nach großen Heldinnen, Frauen, die Geschichte geschrieben haben. Ein weiteres Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen, wenn man so will. Dabei geht es Mike Mills hier um etwas ganz anderes. Nachdem der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor in seinem letzten Film Beginners seinem Vater ein filmisches Denkmal gesetzt hat, basiert sein neues Werk auf dem Leben seiner Mutter. Und man merkt ihm an, wie persönlich die Geschichte um die bunt zusammengemischte WG geworden ist. Wie sehr sie ihm am Herz lag.

Die Geschichte dreier starker Frauen
Das soll nicht bedeuten, dass die drei Frauen gewöhnlich sind. Das ist keine von ihnen, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass der Film in den 70ern spielt. Dorothea hat sich durchgekämpft, Karriere gemacht und zeigt, dass man als Frau kein Anhängsel von Männern sein soll. Abbie geht noch ein bisschen weiter, ihr Leben ist eine einzige Kampfansage. Wo sich Dorothea gern auch mal zurücklehnt und einfach nur schöne Musik hören will, da zwingt Abbie in einer der witzigsten Szenen alle Männer am Tisch, das Wort Menstruation zu sagen, wieder und wieder, um dieser ihre Natürlichkeit zurückzugeben. Julie ist im Vergleich die unaufälligste der drei Frauen, da sie viel zu sehr damit beschäftigt ist, sich selbst zu finden.

Um Selbstfindung geht es dann auch sehr oft in Jahrhundertfrauen. Nicht nur, weil Dorothea die beiden anderen Frauen dazu einspannen will, ihren Sohn zu erziehen – ganz ohne Mann. Sondern auch, weil hinter der starken Fassade alles sehr viel weniger klar definiert ist, als es erscheint. So gut das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn hier eigentlich ist, der Film ist auch stark von Konflikten geprägt. Konflikten darüber, was ein Leben ausmacht. Konflikten auch über die Deutungshoheit: Wer oder was bestimmt, wer man ist?

Das Leben aus vielen Perspektiven
Leicht macht es sich Mills dabei nicht. Indem er immer wieder die Perspektive wechselt, mal Dorothea, mal Jamie erzählen lässt, beleuchtet er die Konflikte und die Selbstsuche von mehreren Seiten. Zusätzlich arbeitet er viel mit Zeitsprüngen, erzählt die Zukunft vor der Gegenwart oder reist in Flashbacks auch mal zurück. Durch diese segmentierte, episodenhafte Erzählweise setzen sich die einzelnen Teile nach und nach zu einem ebenso überzeugenden wie komplexen Bild zusammen. Außerdem gleicht Jahrhundertfrauen auf diese Weise geschickt aus, dass der Film keine tatsächliche Handlung hat, keinen roten Faden, sondern ausschließlich aus diesen Momenten besteht.

Die sind in der Summe stimmig, funktionieren aber auch losgelöst voneinander wunderbar. Das ist zum einen auf das herausragende Ensemble zurückzuführen. Ob die für mehrere Preise nominierte Bening (American Beauty) als überfragte Übermutter, Gerwig (Mistress America) als willensstarke Neo-Feministin, die lasziv-sehnsüchtige Fanning (The Neon Demon), Mills schart hier ein umwerfendes Trio um sich – ausdrucksstark und verletzlich. Crudup (Alien: Covenant) bleibt angesichts der Frauen-Power fast zwangsweise etwas im Schatten, darf aber immerhin ein Fels in der Brandung sein, wenn es im Haushalt mal wieder ganz besonders wild zugeht. Dafür ist Newcomer Zumann umso auffälliger, kann in seinem Coming-of-Age-Part durchaus eigene Akzente setzen. Abgerundet wird der Film durch eine Menge Zeitkolorit aus den späten 70ern, die der 1966 geborene Mills wie alles hier mit persönlichen Anekdoten und viel Individualität ausfüllt. Nein, Geschichte geschrieben hat vielleicht keine der drei Frauen. Aber das müssen sie auch nicht: Jahrhundertfrauen ist eine wundervolle und mitreißende Tragikomödie, eine Liebeserklärung an das Leben und die Sinnsuche und insgesamt einer der schönsten Filme, die 2017 bislang ins Kino gekommen sind.

Jahrhundertfrauen
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Jahrhundertfrauen
„Jahrhundertfrauen“ erzählt die nicht ganz typische Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen, der von drei außergewöhnlichen Frauen umgeben in den späten 70ern aufwächst. Das kommt zwar ohne große Handlung oder einen roten Faden aus, gleicht dies aber durch viele Zeit- und Perspektivenwechsel aus. Abgerundet wird die wundervolle episodenhafte Tragikomödie durch viel Zeitkolorit und ein mitreißendes Ensemble.
9von 10

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